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Ein packender Politik-Thriller in der Walfischgasse

(c) Sepp Gallauer
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Das Stadttheater Walfischgasse zeigt „Der Tod und das Mädchen“ von Ariel Dorfman. Anita Ammersfeld brilliert in der Rolle einer Rachegöttin in eigener Sache.

Politisches Theater von gestern wirkt so frisch wie von übermorgen im Stadttheater in der Walfischgasse, wiewohl der Zugang nicht experimentell und die Besetzung nicht spektakulär ist. Der chilenische Schriftsteller Ariel Dorfman (69) rechnet im Psychodrama „Der Tod und das Mädchen“ mit den politischen Verwerfungen in seiner Heimat ab, die er als Menschenrechtsaktivist hautnah erlebte: 1973 musste Dorfman, der für die Regierung des demokratischen Präsidenten Allende gearbeitet hatte, vor dem Diktator Pinochet ins US-Exil fliehen.

„Der Tod und das Mädchen“, 1991 in London uraufgeführt, handelt von einer Frau, die vergewaltigt und gefoltert wurde – und Rache nimmt. Das Stück war 1992 mit einer fulminanten Marianne Nentwich im damals zum Theater in der Josefstadt gehörenden Rabenhof zu sehen.

Im Walfischgasse-Theater sorgt Thomas Schendel ohne viel Federlesen für einen spannenden Ablauf. Allerdings hat die Aufführung einen doch fundamentalen Fehler: Der Arzt Roberto Miranda ist mit Willy Höller zu brav besetzt. Miranda, der Peiniger, der nach und nach entblättert wird, vom kultivierten Herrn zum Schinder, der seinen Opfern Schubert vorspielte, um sie einzulullen, müsste eine doppelbödigere und dämonischere Figur sein.

Vollends unnötig ist ein Einfall, den wohl kaum jemand verstanden hat: Höller muss die ganze Pause nackt und gefesselt auf seinem Stuhl auf der Bühne verbringen, soll das Publikum Zivilcourage zeigen und ihn losbinden? Nein, sagte der Saal-Ordner bei der Premiere am Mittwoch, es war einfach praktischer, ihn sitzen zu lassen. Echt? Vielleicht weckt aber auch dieses Stück einfach unreflektierte Emotionen.

 

Ein fast tödlicher Geschlechterkampf

Denn es geht hier keineswegs nur um Recht oder Rache, sondern um viele andere Themen wie das Machtverhältnis zwischen Mann und Frau oder deren unterschiedliches Denken: Der Mann versucht in die verwickeltsten Verhältnisse Struktur hineinzubringen, die Frau passt sich an, wird aber zur total wüsten Anarchistin, sobald sie von seiner „Vernunft“ genug hat. Dorfmans Ansichten über Frauen sind nicht die modernsten, aber im Kern hat er auch die psychischen Verhältnisse gut getroffen.

Stadttheater-Prinzipalin Anita Ammersfeld, die man vor allem als kultivierte Dame der Gesellschaft kennt, hätte – übrigens ähnlich wie damals Marianne Nentwich – vermutlich niemand eine derartige Verwandlung und Selbstentäußerung zugetraut: Sie stattet die Paulina mit einem wahrhaft atemberaubenden und in jeder Phase des Abends immer neu verblüffenden Furor aus: Diese Frau kippt plötzlich, nachdem ihr Mann, Gerardo, den Arzt, in dem sie ihren Folterer erkennt, als Zufallsbekanntschaft nach Hause bringt.

Gerardo soll die Verbrechen der Militärdiktatur im Auftrag der neuen demokratischen Regierung untersuchen. Hannes Gastinger ist als Ehemann, der nicht weiß, wie ihm geschieht, kaum weniger eindrucksvoll als Ammersfeld. Insgesamt: Kein erfreulicher, aber ein packender, stark berührender Abend in der Walfischgasse, das Stadttheater beweist nicht zum ersten Mal, dass man das „ganz normale Theater“ fast auf Hochglanz polieren kann. bp

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2011)