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Hyaluronsäure: Bei Falten, Arthrosen & Halsschmerz

(c) AP (Ricardo Moraes)
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Das körpereigene Zuckermolekül ist vielfältig einsetzbar - von trockenen Augen bis zur Scheidentrockenheit. Der „Wassermagnet“ kommt vor allem in Haut und Bindegewebe des menschlichen Körpers vor.

Den meisten ist dieses Zuckermolekül wohl als Antifalten-Mittel bekannt. Doch Hyaluronsäure (kurz HA) kann noch wesentlich mehr, hilft Gelenken genauso wie der Stimme, heilt Wunden schneller, ist Bestandteil vieler Augentropfen und Kosmetika, lindert Halskratzen sowie weibliche Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und formt Brüste und Gesäß.

Hyaluronsäure, ein Polysaccarid, wurde früher vorwiegend aus Hahnenkämmen hergestellt. Das führte häufig zu Unverträglichkeiten und allergischen Reaktionen. Deswegen wird dieser Allrounder unter den Gesundheitsmitteln heutzutage immer öfter auf biotechnologischer Basis fabriziert. Eine der interessantesten Fähigkeiten von Hyaluron ist es, sehr große Mengen an Wasser binden zu können (bis zu sechs Liter Wasser pro Gramm). Der Glaskörper des menschlichen Auges beispielsweise besteht zu 98 Prozent aus Wasser, das an nur zwei Prozent Hyaluronsäure gebunden ist.

 

Schmiermittel in den Gelenken

Der „Wassermagnet“ kommt vor allem in Haut und Bindegewebe des menschlichen Körpers vor, ist Hauptbestandteil der Synovia (Gelenkflüssigkeit) und wirkt bei allen Gelenkbewegungen als Schmiermittel. Daher wird Hyaluronsäure auch seit Langem bei Arthrosen eingesetzt. Sie wird vor allem bei Arthrosen in den Knien, aber auch in Hüften, Schultern und an den Händen, in betroffene Gelenke gespritzt. „Im Volksmund heißt das Knorpelaufbauspritze. Es geht darum, das Gelenk zu schmieren und die Gleitfähigkeit wieder herzustellen. Darüber hinaus wirkt Hyaluronsäure auch entzündungsreduzierend“, erwähnt Heribert Salfinger, Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie in Wien. Zudem werde auch die Produktion der körpereigenen Gelenkflüssigkeit gefördert. Die Besserung hält sechs bis zwölf Monate an, „manche Patienten kommen erst nach zwei Jahren wieder.“

Obwohl zahlreiche Studien der Hyaluronsäure bei mittelschweren Arthrosen Wirksamkeit bescheinigen, wird diese nebenwirkungsarme Therapie von den Kassen nur in Ausnahmefällen bezahlt. Wohl kann HA eine Arthrose nicht heilen, aber das können auch die häufig verschriebenen NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika) nicht, die aber zu Magenblutungen mit tödlichen Komplikationen führen können. „Mit Sicherheit aber kann die Hyaluronsäure das Fortschreiten einer Arthrose verlangsamen“, weiß Stefan Nehrer. Der Experte für Knorpelerkrankungen betreibt an der Donauuniversität Krems auch Forschungen mit Hyaluronsäure. „Es geht darum, ihre Wirksamkeit bei Arthrose insgesamt zu verbessern und ihre Wirkdauer zu verlängern.“ Es gäbe sehr reelle Erfolgschancen.

 

Eine Spritze für die Stimme

Erfolge erzielt man mit HA neuerdings auch, wenn die Stimme fehlt und es statt Worten nur Flüstern oder Krächzen gibt – auf Grund einer Operation an den Stimmlippen, einer Lähmung oder einfach altersbedingt. „Seit etwa zwei Jahren spritzen wir in solchen Fällen Hyaluronsäure in die Stimmlippen, die umgangssprachlich als Stimmbänder bezeichnet werden“, schildert Gerhard Friedrich, Vorstand der Grazer Universitätsklinik für HNO-Heilkunde und einer der Vorreiter dieser Therapie in Österreich. „Das Präparat wird unter direkter Sicht in die Stimmlippe gespritzt, sie schwingt dann wieder besser.“ Das biologische Material habe sich hier äußerst bewährt.

 

In Nasensprays und Tabletten

Einige Nasensprays gegen Schnupfen enthalten Hyaluronsäure, sie leistet auch bei Pharyngitis (Entzündung im Bereich des Schlundes und der Mundschleimhaut; eines der wichtigsten Leitsymptome sind Halsschmerzen) gute Dienste. „Mit den hyaluronhaltigen Tabletten GeloRevoice wurde unlängst eine klinische Studie durchgeführt. Beteiligt waren 326 HNO-Ärzte und 958 Patienten mit Halsschmerzen, Trockenheitsgefühl und Kratzen im Hals, Schluckbeschwerden und Hustenreiz“, berichtet Hans Behrbohm, Chefarzt der HNO-Abteilung der Parkklinik Weißensee in Berlin.

