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Graphic Recording: Die Ära der Zeichensprache

Graphic Recording aera Zeichensprache
(c) Bilderbox
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Graphic Recording übersetzt Worte live in Bilder. Und beweist, dass visualisierte Information komplizierte Kommunikationsaufgaben oft besser löst.

Ein bisschen erinnert es an Höhlenmalerei. Strichmännchen, Kreise, Pfeile und Symbole. Darunter mischen sich Herdplatten, Kochtöpfe, Gemüsesorten, Milchpackungen und Blockbuchstaben. Nur zehn Minuten haben die Workshop-Teilnehmer Zeit, das Rezept ihrer Lieblingsspeise visuell darzustellen. Und bei auffallend vielen tauchen dabei die immer gleichen Symbole auf: Pfeile, Linien oder Nummern, die auf einen Blick die einzelnen Schritte deutlich machen. Ohne viel zu erklären weiß man sofort, worum es bei der jeweiligen Speise geht und wie man sie zubereitet. Künstlerisches Talent braucht man dafür nicht.

„Sehr schön, man sieht durch die Timeline genau den Ablauf. Die Pfeile erzeugen einen Flow. Oder bei diesem Bild mit den banana pancakes weiß man allein durch die Farbe Gelb, worum es geht“, sagt Abdul Dube. Er weiht die Workshop-Teilnehmer gerade, gemeinsam mit seinem Kollegen René Sørensen von der dänischen Kommunikationsagentur Sideprojects, in die Kunst des Graphic Recording ein. Darunter versteht man eine Art Live-Grafik, die die gesprochenen Worte eines Vortrags leichter verständlich macht. Die Übung mit den Lieblingsspeisen soll den internationalen Teilnehmern deutlich machen, wie leicht und schnell man sich zeichnerisch verständigen kann. Gleichzeitig bleibt beim Graphic Recording durch die visuelle Komponente der Inhalt eher in Erinnerung.


Live-Grafik statt PowerPoint. „Die Teilnehmer kommen aus verschiedensten Sparten – vom freiberuflichen Grafiker bis zum Landschaftsplaner. Ich hoffe, dass wir im Anschluss mit ein paar Grafikern zusammenarbeiten können, um das als Dienstleistung anzubieten“, sagt Milo Tesselaar von der Designagentur freims. Er hat die beiden Dänen eingeladen, um österreichweit den ersten Workshop abzuhalten. In Dänemark und vor allem den USA ist Graphic Recording schon wesentlich weiter verbreitet. Entstanden ist diese Technik, die das Potenzial hat, langweilige PowerPoint-Präsentationen abzulösen, in den 1970er-Jahren in den USA. Designer und Architekten, bei denen Bilder und Grafiken zum Berufsalltag gehören, haben diese Form der Visualisierungen in andere Branchen eingebracht. „Anfangs haben das vor allem Beratungsunternehmen in Anspruch genommen. Mittlerweile interessieren sich auch NGOs, Schulen oder Kunstschulen für die Visualisierung von Ideen“, sagt Dube.


Comic statt Protokoll. Nicht nur das Publikum des Vortrags hat von Graphic Recording etwas. Im Anschluss werden statt seitenlangen Protokollen Zeichnungen verteilt, die an Comics erinnern und auch von jenen verstanden werden, die nicht teilnehmen konnten. „Graphic Recording trägt nicht nur zum besseren Verständnis bei. Es regt zum Dialog an und inspiriert, weil dadurch das visuelle Denken aktiviert wird“, sagt Dube. Und man spart Zeit. Der Zeichner braucht zwar genauso lang, wie jemand der brav mitschreibt. Das Publikum versteht die Inhalte aber wesentlich schneller. „Man kann ein Meeting, das drei oder vier Stunden dauert, dadurch um die Hälfte verkürzen“, schwärmt der Grafiker. Ein gutes Beispiel dafür liefert etwa das Video „First as Tragedy, Then as Farce“ von RSA Animate, die einen Vortrag des Philosophen Slavoj Žižek visuell umgesetzt haben. Der Clip (der auf You Tube unter dem Titel leicht zu finden ist) macht deutlich, wie schnell die so vermittelte Information verstanden und gespeichert wird.

Die zwei Grafiker von Sideprojects und Milo Tesselaar sind davon überzeugt, dass Graphic Recording vor allem in Sachen Unternehmenskommunikation in Zukunft stärker nachgefragt wird. Diese Entwicklung kann auch als Reaktion auf die rasant wachsende Fülle an Information verstanden werden. Wer das alles verstehen und verarbeiten soll, greift zu Hilfsmittel, die schon zu Urzeiten – Stichwort Höhlenmalerei – eingesetzt wurden. Wir tun das auch unbewusst, wenn etwas erklärt werden soll und Worte nicht reichen. „Dann zeichnet man das auf und die Sache ist klar“, so Sørensen. Dass er selbst, ebenso wie sein Kollege Dube, mit dem geschriebenen Wort eher wenig anfangen kann, wundert da wenig. „Ich hasse lesen und schreiben. Für mich ist das nichts“, sagt Sørensen.


Magazin ohne Texte. Auch die klassische Infografik – die man aus den Medien kennt und bei denen anstatt Worten Daten visualisiert werden – entdecken immer mehr Unternehmen für sich. „Das Geld wandert. Während Medien sparen müssen, ist bei den Unternehmen einfach mehr zu holen“, sagt Jan Schwochow, Geschäftsführer von Golden Section Graphics in Berlin. Der frühere Infografik-Chef vom Magazin „Stern“ verdient sein tägliches Brot heute vorrangig mit Aufträgen für Kunden- oder Mitarbeiterzeitungen.

Zusätzlich hat er im Vorjahr ein Produkt herausgebracht, das ihm besonders am Herzen liegt. Schwochow hat mit „In Graphics“ das weltweit erste Nachrichtenmagazin gegründet, das auf Texte und Bilder weitgehend verzichtet und alles mit Infografiken erklärt. Das Heft erscheint zweisprachig (Deutsch-Englisch), zweimal jährlich und ist mit einem Preis von knapp unter 15 Euro nicht gerade billig. „Wir haben zwar erst 2000 Leser, das Magazin wird aber gut angenommen – auch wenn es anfangs oft für einen Katalog gehalten wird“, sagt Schwochow. Für ihn liegt das an den Lesegewohnheiten. Er ist aber überzeugt davon, dass sich die bald ändern werden.

Graphic Recording

Dabei handelt es sich um eine Art Live-Visualisierung von Vorträgen. Teilnehmer erhalten am Ende der Veranstaltung kein schriftliches Protokoll, sondern comichafte Zeichnungen. Die Methode wurde in den Siebzigerjahren in den USA von Architekten und Designern entwickelt. Es gibt ein eigenes kleines „Alphabet“, bestehend etwa aus zwölf Symbolen, wie Punkten, Strichen oder Kreisen. Die Dänen Sideprojects bieten dazu Workshops an (www.sideprojects.dk), neue Termine in Wien sind für 2012 geplant (Infos unter www.freims.cc).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2011)