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Kodak: Das letzte Foto ist geschossen

Kodak letzte Foto geschossen
(c) Bilderbox
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Der US-Fotopionier Kodak hat den Übergang auf die digitale Zeit nicht geschafft. Nun beginnt der Konzern mit dem Abverkauf von Patenten. Das dürfte das Sterben der Firma aber nur noch ein wenig verzögern.

Es ist ein Zeichen, das in so gut wie jedem Land der Erde bei Trafiken, Zeitungsständen oder kleinen Greißlern zu finden gewesen ist: ein rotes „K“ auf knallgelbem Hintergrund. Und fast jeder Tourist machte sich einmal in einer fremden Stadt auf die Suche danach, um sich und seine Kamera wieder mit frischen Filmen für die Aufnahmen von Sehenswürdigkeiten und Mitreisenden einzudecken.

Doch diese Zeiten sind schon lange vorbei. Heutzutage werden die Fotos oft nicht einmal mehr mit einer eigenen Kamera, sondern mit dem Handy gemacht und per E-Mail oder sozialem Netzwerk an Freunde und Verwandte gesandt. Gemeinsam untergegangen mit der analogen Fotografie ist auch jenes Unternehmen, das vor rund 130Jahren Schnappschüsse für jedermann erst möglich gemacht hat: Kodak.


Insolvenzgerüchte.
Man habe nicht vor, Insolvenz anzumelden, bemühte sich Kodak Anfang des Monats, Anleger und Mitarbeiter zu beruhigen. Zuvor hatten entsprechende Gerüchte den Aktienkurs um über 50 Prozent abstürzen lassen. Die Gerüchte stellten sich im Nachhinein als falsch heraus. Aber allein der Umstand, dass sie allgemein als realistisch angesehen wurden, zeigt, wie es um das Unternehmen steht.

Schon seit mehreren Jahren schreibt Kodak regelmäßig Verluste in dreistelliger Millionenhöhe. Die von Konzernchef Antonio Perez vor sechs Jahren eingeschlagene Strategie, Kodak in einen Spezialisten für die Verarbeitung und Archivierung digitaler Fotos zu verwandeln, kostete mehr als zwei Milliarden Dollar, brachte aber keine Erfolge. Im Juni überstiegen erstmals die Verbindlichkeiten den Wert der realen Vermögensgegenstände.

Darum sollen nun die letzten Reserven gehoben und das „Tafelsilber“ der Firma zu Geld gemacht werden: Kodak will 1100 Patente verkaufen und damit bis zu drei Milliarden Dollar einnehmen. Mit diesem Geld soll der Wandel der Firma endlich gelingen, versprechen Perez und sein Team. Beobachter erwarten jedoch, dass dies lediglich die letzte Runde des Sterbens von Kodak einläuten wird.

Der Herbst 2011 ist aber ohnehin nur das Schlusskapitel des langen Niedergangs von Kodak. Die Erfolgsgeschichte begann bereits in den 1980er-Jahren zu bröckeln. Damals stieg mit dem japanischen Hersteller Fuji ein neuer und schlagkräftiger Rivale in den Ring. Zuvor konnte sich Kodak fast hundert Jahre lang über ein weltweites Quasimonopol bei analogen Filmen und Fotopapier freuen. Nur in einzelnen Märkten wie Deutschland und Österreich gab es etwa mit Agfa auch zuvor bereits ernsthafte Konkurrenten.

Diese Stellung hatte sich die 1880 in Rochester, im US-Bundesstaat New York, von George Eastman gegründete Firma durch innovative Ideen am Anfang des 20. Jahrhunderts aufgebaut. So ersetzte Kodak als Erster die schweren Filmplatten durch leichte Zelluloidfilme, wodurch Pocketkameras für die Tasche möglich wurden. „Sie drücken den Knopf, den Rest erledigen wir“, war die Devise von Eastman, mit der Kodak bereits in den 1920er-Jahren zum unumstrittenen Marktführer aufstieg. Der Name ist übrigens ein Kunstwort – er sollte kurz und unverwechselbar sein, mit einem „K“ am Anfang, weil dieser Buchstabe für Eastmans Ohren „stark und prägnant“ klang.