„Hyaluronsäure, in dieser Indikation eine absolute Novität, legt sich quasi wie Balsam über die gereizten Schleimhäute, wirkt wundheilungsfördernd und sorgt für anhaltende Befeuchtung der in solchen Fällen oft ausgetrockneten Schleimhaut. Die Erfolge waren sehr zufriedenstellend.“

Wirksamkeit hat der Tausendsassa HA auf Grund seiner enormen Wasserbindungskapazität auch in der Schönheitsindustrie bewiesen. „Babyhaut weist noch sehr viel Hyaluronsäure auf, deswegen ist sie auch so prall“, erwähnt Sibylle Wichlas, Dermatologin bei Woman & Health in Wien. Mit der Zeit aber nimmt der Hyaluronsäuregehalt der Haut ab (ein 60-jähriger Mensch besitzt etwa nur noch zehn Prozent des Anfangsbestands) – mit ein Grund, warum die Elastizität nachlässt und Falten entstehen. Injektionen mit den vielfach wirksamen Trendmolekülen sollen sie bekämpfen.

 

Gesichter und Gesäße modellieren

„Faltenunterspritzung mit HA verliert allerdings zunehmend an Bedeutung, heute spritzt man Hyaluronsäure, um dem Gesicht wieder ein dreidimensionales, jugendliches Aussehen zu verpassen“, sagt Wichlas. Heute spritze man nicht mehr einfach in die Falten hinein – „das ist quasi ein ästhetischer Kunstfehler“– heute stelle man mit diesem Polysaccarid verloren gegangenes Volumen vor allem im Schläfenbereich, im Bereich der Backenknochen und der Mittelwange wieder her. „Dazu braucht man freilich mehr von dem Material, das ist auch teurer und aufwendiger, bringt aber auch bessere Erfolge.“ Auch Augenringe kann man damit korrigieren, Lippen lassen sich modellieren, Gesäß und Waden werden mit HA-Injektionen neue Konturen verliehen.

Auch Brüste lassen sich mit Hyaluronsäuregels aufpeppen. Allerdings kann man damit aus Minibrüsten keinen Gigantenbusen zaubern, aber ein bisschen mehr Volumen gibts schon. „Der Vorteil ist das Wegfallen einer Operation mit all ihren Risiken“, betont Edina Velić-Strobl, Gynäkologin in Wien. Sie verschreibt ihren Patientinnen, die auf Grund von Chemotherapie oder Klimakterium unter trockener Scheide und damit Schmerzen beim Geschlechtsverkehr leiden, gerne Zäpfchen mit Hyaluronsäure. „Eine Studie am AKH Wien mit Cikatridina-Scheidenzäpfchen hat bei Scheidentrockenheit signifikante Besserungen gebracht.“

 

Auch bei Wunden wirksam

Besserungen bringt Hyaluronsäure in Form einer Creme auch in der Wundheilung. „Ich setze die Bionect-Creme häufig bei oberflächlichen Wunden, bei Abschürfungen, aber auch nach chemischen Peelings ein“, sagt Sanja Schuller-Petrovic, Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Wien. Empfehlenswert seien auch Kosmetika mit Hyaluronsäure, „keine Wundermittel, aber sicher positiv und gut zur Haut“.

Positiv ist das feuchtigkeitsspendende Polysaccarid auch beim trockenen Auge. „Es gibt sehr viele Augentropfen auf Basis der Hyaluronsäure, auch in vielen Reinigungs- und Pflegelösungen für Kontaktlinsen erweist sie wertvolle Dienste“, weiß Helga Azem, Vorsitzende der Fachgruppe Augenheilkunde und Optometrie in der österreichischen Ärztekammer. Zusätzlich sorge HA in Gels und Cremen für die Pflege und Straffung der Augenlider. „Man kann damit zwar keine Schlupflider zum Verschwinden bringen, aber man kann deren Entstehung sowie die Bildung von Tränensäcken hinauszögern.“

Auf einen Blick

Hyaluronsäure ist ein körpereigener Stoff, der vor allem in Haut und Bindegewebe vorkommt. Mit den Jahren produziert man allerdings immer weniger davon.

Eine ihrer interessantesten Fähigkeiten: Sie kann enorme Mengen Wasser binden (bis zu sechs Liter Wasser pro Gramm).

Das Zuckermolekül kann auch biotechnologisch hergestellt werden und wird in vielen Bereichen der Medizin und Schönheitsindustrie eingesetzt.

Verwendet wird Hyaluron unter anderem bei Arthrosen, Stimmlosigkeit, trockenen Augen, Wunden, gegen Falten oder Halsschmerzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2011)