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Computersucht macht Kinder krank

Symbolbild
(c) Bilderbox
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Österreichs Jugend weist heute andere Krankheiten auf als jene vor 50 Jahren: weniger Infektionen, mehr Depressionen und Suchterkrankungen. Zahlreiche Störungen beginnen bereits im Säuglings- und Kindesalter.

Das Krankheitsbild österreichischer Kinder und Jugendlicher hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend verändert. Infektionskrankheiten kann heute durch Impfungen weitgehend vorgebeugt werden. Mittlerweile bedrohen andere Krankheiten in zunehmendem Maß die Jugendlichen: Psychosomatische Störungen, Bindungsstörungen, Depressionen, Lebensstilerkrankungen, Sprach- und Lernschwierigkeiten, Suchtverhalten.
„Darum haben wir als Schwerpunkt der 49. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde in Villach psychische Störungen gewählt“, erwähnte der Tagungspräsident Robert Birnbacher, Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde im LKH Villach.

Abhängig von Videospielen

Zahlreiche psychosomatische Störungen beginnen bereits im Säuglings- und Kindesalter. Diese ersten Anzeichen können vom Kinderarzt im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen schon früh erkannt werden. „Ich rate den Eltern daher dringend, den Mutter-Kind-Pass in Anspruch zu nehmen, damit rechtzeitig Schritte dagegen unternommen werden können“, betonte Birnbacher.
Ein weiterer Schwerpunkt der Tagung galt dem Thema Jugend und Medien, wobei der positive Beitrag zu Information und Bildung zweifellos gewürdigt werden soll. „Aber es kommt auf die Gewichtung, auf die Auswahl an, exzessiver Konsum von elektronischen Medien, Video- und Computerspielen führt zu einer Abhängigkeit, die mit anderen Abhängigkeitserkrankungen vergleichbar ist“, warnte der Kinderarzt.

Schulangst, Bewegungsmangel

Gefährdet sind vor allem seelisch leicht verletzliche Kinder, die keinen Ansprechpartner haben, sich alleingelassen fühlen, ein traumatisches Erlebnis, einen Misserfolg hinter sich haben. Sie suchen auf diese Weise einen Ausgleich, neues Selbstvertrauen, einen virtuellen Erfolg, eine schnelle Belohnung, um Misserfolge im realen Leben zu kompensieren. Die Kinder wollen immer mehr davon, das Spiel geht immer weiter, man wird dabei immer besser, und auch das führt schließlich zum Suchtverhalten.
Eine deutsche Studie, die auch für österreichische Kinder übertragbar ist, zeigt, dass über vier Prozent der Mädchen und fast 16 Prozent der Buben ein exzessives Spielverhalten mit mehr als 4,5 Stunden täglich an den Tag legen. Kein Wunder, dass darunter der Schulerfolg leidet; Schulschwänzen, Schulangst, Konzentrationsmangel, Bewegungsmangel zählen zu den Folgen.
Um die Jugend vor dem schädlichen Missbrauch von Computerspielen zu schützen, forderte der Tagungspräsident eine Novellierung des Jugendmediengesetzes. Computerspiele mit einem hohen Abhängigkeitspotenzial sollen als solche gekennzeichnet und für Spieler erst ab dem 18. Lebensjahr zugänglich sein. Insbesondere müssen im Rahmen eines Prüfungsverfahrens Merkmale von Gewalt, Belohnung von Gewalt und von Abhängigkeitsgefahr berücksichtigt werden. Das gilt vor allem für das Computerspiel World of Warcraft. Computerhersteller und vor allem auch Eltern müssen versuchen, gemeinsam diese Abhängigkeitsproblematik zu bewältigen.
Im Rahmen eines bereits 2010 gestarteten Gesundheitsdialogs haben 180 Experten aus Fachkreisen der Medizin, der Psychologie, der Schulen und Kindergärten sowie der Elternschaft den Gesundheitsplan 2011 ausgearbeitet, der von Gesundheitsminister Alois Stöger präsentiert wurde. Darin ist eine umfangreiche Verbesserung der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen vorgesehen. Dazu zählen vor allem mehr Therapieplätze für Jugendliche mit einer körperlichen oder mentalen Beeinträchtigung, einer Verwahrlosung und nach körperlichem Missbrauch.
„Es gibt viel zu wenig Plätze für Physio-, Logo- und Psychotherapie“, sieht Klaus Schmitt, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, dringenden Handlungsbedarf. Man muss davon ausgehen, dass zehn bis 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen diese Therapien dringend brauchen. Die Wartezeiten sind dementsprechend lang, die Behandlungen in Instituten und bei niedergelassenen Ärzten nur zu einem geringen Ausmaß kostenfrei.
Als Ausweg müssen die Eltern tief in die Tasche greifen und für die Therapien privat aufkommen. Das aber können sich viele nicht leisten, Kinder weniger betuchter Eltern bleiben auf der Strecke, bleiben unbehandelt. „Durch diese Zweiklassenmedizin können Kinder einen dauerhaften Schaden erleiden. Wir wollen erreichen, dass allen bedürftigen Kindern eine rasche und kostenfreie Therapie ermöglicht wird.“

Problem: Kindermedikamente

Dringenden Handlungsbedarf sehen die Kinderärzte auch bei der Zulassung von Kinderarzneimitteln. Nicht einmal die Hälfte der derzeit verwendeten Medikamente ist für Kinder wissenschaftlich erprobt, allein bei den Antibiotika sind 80 Prozent nicht zugelassen. Eine Arbeitsgruppe der Gesellschaft hat schon vor drei Jahren ein Projekthandbuch zur Arzneimittelsicherheit für Kinder erstellt. Bisher blieb es bei dem Buch, weitere Studien und eine Mitwirkung der Pharmaindustrie sind gefragt.

Auf einen Blick

Exzessiver Konsum von elektronischen Medien führt auch bei Kindern und Jugendlichen zu Suchterkrankungen. Eine Novelle des Jugendmediengesetzes wird gefordert: Computerspiele mit hohem Abhängigkeitspotenzial sollen erst für Spieler ab 18 zugänglich sein.