Diese Prägnanz fand bei den Konsumenten jedoch zunehmend weniger Gehör. Sie kauften immer häufiger Filme vom Hersteller Fuji, der gleiche Qualität bei geringerem Preis lieferte. So forcierte vor allem die wichtigste US-Handelskette Wal-Mart den japanischen Preisdrücker, weshalb Kodak schon in den letzten Jahren der analogen Zeit kräftig an Marktmacht und Umsatz einbüßte.


Digitaler Todesstoß.
Den Todesstoß erlitt Kodak aber erst durch die digitale Fotorevolution Ende der 1990er-Jahre. Dabei war es das Unternehmen selbst, das im Jahr 1975 die erste Digitalkamera entwickelte. Mit ihr blieb es am US-Markt auch bis in die frühen 2000er-Jahre stark vertreten. Allerdings waren die Digitalkameras von Kodak teurer als die großteils japanische Konkurrenz– und verursachten dem Konzern in den meisten Fällen dennoch Verluste.

Zudem konnte sich Kodak nie ganz an den Gedanken einer Welt ohne Filme in den Kameras gewöhnen. So vermarktete das Unternehmen noch 2001 mit Vehemenz sein Hybrid-Modell Advantix. Eine Kamera, bei der das Bild zwar zuerst digital auf einem Display dargestellt, bei Gefallen aber dennoch auf einen Film gebannt wurde, anstatt es gleich digital zu speichern.

Ein Grund dafür könnte sein, dass Kodak bei seiner Produktentwicklung vor allem auf Marktforschung und die Meinung von Kunden vertraute. „Man versucht nicht, die Kunden zu ändern. Man lässt sie einem erzählen, was sie wollen“, meinte dazu 2001 Brian Marks, der damalige Chef von Kodaks Privatkundensparte.

Ganz anders reagierte etwa Apple-Chef Steve Jobs, als er 2010 gefragt wurde, welche Marktforschung ihm zur Entwicklung des iPad geraten hatte: „Es ist nicht die Aufgabe der Verbraucher, zu wissen, was sie wollen“, meinte daraufhin der Erfinder des iPhone, das heute die klassische Kodak-Pocketkamera ersetzt.


Streng hierarchisch. Kodak war durch den jahrzehntelangen Erfolg und die starke Ausrichtung auf den Verkauf analoger Filme einfach zu träge geworden, um wirkliche Innovationen zu entwickeln – wie es einst George Eastman im analogen Zeitalter schaffte. Hinzu kam eine von Traditionen bestimmte und streng hierarchische Struktur des Konzerns, in dessen Hauptquartier in Rochester früher 60.000 der 200.000 Einwohner der Stadt arbeiteten. Einen Job bei Kodak anzunehmen wurde dort augenzwinkernd als „lebenslänglich bekommen“ bezeichnet. Das Unternehmen sorgte für Stadt und Mitarbeiter, dafür zeigte man sich der Firma ergeben. „Wenn es regnet, würde mir niemand widersprechen, wenn ich sage, dass die Sonne scheint“, meinte der ehemalige HP-Manager Perez einmal.

Wie lange Kodak noch der „Rückkehr in die Profitabilität“ nachlaufen kann, die laut Analysten „ständig in den nächsten zwei Jahren versprochen wird“, ist fraglich. Mit dem einstigen Weltkonzern hat das Unternehmen schon heute nur noch wenig gemein.

So sank die Zahl der weltweiten Mitarbeiter vom Höchststand von 145.300 im Jahr 1988 auf nunmehr 18.800. Der Börsenwert reduzierte sich seit dem Rekord im Jahr 1997 um 30Milliarden Dollar auf 330 Millionen Dollar. Der Umsatz halbierte sich seit 2005 auf 7,2 Milliarden Dollar pro Jahr.

„Aus unserer Sicht würde es den Unternehmenswert von Kodak maximieren, wenn das Unternehmen liquidiert und die Einzelteile verkauft werden“, fällte jüngst die Ratingagentur Fitch ein wenig schmeichelhaftes Urteil. Das rote „K“ auf gelbem Grund könnte also schon bald auf ewig verschwinden.

Geschichte

1880
George Eastman gründet Kodak in Rochester im US-Bundesstaat New York.

1935
„Kodakchrome“ kommt auf den Markt, der erste Farbfilm für Amateure.

1975
Kodak-Entwickler Steven Sasson konstruiert die erste Digitalkamera der Welt.

2004
Kodak stoppt den Verkauf von 35-mm-Filmkameras und fliegt aus dem Dow Jones.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2011)