Die Mehrheit der Mitarbeiter der EZB sagen in einer Umfrage, dass die Zentralbank mit Anleihenkäufen in der Krise ihr Mandat überschritten hat. Auch interne Entscheidungen Trichets sind weniger gut angekommen.
Wien/Jil. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, geht mit Ende des Monats in Pension. Er wird eine Belegschaft hinterlassen, die mehrheitlich der Meinung ist, dass die EZB unter Trichet ihr Mandat überschritten hat. Das ergibt jedenfalls eine Umfrage der Gewerkschaft Ipso, an der ein Drittel der rund 1500 EZB-Mitarbeiter teilgenommen haben. Demnach sagen 55,1 Prozent der Befragten, dass der Aufkauf von Staatsanleihen zur Unterstützung von Griechenland, Portugal, Irland, Spanien und Italien nicht zum Mandat der Notenbank passe.
Fast 45 Prozent stehen aber voll hinter Trichet und sehen in den Anleihenkäufen kein Problem für die EZB. Die wichtigste Aufgabe der EZB und ihr oberstes Mandat ist die Erhaltung der „Preisstabilität“ in der Eurozone. Laut Eigendefinition der Zentralbank ist dieses Ziel erreicht, wenn die Inflation knapp unter zwei Prozent liegt. Das Ziel wird seit dem Ausbruch der Eurokrise allerdings verfehlt. Im September lag die Inflation in der Eurozone bei drei Prozent, in Österreich bei vier Prozent.
Trichets Mandatsüberschreitungen scheinen für die meisten EZB-Mitarbeiter angesichts der Finanzkrise aber verständlich zu sein. 53 Prozent derer, die sagen, die EZB sei zu weit gegangen, sind auch der Meinung, dass Trichet damit richtig gehandelt habe. Nur 35,6 Prozent der Mitarbeiter verurteilen diese Vorgehensweise. 11,5 Prozent können sich nicht entscheiden, ob die Anleihenkäufe eine gute oder eine schlechte Idee seien. Drei Viertel der Mitarbeiter sind allerdings unabhängig von der Mandatsfrage der Meinung, Trichet hätte die Zentralbank nach außen gut vertreten und sagen, er sei ein guter Kommunikator.
Kritik an internem Sparkurs
Interne Entscheidungen Trichets sind bei der Belegschaft weit weniger gut angekommen. Die wiederholte Aussage des Präsidenten, wonach die Mitarbeiter das „wertvollste Asset der Institution“ seien, sehen fast 60 Prozent der Mitarbeiter in den Entscheidungen Trichets nicht widergespiegelt. Was davon nicht zu trennen ist: Rund 55 Prozent der Belegschaft kritisieren Trichets harten Sparkurs innerhalb der EZB.
Was Trichets Performance als „Hüter“ des Euro angeht, stehen die EZB-Mitarbeiter aber hinter ihrem Chef der letzten acht Jahre. Rund 30 Prozent sagen, Trichet hätte einen „ausgezeichneten“ EZB-Präsidenten abgegeben. 35 Prozent geben ihm die Note „Gut“. Allerdings: Ebenso viele Mitarbeiter sehen in Trichet einen „durchschnittlichen“, „schwachen“ oder gar „schlechten“ Zentralbank-Präsidenten.
Anfang November wird der Franzose Trichet von Mario Draghi abgelöst. Der ist seit 2006 Präsident der italienischen Notenbank. Zuvor war er für die Weltbank und die Investmentbank Goldman Sachs tätig.