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Verlagerung: Nokias rumänisches Zwischenspiel

Verlagerung Nokias rumaenisches Zwischenspiel
Nokia(c) AP (Vadim Ghirda)
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Erst 2008 verlagerte der finnische Handykonzern Nokia die Produktion aus dem deutschen Bochum nach Rumänien. Nun wird das Werk bereits wieder geschlossen. Die Finnen ziehen nach Asien weiter.

Bukarest. Razvan Bot bereitet sich auf die Nachtschicht vor. Kurz nach 18 Uhr fahren die Werkbusse im Stadtzentrum ab, pünktlich um 19 Uhr öffnen sich die Eingangstore der Industriehalle, die Arbeiter gehen alle, als geschlossene Gruppe, hinein. „Westliche Disziplin“, kommentiert der 31-jährige Techniker halb staunend, halb amüsiert. „Meine Aufgabe ist, die Fehler bei den Trägerleiterplatten zu diagnostizieren und zu beheben. Unsere Schicht muss bis morgen um sieben arbeiten. Hier bei Nokia war alles gut organisiert, sehr strikt – bis gar nichts mehr lief“, fügt er ironisch hinzu.

„Die Nachricht kam wie ein Blitzschlag“, erzählt Valentin Ilcas, Vorsitzender von Nokia Metal, einer der Gewerkschaften, die die über 1800 Beschäftigten vertreten. Der finnische Handykonzern, der erst 2008 die Produktion von Bochum nach Jucu, in der Nähe von Cluj (Klausenburg), verlagert hatte, kündigte Ende September an, jetzt auch das Werk in Rumänien zu schließen. Die Arbeit soll nur bis Jahresende weitergehen, danach werden die Mitarbeiter drei Monatslöhne erhalten, und dann soll Schluss sein.

 

Negativvorbild Bochum

Das Unternehmen begründet den Schritt mit der „notwendigen Optimierung der Produktionsprozesse“, die aufgrund der „Nähe zu unseren wichtigsten Zielmärkten“ zukünftig an Standorten in Asien stattfinden sollen. „Das Beispiel Bochum zeigt, dass wir die Grundentscheidung kaum ändern oder verhindern können“, gibt Gewerkschafter Ilcas zu.

Dabei sind die rumänischen Mitarbeiter alles andere als teuer. Nach mehreren Lohnerhöhungen, die der Konzern in den letzten drei Jahren auf Druck der Arbeitnehmervertreter akzeptieren musste, beträgt der Durchschnittslohn bei Nokia aktuell keine 300 Euro: auch für rumänische Verhältnisse eine niedrige Summe, die knapp unter dem nationalen Durchschnitt liegt. Razvan Bot war trotzdem mit seiner Stelle zufrieden, zumindest am Anfang. „Sie haben nie üppig gezahlt, aber in den ersten zwei Jahren war die Arbeitsmoral einfach spitze. Die Manager kamen fast alle aus dem Ausland und zeigten immer Respekt vor unserer Arbeit – was hierzulande nur selten der Fall ist. Es hat echt Spaß gemacht, und ich habe gehofft, dass es zehn bis 15 Jahre so weitergeht“, erzählt der junge Mann.

Jeder Beschäftigte in Jucu bringt Nokia rund eine Million Euro Umsatz im Jahr und kostet weniger als 10.000 Euro, inklusive Steuer und Sozialabgaben: Ein Verhältnis, das sich auch in Asien kaum unterbieten lässt, sagen Marktexperten. Der Hauptgrund für die Entscheidung von Nokia liegt also nicht darin, dass rumänische Arbeiter zu teuer geworden seien. Vielmehr waren es die unternehmerische Strategie und insbesondere die Fehleinschätzung der zukünftigen Marktentwicklungen, die eine Schrumpfung des globalen Marktanteils von Nokia verursachten. Die Investition in das Werk von Jucu, die 60 Millionen Euro betrug, hat sich trotzdem innerhalb von nur drei Jahren amortisiert.

 

„Keine guten Smartphones“

„Weil sie nicht in der Lage sind, gescheite Smartphones zu produzieren, setzen sie seit einem Jahr auf Kostensenkung“, sagt der 23-jährige Facharbeiter Laurentiu, der seit 2009 Montageanlagen prüft. Der junge Mann, der eine Ausbildung im Bereich IT absolviert hat, findet Nokias Entscheidung „nicht gerade überraschend, aber ärgerlich“. „Wenn die Billighandys, die wir hier produzieren, nur noch in Asien und Afrika verkauft werden können, und wenn die Bauteile sowieso aus Asien importiert werden, dann ist es nur logisch, alles nach Asien zu verlagern. Aber daran sind wir ja nicht schuld“, sagt Laurentiu schulterzuckend.

Seit Anfang Oktober verhandeln die Gewerkschaften mit den Vertretern des Unternehmens in der Hoffnung auf angemessene Kündigungsbedingungen. „Drei Monatslöhne Abfindung ist ein schlechter Witz“, sagt Bogdan Hossu, Vorsitzender des Gewerkschaftsverbandes Cartel Alfa, jener Schirmorganisation auf Nationalebene, bei der auch Nokia Metal Mitglied ist.

Facharbeiter Razvan Bot sieht das genauso. Der junge Mann wohnt in Cluj, unweit des Zentrums, in einer Zweizimmerwohnung, mit seiner Frau Melinda und seiner zweijährigen Tochter Adreea. „Ich vertraue den Gewerkschaften, sie werden schon ihre Arbeit machen, auch wenn es gerade schwierig ist. Wichtig wäre, dass wir gute Arbeitszeugnisse und Belege über unsere Qualifizierungen bekommen. Danach werde ich natürlich eine andere Stelle suchen. Ich glaube nicht, dass ich dabei Probleme haben werde.“

Auf einen Blick

2008 verlagerte Nokia die Handy-produktion von Bochum nach Jucu in Rumänien. In Deutschland gab es damals viel Kritik an den Finnen. Per Jahresende wird auch das rumänische Werk wieder zugesperrt. Die Handys sollen künftig gleich in Asien produziert werden. Über 1800 Beschäftigte in der rückständigen Gegend Siebenbürgens verlieren ihren Job.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2011)