Das Josefstadt-Theater aus Sicht eines Modefotografen.
Es klingt heute doppelsinnig, wenn man liest, dass der Kritiker Hans Weigel (1908–1991) einst „Die Josefstadt“ einen Zustand nannte. Diese traditionsreiche Bühne hatte immer gute Aufführungen und ebensolche Schauspieler, aber unter dem jetzigen Direktor Herbert Föttinger bemüht sie sich besonders um ein zeitgemäßes Erscheinungsbild. Da gehört vermutlich auch dieses Buch dazu: Ein Mode- und Werbefotograf, Star seines Metiers, lichtete die Josefstädter Schauspieler ab.
Der gelernte Tischlermeister Josef Gallauer brachte sich das Fotografieren selber bei. Auf Gallauers Homepage kann man seine Kunden sehen, das Magazin „Cosmopolitan“ gehört ebenso dazu wie der Modeschöpfer Helmut Lang. Im Buch erzählt er, dass es die Josefstadt war, die seine Theaterleidenschaft angefacht hat. Die Umwälzungen in puncto Theaterfotografie sind enorm, was mit den Veränderungen im Medienbereich zu tun hat. Früher war es nicht so wichtig, wie die Fotos von Aufführungen aussahen, oft konnte man sich angesichts im Dunkeln tappender Schemen nur wenig vorstellen wie die Aufführung war. Das war auch nicht nötig, weil die Hauptsache waren der Text, das Interview, die Kritik. Heute werden nicht selten Inszenierungen danach besetzt und gestaltet, dass sie auf Fotos gut ausschauen. Spontan ist da nichts mehr.
Eine flog über das Kuckucksnest
Gallauer ließ die Josefstädter Künstler à la Annie Leibovitz – nur nicht ganz so spektakulär – posieren: Silvia Meisterle flüchtet mit wirrer Frisur und aufgelöster Kleidung aus der Psychiatrischen Anstalt, daneben steht: „Eine flog über das Kuckucksnest.“ Sona MacDonald lehnt im Prostituierten-Outfit vor dem Theatereingang, daneben liest man: „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre.“ Karl Markovics ließ sich als Mülltonnen-Stierer ablichten, legt aber Wert auf die Feststellung: „Das bin auch nicht ich.“
Gerade für die bekanntesten Künstler ist es wichtig, nicht mit ihren Rollen verwechselt zu werden – was natürlich ständig passiert. Gallauer spielt mit diesem Doppeleffekt, bricht ihn aber auch. Wie bei Martin Zauner, der im Schnee mit Taucher-Ausrüstung finster in die Linse blickt, der Paradekomiker im Natur-Niemandsland, eine Pointe für sich. Katharina Straßer hockt gar mit Bierflasche auf der Toilette: „Muss ich alles lesen, was über mich geschrieben wird?“, heißt es daneben.
Vorweggenommen wird auch die allgegenwärtige Nostalgie des Theaterbesuchers („Früher war alles besser“). Die Aufführungsfotos zeigen eine Modernität, welche die Josefstadt nicht immer, aber immer öfter hat. Herbert Föttinger erzählt aus der Geschichte des Josefstädter Theaters seit seiner Gründung als Wirtshausbühne 1788. Peter Turrini – der einstige „linke“ Rebell – ist in den letzten Jahren ein „Hausautor“ der Josefstadt geworden. Er wandelt auf den Spuren von Thomas Bernhard. Turrini lässt wie im Stück „Elisabeth II.“ den Balkon abstürzen, wo allerlei Politiker und Prominente sitzen.
Lobet Euch selber, ein anderer tut es nicht: Zu diesem Spruch ist dieser dekorative, schöne Band über das Theater in der Josefstadt ein charmanter Beitrag. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2011)