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Endlich bewiesen: Die Juden sind schuld an der Weltwirtschaftskrise!

Politiker von Obama bis zu SPD-Chef Gabriel schmusen mit der Protestbewegung „Occupy Wall Street“. Dort gedeiht der Antisemitismus – ein der politischen Linken nicht eben fremdes Phänomen.

Eigentlich irgendwie seltsam, dass hierzulande bei der Suche nach den wahren Schuldigen an der globalen Finanzkrise noch niemand eine ebenso naheliegende wie traditionelle Vermutung laut ausgesprochen hat: dass, erraten, die Juden schuld sind. Man weiß ja in bestimmten Milieus um deren federführende Stellung in der Welt der Hochfinanz. Und wer hat die Welt durch maßlose Gier an den Rand des Abgrunds gezockt? – Na eben.

Vielleicht liegt es an den bedauerlichen interkulturellen Missverständnissen zwischen dem Dritten Reich und seiner damaligen jüdischen Wohnbevölkerung, dass dergleichen hierzulande (noch?) nicht wieder offen erörtert wird. Da ist die globale Protestbewegung gegen die Banken, „Occupy Wall Street“ („OWS“), zumindest in ihrer amerikanischen Heimat nicht so zimperlich.

Zwar ist noch immer nicht bekannt, was „Occupy Wall Street“ – derzeit das von allen geliebte und gehätschelte Bambi unter den globalen Protestbewegungen – eigentlich wirklich will. Aber antijüdische Slogans und Plakate sind bei den Manifestationen dieser hoffnungsvollen jungen Menschen inzwischen schon zu sehen gewesen. Wer „Antisemitism“ und „Occupy Wall Street“ googelt, bekommt reichhaltiges diesbezügliches Anschauungsmaterial zu sehen.

Dass „zionistische Juden, die die großen Banken und die FED kontrollieren, aus den USA ausgewiesen werden sollen“, ist nur eine von mehreren einschlägigen Parolen, die jüngst bei OWS-Demos aufgetaucht sind. Eine „jüdische Verschwörung in Banken und Medien“ mit dem Ziel, „die Macht in Amerika zu übernehmen“, behaupten Demonstranten ebenso unwidersprochen wie, dass „die Judeo-Kapitalisten der Staatsfeind Nummer 1“ seien.

Deshalb zeigen nicht nur Barack Obama, der deutsche SPD-Chef Siegmar Gabriel, sondern auch amerikanische Nazi-Organisationen auf ihren Heimatseiten Sympathien für diese Bewegung. „Schwer zu ertragen“ seien diese antisemitischen Rülpser von „Occupy Wall Street“, befand die israelische Tageszeitung „Yediot Ahronot“. Man kann das irgendwie verstehen.

Dergleichen linken Antisemitismus überraschend zu finden, wäre freilich ziemlich ahistorisch, um nicht zu sagen naiv. „Der Antisemitismus ist der Antikapitalismus des dummen Kerls,“ wusste schon August Bebel, Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie vor mehr als hundert Jahren. Und der kannte seine Genossen.

Daran hat sich bis heute nicht allzu viel geändert. „Unterschwellige Judenfeindschaft gibt es bei der politischen Linken schon lange“, diagnostizierte erst jüngst noch ausgesprochen höflich die in dieser Hinsicht völlig unverdächtige Hamburger „Zeit“.

Dass wir es im Falle von „Occupy Wall Street“ zum Teil mit eben diesem „Antikapitalismus des dummen Kerls“ zu tun haben, zeigt ja auch das eher schlichte zentrale Feindklischee der „OWS“- Bewegung, also „die Banken“ und „die Banker“. Dass nicht die Banken, sondern die Regierungen im Wege der exzessiven Kreditaufnahme bei ebendiesen Banken (die deshalb nun wanken) Ursache der aktuellen Finanzkrise sind, scheint sich irgendwie weder via Twitter noch via Facebook zu den jugendlichen Helden des antikapitalistischen Kampfes herumgesprochen zu haben. Sonst würden sie vor den Parlamenten demonstrieren und nicht vor den Banken.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2011)