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Der höchste Lohnabschluss in ganz Europa

Der Lohnabschluss der Metaller ist nicht wirklich gerecht, aber tragbar. Untragbar ist jedoch, dass von den kräftigen Lohnsteigerungen vor allem einer profitiert: der Staat.

 

Letzten Endes lief alles wieder gewohnt österreichisch ab: Der angedrohte Generalstreik blieb ein taktisches Manöver, dafür wurden die Verhandlungen in der Nachbetrachtung als „überaus konstruktiv“ beschrieben. Die erschöpften Gewerkschafter haben aus den „super verdienenden“ Arbeitgebern das Maximum herausgepresst, während sich die Unternehmer darüber freuten, nach dem „unverhältnismäßig hohen Abschluss“ die Nasenlöcher noch über Wasser halten zu können. Und die Sozialpartner klopften sich gegenseitig auf die Schultern, war es ihnen doch gelungen, den ersten Generalstreik der Metaller seit 25 Jahren abzuwenden.

Womit am Ende eines 14 Stunden dauernden Verhandlungsmarathons am gestrigen Dienstagmorgen nur Gewinner anzutreffen waren. Das ist in diesen unruhigen Zeiten ein erfreulicher Befund. Aber stimmt er auch? Ist eine Lohnerhöhung von 4,2 Prozent tatsächlich ein gerechtes Ergebnis, weil die eingefahrenen Gewinne brüderlich geteilt werden? Oder ist dieser Abschluss angesichts eher unhübscher Aussichten stark überzogen?

Müsste man diese Fragen in einem einzigen Satz beantworten, dann lautete dieser am ehesten so: Wir haben es hier mit einer tragbaren Ungerechtigkeit zu tun. Tragbar, weil ein Großteil der Betriebe die vereinbarten Lohnerhöhungen an den Märkten offensichtlich noch verdient beziehungsweise bereits verdient hat. Andernfalls hätten die Arbeitgeber die falschen Verhandler abgestellt. Wofür übrigens einiges spricht: 4,2 Prozent sind angesichts einer Inflationsrate von 2,8 Prozent (für die zurückliegenden zwölf Monate) alles andere als kleinlich. Dieser Abschluss hat gute Chancen, zum höchsten in ganz Europa zu werden. In Deutschland halten selbst arbeitnehmerfreundliche Konjunkturforscher schon eine Lohnerhöhung von drei Prozent für das Höchste der Gefühle.

Österreich kann sich offenbar mehr leisten, was auch den Wien besuchenden griechischen Wirtschaftsminister Michalis Chrysochoidis zum Staunen bringt. „Hier wird für fünf Prozent mehr Lohn gestreikt, bei uns geht es nur mehr um Kürzungen. Wenn Sie hier so ein Sparprogramm durchziehen würden, dann hätten Sie keine Streiks, sondern eine Revolution“, wie er in einem Interview mit der „Presse“ meint.

Ungerecht ist der Lohnabschluss auch deshalb, weil der große Profiteur unerkannt bleibt: Jeder Lohnabschluss ist hierzulande nämlich vor allem eine kräftige Lohnerhöhung für den Staat. Ein Metaller, der 2500 Euro brutto im Monat verdient, bekommt künftig 105 Euro zusätzlich. Inklusive Lohnnebenkosten zahlen die Arbeitgeber um 137 Euro mehr, davon bleiben dem Arbeitnehmer gerade 52 Euro netto übrig. Die restlichen 85 Euro schnappt sich der Staat. Angelastet werden die mickrigen Kaufkraftsteigerungen aber nicht den für hohe Lohnnebenkosten verantwortlichen Sozialpartnern. Oder der Regierung, deren ökonomische Fantasie nur noch für ein Anziehen der Steuerschraube reicht. Die Arbeitnehmer zürnen den vermeintlich knausrigen Unternehmern, die in ihren prall gefüllten Geldspeichern hocken und für die Sorgen der kleinen Leute nichts übrighätten.


Ungerecht ist der Lohnabschluss auch deshalb, weil hier einer überaus heterogenen Branche ein und dieselbe Lohnerhöhung aufgedrückt wird, ungeachtet des ökonomischen Umfelds, in dem sich die Betriebe gerade befinden. Statt die Gespräche dort zu führen, wo sie zu führen wären: in den Unternehmen selbst.

Das macht zwar mittlerweile fast die ganze industrialisierte Welt so, nur Österreich nicht. Was dazu führt, dass schlechter verdienende Betriebe zu Lohnerhöhungen verdonnert werden, die sie nicht verkraften, während sich hoch rentable Konzerne kräftigere Ausschüttungen leisten könnten. Hinzu kommt, dass die Abschlüsse der Metaller als Messlatte für alle Branchen dienen. Selbst für den öffentlichen Dienst, der nicht gerade mit Produktivitätsfortschritten zu Weltruhm gekommen wäre.

Wer dieses Modell der Lohnfindung für überholt hält, bekommt das Argument entgegengeschleudert, dass jedes Rütteln am planwirtschaftlichen Lohnkartell die Macht der Gewerkschaften und der Arbeitgeberverbände schwächte. Was auch sehr schön zeigt, worum es eigentlich geht. Seite 17

 

E-Mails an: franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2011)