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Regulierung: Europa legt dem CDS-Handel starke Fesseln an

(c) AP (LEFTERIS PITARAKIS)
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Ungedeckte Kreditausfallsversicherungen werden verboten. Staaten, die deshalb um Bondmarkt fürchten, dürfen aus Verbot "aussteigen". EU-Börsenaufsicht kann nackte Aktien-Leerverkäufe in Krisenzeiten untersagen.

Wien/Gau. Brüssel und das EU-Parlament haben sich durchgesetzt: Spekulative Finanzgeschäfte werden eingeschränkt. Unterhändler haben sich mit den Mitgliedstaaten darauf geeinigt, ungedeckte Kreditausfallsversicherungen (CDS) zu verbieten. Damit soll die „Spekulation auf die Pleite eines Staates erschwert werden“.

Mit einem „Credit Default Swap“ kann man sich auf dem Finanzmarkt gegen das Risiko des Zahlungsausfalls eines Schuldners absichern. Im typischen Fall schließt ihn ein Gläubiger ab, also etwa der Besitzer einer Staats- oder Unternehmensanleihe. CDS können aber auch gehandelt werden, ohne dass der Sicherungsnehmer den zugrunde liegenden Schuldtitel besitzt – in diesem Fall spricht man von „ungedeckten“ CDS.

Als einzige Region der Welt hat die EU diesen Handel nun verboten. Die Idee dahinter: CDS sollen nur mehr genutzt werden, um sich abzusichern, nicht aber zu reiner Spekulation, die als gefährlich abgelehnt wird. Besonders Politiker aus den südeuropäischen Problemstaaten haben immer wieder behauptet, dass etwa Hedgefonds mit massiven Spekulationen auf eine Staatspleite die Zinsen für ihre Bonds in die Höhe treiben und damit den Zahlungsausfall des Landes gezielt herbeiführen.

Allerdings konnte eine von Brüssel in Auftrag gegebene – und dann lange geheim gehaltene – Untersuchung keinen Zusammenhang zwischen dem CDS-Handel und den aus dem Ruder laufenden Finanzierungskosten der Problemstaaten feststellen. So sind im Fall Griechenland die CDS-Risikoprämien im Vergleich zu den Aufschlägen auf die Anleihen tief geblieben und haben sich ziemlich im Gleichschritt mit diesen bewegt.

 

Experten gegen Verbot

Experten erwarten vielmehr, dass eine Einschränkung des CDS-Handels auch den „reinen“ Absicherungsgeschäften und damit dem Markt für Staatsanleihen schaden werde. Das befürchten offenbar auch einige EU-Mitgliedstaaten. Großbritannien und Italien hatten sich heftig gegen ein Verbot gewehrt. Deshalb zogen sich die Verhandlungen mit den Parlamentariern über Monate hin. Nun wurde ein Kompromiss ausgehandelt: Einzelne Länder dürfen das Verbot „aussetzen“, wenn sie glauben, dass dadurch der Markt für ihre Staatsanleihen gestört ist und sie deshalb Probleme haben, sich zu refinanzieren. Sie dürfen das aber nur, wenn sie ihre Sorge durch bestimmte Parameter wie die Höhe der Zinsen untermauern können.

Auch beim Thema der ungedeckten Leerverkäufe von Aktien übernimmt die EU das Kommando. Schon im Zuge der Finanzkrise haben einzelne Länder solche Geschäfte vorübergehend verboten. Künftig kann die europäische Börsenaufsicht ESMA ein befristetes Verbot für die gesamte Union verhängen – auch gegen den Willen der nationalen Aufsichtsbehörden.

Leerverkäufe sind Geschäfte von Marktteilnehmern, die erwarten, dass der Kurs eines Wertpapieres fallen wird. Sie leihen es sich aus, verkaufen es und erwerben es erst kurz vor der Lieferung – im guten Fall zu einem niedrigeren Preis. Bei „nackten“ Leerverkäufen hat der Verkäufer das Papier auch nicht geliehen, besitzt es also zum Zeitpunkt des Verkaufs nicht. Während der Finanzkrise wurde vermutet, dass solche Geschäfte die Börsenturbulenzen verstärkten. Nachträgliche empirische Studien in den USA haben aber gezeigt, dass gerade das Verbot zu weniger liquiden Märkten und damit zu höheren Kurssprüngen geführt hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2011)