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Kinder brauchen die Wahrheit über ihre Wurzeln

Wenn Kinder über ihre Herkunft angelogen werden, wirft sie der Vertrauensverlust aus der Bahn.

Kinder halten mehr aus, als so mancher Erwachsene denken mag – mit einer Ausnahme: Lügen. Besonders schlimm ist das, wenn es um die eigenen Wurzeln geht – etwa wer der leibliche Vater ist. „Viele Eltern sagen ihren Kindern anfangs nicht die Wahrheit, weil sie denken, sie sind zu klein, um das zu verstehen. Später haben sie Angst, das Thema anzusprechen, weil sie schon so lange mit der Lüge leben“, sagt Psychologin Claudia Rupp. Sie rät dazu, Kinder möglichst früh über ihre Herkunft aufzuklären – spätestens dann, wenn sie danach fragen. Es macht einen Unterschied, ob ein Kind von Anfang an weiß, dass es noch einen zweiten Papa gibt, der es „gemacht hat“ – beziehungsweise eine „Bauchmama“ –, oder ob es Jahre später erfährt, dass es von den Eltern belogen wurde. Denn dann bricht für das Kind eine Welt zusammen. Das Vertrauen bricht weg, und mit ihm die Wurzeln.

Das kann Menschen völlig aus der Bahn werfen. Bruno Hildenbrand, Soziologe an der Universität Jena, warnt daher ebenfalls vor Heimlichtuerei. Er illustriert das anhand eines Fallbeispiels. Eine 20-Jährige, die schon fest im Leben gestanden war, erfuhr im Streit von ihrer Mutter, dass der „Papa“ nicht ihr leiblicher Vater war. Das zog ihr den Boden unter den Füßen weg. Beruflich ging es bergab, sie brauchte psychiatrische Behandlung. „Solche Frauen denken dann bei jedem 50-jährigen Mann auf der Straße: Das könnte mein Vater sein. Da wird man verrückt“, sagt Hildenbrand.

Die Suche nach den eigenen Wurzeln beschäftigt jedes Kind – unabhängig davon, ob es Stiefeltern gibt oder nicht. „Man hat bei Untersuchungen Kinder befragt, wer für sie wichtige Menschen sind. Der leibliche Vater wurde da, obwohl er nicht vorhanden war, sehr nahe zur Mutter gereiht. Während der Stiefvater einfach nicht vorkam. Umgekehrt hat auch der Stiefvater das Stiefkind nicht erwähnt“, sagt Hildenbrand.

Auch nach einer Trennung der Eltern sollte die elterliche Beziehung zum Kind aufrechterhalten werden. Vom „sozialen Vater“ als Ersatz für den leiblichen hält er wenig. „In Frankreich kennt man das gar nicht. Für Kinder ist das auch Unfug. Die wollen wissen, wo sie herkommen.“ Bei der Suche nach dem leiblichen Elternteil sollen Kinder von den erwachsenen Bezugspersonen unterstützt werden.


Stiefkinder doppelt sooft gefährdet. Laut Hildenbrand kommt es in Familien, wo Kinder bei leiblichen Eltern leben, in rund zehn Prozent der Fälle zu problematischen Entwicklungen wie Depressionen, Übergewicht, Kriminalität. „In Stieffamilien sind das geschätzt 20 Prozent. Das lässt sich aber mit professioneller Beratung auf die Hälfte reduzieren“, so Hildenbrand. Immerhin 80Prozent der Stieffamilien würden alles weitgehend richtig machen.

Der Soziologe hat aber auch schichtspezifische Unterschiede ausgemacht. „Es ist problematisch, wenn von Kindern verlangt wird, dass sie gleich zum neuen Freund der Mutter Papa sagen sollen. Zehn Jahre Erfahrung mit dem Jugendamt sagen mir, dass das vor allem ein Problem, aber nicht ausschließlich, der Unterschicht ist.“

Nicht immer geht es bei der Suche nach einem fehlenden Elternteil übrigens um den Vater. In 20Prozent der Fälle wachsen Kinder ohne die leibliche Mutter auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2011)