Italien in Kagran

Nennen wir es „Kagraner Mischung“: eine Wohnanlage, die den Donaustädter Stadtteil neu interpretiert, aber auch zeigt, dass überzogene Wohnvorstellungen passé sind.

Neue Stadtquartiere, man weiß es aus jahrzehntelanger Erfahrung, sind immer mit Skepsis zu betrachten. Denn die Verwertungsinteressen und die potenziellen städtebaulichen-architektonischen Ambitionen lassen sich selten zur Deckung bringen. Doch: Wenn man schon einen so privilegierten Standort zur Verfügung hat, wie das zwischen Wagramer Straße und Doningasse in Kagran der Fall ist, dann wissen heute selbst die Bauträger, dass man nicht einfach mit 08/15-Lösungen daherkommen kann. Also hat man in die Bebauung der ehemaligen LGV-Frischgemüse-Gründe, neben der U-Bahn-Station Kagraner Platz, qualitative Ansprüche investiert.

Das Bauträger-Verfahren fand 2008 statt, die Anlage ist noch nicht ganz fertig. Der Bauabschnitt, den Christian Knechtl und Josef Knötzl bearbeiten – rund 110 Wohneinheiten – ist noch im Rohbau. Die sogenannte „Kagraner Spange“ von Sne Veselinovic, ein ziemlich mächtiger Bau entlang der Wagramer Straße – mit einer interessanten Auskragung Richtung U-Bahn-Station – definiert die großstädtische Grenze des neuen Quartiers. Die Mächtigkeit dieser Wand hätte auch tödlich sein können, aber Sne Veselinovic folgt dem Straßenverlauf geschickt: Ein Knick im langen Riegel schafft Raum für vorgeschobene, niedrigere Bauten, man könnte sagen: ein paar „Zähne“, die aus dem Kiefer herausschauen. Das macht die Sache ausgesprochen verträglich.

Dahinter ein Wohnquartier, das Rüdiger Lainer städtebaulich entwickelt hat. Es umfasst vier Wohnzeilen, von denen eine p.good architekten (das sind Praschl-Goodarzi) bebauten und die anderen drei Rüdiger Lainer selbst. Beachtung verdient dieser Teil der Anlage, weil er kontextuelles Bauen auf einen Nenner bringt, der verträglich ist, nicht rückwärts gewandt, schon gar nicht provokant, einfach eine selbstverständlich bewohnbare Angelegenheit.

„Un poco“ – nur ein bisschen Italianità hat sich Rüdiger Lainer dabei vorgenommen. Mehr ging schon deshalb nicht, weil vom Bauträger eine gewisse Dichte gefordert war. Nun besteht das Umfeld aber aus – architektonisch durchaus fragwürdigen – Einfamilienhäusern, die alle ihren Grünanteil haben. Dazwischen ragen nur wenige, sehr grausliche Wohnblöcke auf, die das Bild empfindlich stören. Man könnte sagen, diese Störfaktoren hat Rüdiger Lainer einfach ignoriert. Er hat die Maßstäblichkeit der ursprünglichen, authentischen Bebauung in dieser Gegend aufgenommen und seine Wohnbebauung entsprechend gestaffelt. Sie ist an den Rändern, die zum Bestand der Umgebung in Sichtbeziehung stehen, niedrig. Erst dahinter staffelt sie sich zu städtischen Häusern in die Höhe (vier Obergeschoß). Was an den niedrigeren Häusern auffällt, das ist ihr etwas zerklüfteter Außenauftritt. Sie wirken jeweils wie ein Baukörper, aus dem man willkürlich Teile herausgeschnitten hat, und übrig blieb, wie gesagt, ein zerklüftetes, auch gestaffeltes Volumen. Lainer hat diese Häuser, es sind Patio-Häuser, von innen nach außen entwickelt. Was da steht, das ist das Resultat aus der Überlegung, wie man drei Patio-Häuser übereinanderstapelt. Jede dieser Wohnungen hat einen individuellen Zugang, den obersten ist außerdem eine kleine Einliegerwohnung zugeordnet, die Freibereiche sind durch Mauern und – baukünstlerisch geradezu mutig – zusätzlich aufgesetzte Kunststoff-Sichtschirme geschützt. Also: Auch bei relativ großer Dichte bleibt die Intimität gewahrt. Und das gilt selbst für die „hohen“ Häuser, denen Lainer „Wimpern“ verpasst hat. Gemeint sind damit bretterähnliche, horizontale Elemente unter den Fenstern, die verhindern, dass man dem Nachbarn hineinschauen kann.

Die „hohen Häuser“ haben verglaste Loggien, die man sicher ganzjährig nutzen kann. In der warmen Jahreszeit lassen sie sich ganz öffnen, in kälteren Zeiten erfüllen sie eine Art Glashausfunktion. Das ist alles durchdacht. Genauso wie die Grundrisse. Die gebaute Struktur dieser Häuser ist selbstverständlich ökonomisch, also einfach. Jedenfalls erlaubt sie eine Vielfalt an Detaillösungen, die der Architekt auch formuliert und den Wohnungswerbern vorgelegt hat. Keine direkte Mitbestimmung in diesem Fall, trotzdem konnte jeder wählen.

Die Vielfalt des Angebots ist in der Tat erstaunlich – von der durchgesteckten großräumlichen Lösung bis zur kleinteiligen Mehrzimmerabfolge. Lainer hat auch daran gedacht, die Freiräume wirklich benutzbar zu machen, sie stehen nicht nur auf dem Papier. Zwanzig Quadratmeter, das ist durchaus in Ordnung. Umso mehr, als die Wohnungsgrößen in letzter Zeit schrumpfen. Früher hatte eine Dreizimmerwohnung 85 Quadratmeter, jetzt hat sie nur 75 Quadratmeter. Für junge Leute sind die Kosten unseres Wohnbaus nicht mehr leistbar, die Überlegung war, wie man trotz geschrumpfter Möglichkeiten noch Qualität bietet.

„Un poco“ – Rüdiger Lainer hat ein städtebauliches Konzept entwickelt, das Charme hat. Es ist bezaubernd, durch diese leicht gekrümmten Gässchen zu gehen, hie und da die Andeutung eines Platzes, mehr ist nicht, mehr braucht es auch nicht. O-Ton Architekt: Zumindest können die Kinder hier kicken und stören niemanden dabei.

Das ist eine Ansage – der man aber hinzufügen muss, dass auch an die Grünraumplanung gedacht wurde. Sie ist noch nicht perfekt, doch die Mauern rund um die Patio-Häuser haben Pflanztröge und werden eines Tages begrünt sein. Und rund um die Wohnbebauung wird sich ein Grünstreifen, eine Art minimierter Park, erstrecken. Insofern geht dieser Teil der neuen „Kagraner Mischung“ auf die Umgebung ein.

Übrigens: Das Label „Kagraner Mischung“ gefällt mir von allen anderen Varianten am besten. „Kagraner Spange“, „Kagraner Idylle“, das ist alles ziemlich furchtbar. „Kagraner Mischung“ – Rüdiger Lainer hat einen recht bemerkenswerten Beitrag zum Thema geleistet. So kann man wirklich wohnen. So lässt sich eine reduzierte Wohnmöglichkeit immer noch optimieren.

„Un poco.“ Eine Wohnanlage, die Kagran neu interpretiert, die uns aber vor allem vorführt, dass wir von den überzogenen Vorstellungen heutiger Tage Abschied nehmen müssen. Es geht um kleinere Wohnungen, die sich auch junge Leute leisten können, es geht aber immer noch um den alltäglichen Wohnkomfort. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2011)