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Wiener Volkstheater: Nestroys wilde Posse übers Militär

Wiener Volkstheater Nestroys wilde
(c) APA
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Vicki Schubert inszeniert am Wiener Volkstheater die Verwechslungskomödie "Der Färber und sein Zwillingsbruder" mit Matthias Mamedof in der Doppelrolle. Die Musik ist flott, die Pointen sind sicher.

Mit einem zackigen Morgenappell beginnt im Wiener Volkstheater Vicki Schuberts Inszenierung von Johann Nestroys Posse „Der Färber und sein Zwillingsbruder“. Ein Ballett von Sergeanten, die skurrile Übungen im Exerzieren vollführen, macht von Anfang an klar – die Deppen sind hier beim Militär zu suchen. Wie die Garde einer Bananenrepublik turnen die blau gekleideten Soldaten auf der Drehbühne. Das ist sicher im Sinne des Dramatikers, der mit dem „Färber“ ein ziemlich verrücktes Stück geschrieben hat, vor der wildesten Zeit des sozialen Umbruchs im 19.Jahrhundert.

Dieser von einer französischen Oper abgekupferte Dreiakter aus dem Jahre 1840 ist eine pointenreiche Verwechslungskomödie. Ein braver Mann hilft einem leichtlebigen Bruder aus der Patsche, übernimmt seine Rolle und wird zum Helden; Beförderung, Doppelhochzeit statt harter Strafe. So simpel soll es sein. Die Premiere vom Freitag zeigte, dass vieles richtig gemacht wurde, um den Publikumsgeschmack des Hauses zu treffen; keine Experimente, sondern sanfte Ironie, viel Gefühl und schmissige Musik der Combo von Fritz Rainer. Dazu noch passende Lieder über Ehe und andere Katastrophen von Georg Kreisler statt der üblichen Couplets sowie ein Mix aus altgedienten Stars und werdenden Lieblingen. Der Applaus nach zweieinhalb Stunden sicheren Handwerks war herzlich bis euphorisch. Flott dreht sich die Bühne (Stephan Koch) von der Kaserne zum Färberhaus, dazwischen eingeklemmt ist ein kleines Militärorchester, während oben auf einer Empore ein Schlagzeuger dem Geschehen Schmiss gibt.

Glücklich gewählt war die Besetzung der Hauptrolle. Mit Matthias Mamedof in der Doppelrolle als Färbermeister Kilian und dessen Zwilling Sergeant Hermann Blau wurde ein werdender Publikumsliebling geschickt in Szene gesetzt. Als gutmütiger Färbermeister, dem die Worte fehlen, wenn er sich seinem geliebten Roserl erklärt, wirkt er besser denn als Weiberheld vom Militär. Er reüssiert als kleiner Schwiegermuttertraum, eine reizvolle Ergänzung zu seiner fast schon Angetrauten, die von Andrea Bröderbauer nicht als süßes Mädel, sondern als resche Person gegeben wird. Die Komik beherrscht sie. Ihre Ausbrüche der Leidenschaft und Wut oder auch das bloße Anhimmeln sind immer gut gesetzt.

In ihren Pointen sind auch Andy Hallwaxx und Christoph F. Krutzler als Sergeanten, Alexander Lhotzky als Major und Thomas Kamper als sächselnder Oberforstmeister Löwenschlucht versiert. Die meisten Lacher aber erntet Alexander Jagsch als Löwensteins Bedienter Peter – mit seinem Kunstfranzösisch und in hellblauer Seidenlivree scheint er ein der Pariser Oper entsprungener Anachronismus zu sein.

Wie aus einer anderen Zeit wirkt auch Harald Serafin. Sein Auftritt als skurriler General im dritten Akt erfolgt aus dem Parkett. Und für immer hat er sie, die allgemeine Aufmerksamkeit und Bewunderung, als ob er eben zum Dancing Star gekürt worden wäre. Dabei gelingt Doppeldeutiges; ist er nun ein vertrottelter Militär oder ein alter Mann, der mehr über das vertrottelte Militär und das Leben an sich weiß, als er zugeben will? Sein Lied vom General sagt alles. Die Posse endet aber versöhnlich, der hohe Offizier wird alles vergeben und vergessen. Deshalb ruft er generös: „Amnesie!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2011)