Warum das kommende Wochenende Anlegern Nervenkitzel bietet und die Aktie von Google einen näheren Blick wert ist. Prognostizieren lassen sich die Märkte derzeit freilich so gut wie überhaupt nicht.
Die Börsen können doch noch positiv überraschen: Aus der kleinen Gegenbewegung im europäischen Benchmarktindex Dax ist eine ordentliche Bärenmarktrallye mit 20 Prozent Plus geworden. Allerdings: Es ist noch immer eine Gegenbewegung in einem aufrechten Abwärtstrend. Charttechnisch würde der deutsche Leitindex diesen erst jenseits von rund 6500 Punkten verlassen.
Ob er bis dahin kommt, ist freilich höchst ungewiss. An der 6000-Punkte-Grenze ist der Dax vorige Woche jedenfalls mehrmals heftig nach unten abgeprallt. Das dürfte derzeit annähernd das Ende der Kurs-Fahnenstange sein.
Prognostizieren lassen sich die Märkte derzeit freilich so gut wie überhaupt nicht. Der vorwöchige Tipp, auf eine laufende Gegenbewegung des niedergeprügelten Solarwerts Solarworld(ISIN DE0005108401) zu setzen, hat sich schon am Montag als unpassend erwiesen: Die Aktie ist ein paar Tage gefallen wie ein Stein – um mit einem starken Finish gegen das Wochenende hin nicht nur die Verluste aufzuholen, sondern die Woche auch noch mit einem Plus abzuschließen. Also doch noch ein Treffer.
Auch dieser Gegenschwung könnte weitergehen. Muss aber nicht. Denn fundamental sind die Solarwerte so kaputt wie die Bankaktien. Eine schöne Sache für Swingtrader, aber nichts für Langfristinvestoren, für die weiter die Empfehlung gilt, sich das närrische Börsentreiben von der Seitenlinie aus anzuschauen und zu warten, bis ein Boden gefunden ist.
Der ist noch nicht zu sehen. Und es wird in nächster Zeit aus makroökonomischen Gründen wohl noch ein paarmal „rumpeln“. Ein Tag, der die Nerven der Anleger strapazieren könnte, ist der kommende Sonntag. Da werden die EU-Regierungschefs zur Eurokrise „gipfeln“ (wohlweislich an einem Tag, an dem die Börsen geschlossen sind). Und wahrscheinlich Vorbereitungen für den „Haircut“ in Griechenland beschließen. Es geht um das zum EU-Modewort gewordene „fencing“, also das „Einzäunen“ der übrigen Euroländer und der großen Banken des Euroraums zum Schutz vor den Folgen des Griechen-Defaults.
Wenn die EU-Regierungschefs (was angesichts der letzten „Leistungen“ freilich eine Überraschung wäre) da gescheite Maßnahmen beschließen, könnten die Börsen durchaus durchatmen. Wenn nicht, dann wird es an den Märkten in der darauffolgenden Woche wohl wieder einmal „Granada“ spielen. Positionen über das nächste Wochenende zu halten, ist also etwas für Nervenstarke. Wer kurzfristig orientiert ist, hat natürlich auch in der kommenden Woche Gelegenheit, auf Schnäppchenjagd zu gehen. Sehr gut sieht fundamental derzeit beispielsweise der Internetsuchmaschinenkonzern Google(ISIN US38259P5089) aus. Der hat ein ganz ausgezeichnetes Ergebnis für das dritte Quartal vorgelegt – und damit alle Analysten positiv überrascht.
Der Konzern, der seine Einnahmen überwiegend aus der Internetwerbung lukriert, hat die Umsatzprognosen der Analysten immerhin um 300 Mio. Dollar hinter sich gelassen. Das hat zwar gleich am Tag der Ergebnisbekanntgabe einen Kurssprung ausgelöst. Aber Potenzial ist noch immer da.
Im deutschen Dax sieht die Vorzugsaktie von VW(ISIN DE0007664039)sehr gut aus. Der Absatz läuft und läuft und läuft (bis Ende September plus zwölf Prozent auf 3,81 Mio. Einheiten). Und das machte zuletzt auch die Aktie: Nach einem Rückfall in die Gegend von 90 Euro ist das Papier rasant durchgestartet und hat zuletzt schon mit der 115-Euro-Marke geliebäugelt. Dort lauert ein charttechnischer Widerstand, dessen nachhaltiger Durchbruch einiges an Potenzial brächte. Die Commerzbank hat neulich zwar das Kursziel gesenkt, aber das hat aktuell nicht viel zu sagen: Die Aktienkursziele waren bisher generell zu hoch angesetzt, sie werden jetzt Schritt für Schritt den Realitäten angepasst – und lassen bei den starken Kursrückgängen der vergangenen Wochen und Monate noch genug Luft nach oben.
Allerdings: Mit der Charttechnik lässt sich derzeit nur kurzfristig hantieren. Überlagert wird das alles natürlich von den politischen Entwicklungen in der EU. So gesehen sind klarerweise auch die beiden Tipps dieser Woche vorerst nur Kurzfristanlagen, mit denen man bei gutem Börsenwind ein paar Prozent „mitnehmen“ könnte – sofern man darauf achtet, schnell wieder „draußen“ zu sein, wenn der Wind sich dreht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2011)