"Rechtspanorama am Juridicum": In Krimis halten sich die Ermittler oft nicht ans Gesetz; so stehen etwa illegale Hausdurchsuchungen auf der Tagesordnung. Erhält die Bevölkerung ein falsches Bild von der Justiz?
Wien. Was macht ein bekannter Kriminalpsychologe wie Thomas Müller in seiner Freizeit? „Ich muss ein Geständnis ablegen. Wenn ich am Abend nach Hause komme, mache ich alles Mögliche. Aber einen ,Tatort‘-Krimi schaue ich mir nicht an“, gab Müller zu. „Psychohygienische Gründe“ würden ihn am Betrachten eines Krimis hindern. „Denn was sich dort abspielt, hat mit der Realität nichts zu tun.“
Und doch beeinflussen Krimis das Bild der Bevölkerung von der Justiz. Inwiefern und ob durch Krimis ein falsches Bild entsteht, darüber diskutierten beim letztwöchigen „Rechtspanorama am Juridicum“ (einer Koproduktion von Uni Wien und „Presse“) ausgesuchte Kenner der Materie wie etwa „Tatort“-Kommissar Harald Krassnitzer. Und auch er machte kein Hehl daraus, dass im Film einiges anders ablaufen muss als in der Realität. „Ich möchte nicht wissen, wie oft ich Hausdurchsuchungen ohne richterlichen Beschluss gemacht habe“, meinte Krassnitzer. „Aber wir müssen in eineinhalb Stunden fertig sein. Wenn wir wir so arbeiten würden wie Justiz und Polizei, würden wir da nie fertig werden“, erklärte der TV-Kommissar. Wobei Krassnitzer glaubt, dass Krimis weniger für ein falsches Bild der Justiz in der Bevölkerung sorgen als fiktive Gerichtsfälle, wie sie im deutschen Fernsehen (zum Beispiel „Richterin Barbara Salesch“) gezeigt werden. „Da entsteht tatsächlich der Effekt, bei Gericht geht es so locker und flockig zu.“
„Möglichst vom Recht fernhalten“
Dass Film und Wirklichkeit zwei Paar Schuhe sind, kommt auch dem ORF-Chefdramaturgen Alexander Vedernjak zugute. „Denn ich habe allein im vergangenen Jahr 54Morde begangen“, verriet er. Auf die Realität umgelegt „wäre ich also ein Psychopath und Massenmörder“. Vedernjak berichtete, dass im ZDF einst Krimis eine Unterabteilung des Dokumentarspiels darstellten. Dann sei man aber doch draufgekommen, dass Krimis mit Dokumentationen nicht viel zu tun haben. „Wir machen nämlich Unterhaltung“, analysierte Vedernjak. Krimiautorin Eva Rossmann hätte wiederum alle Voraussetzungen, um juristisch korrekte Bücher zu verfassen. Schließlich hat sie Jus studiert. „Aber vielleicht hat gerade dieser Umstand dazu geführt, dass ich versuche, mich beim Schreiben möglichst vom Recht fernzuhalten“, sagte Rossmann. Das Wichtigste seien schließlich nicht Details, sondern der Gesamtinhalt: „Wenn ich selbst einen Krimi anschaue, bin ich auch wenig interessiert, ob es sieben oder zwei Leichen gibt. Ich will eine Geschichte erzählt bekommen“, betonte Rossmann. Die Autorin brachte auch auf den Punkt, warum Krimis in der Bevölkerung so beliebt sind. „So viel im Leben ist ungerecht und bleibt ungeklärt. Aber wenn man einen Krimi gelesen hat, dann kann man immerhin sagen, hier ist etwas geklärt worden.“
Speziell US-Krimis seien weit von der Realität entfernt, rügte Susanne Reindl-Krauskopf, Strafrechtsprofessorin an der Universität Wien. „Die Ermittler sind dort Wunderwuzzis, kennen sich gleichzeitig in Spurensicherung und Toxikologie aus, beherrschen alle Vernehmungstricks und schütteln alles aus einem Köfferchen.“ Auch würden diese Leute viel hübscher sein als in Wirklichkeit, ergänzte Kriminalpsychologe Müller: „Wisst ihr, wie ein Kriminalpsychologe in Wirklichkeit aussieht?“, fragte Müller selbstironisch in den Raum.
Heimische TV-Detektive sind zwar keine Übermenschen, aber auch an den österreichischen Krimis gibt es einiges zu rügen. „Es entsteht ein Bild der Polizei, die alles darf und alles kann. Und wenn einmal ein Staatsanwalt vorkommt, dann ist er nur lästig“, konstatierte Reindl-Krauskopf. Dem musste Krassnitzer zustimmen: „Die Staatsanwälte sind neunzig Minuten lang die Spaßbremsen.“ Worauf Reindl-Krauskopf vorschlug, doch einmal „einen lässigen Staatsanwalt“ im TV zu zeigen. „Nehmen Sie den doch einmal mit, lassen Sie ihn ermitteln“, appellierte die Juristin an Krassnitzer. Schließlich sei es seit der Reform der Strafprozessordnung im Jahr 2008 ja tatsächlich so, dass der Staatsanwalt die Ermittlungen leiten sollte.
Justiz: Ist die Realität schlimmer?
Krassnitzer wiederum betonte, dass eigentlich Medienberichte über die echte Justiz das Vertrauen in den Rechtsstaat viel mehr beeinträchtigen. „Man kann doch die Fernsehlandschaft nicht dafür verantwortlich machen, dass das Land so ist, wie es ist, und das Justizwesen nicht das beste zu sein scheint.“ Es sei nicht in Ordnung, dass geheime Gerichtsdokumente an die Öffentlichkeit gelangen. Es solle aber auch nicht sein, dass etwa Karl-Heinz Grasser sich als „schöner Feschak und supersauber“ inszenieren darf. „Ich als Bürger kann nicht mehr beurteilen, ob dieses Land ein Rechtsstaat ist“, sagte Krassnitzer. „Das Bild der Justiz in der Öffentlichkeit „verunsichert mich noch viel mehr als so eine depperte Salesch-Sendung“, meinte der Schauspieler. Nun hakte allerdings Müller ein: „Ich bin überzeugt, dass die Strafrechtspflege in Österreich gut funktioniert“, sagte Müller. Die Staatsanwälte würden hart arbeiten, und die Justiz könne nichts dafür, dass manche Politiker gedacht hätten, das Land sei ihr Krämerladen.
Einig waren sich die Diskutanten, dass Krimis wohl kaum Leute auf die Idee bringen würden, einen Mord zu begehen. Man müsse aber schon vorsichtig sein, dass man nicht zu realitätsgetreu zeige, wie man etwa Spuren verwische. Das sei übrigens auch im realen Strafrechtsverfahren nicht unproblematisch. So erinnerte sich Müller an den Fall Jack Unterweger, den man im Rahmen des Prozesses wochenlang unfreiwillig über Spurensuche und Ermittlungsmethoden ausgebildet habe: „Ich habe mir gedacht, wenn der freikommt, kriegen wir ihn nie mehr.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2011)