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Alois Mock: "Es gibt nichts zu bereuen"

Alois Mock gibt nichts
Mock(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Österreichs "Mister Europa" im Interview. Wie der 77-Jährige die Krisen der Europäischen Union und "seiner" ÖVP sieht und warum er sich "nie sehr um seine Gesundheit gekümmert" hat.

Es sind 18 Stufen hinauf in Alois Mocks Wohnung in Wien-Döbling. Mangels Lift meistert sie der 77-Jährige heute im Alleingang. Für den langjährigen ÖVP-Chef, Außenminister und Vizekanzler sind es im doppelten Sinn 18 Schritte nach vorne. „Physisch geht es ihm viel besser als noch vor einem Jahr“, sagt Edith Mock. Damals wurde ihr Mann mit einer schweren Lungenentzündung ins Spital eingeliefert „und musste erst wieder gehen lernen“. Keine leichte Aufgabe, schon gar nicht für einen Parkinson-Patienten.

Heute besucht das Ehepaar Mock wieder Vorträge, Konzerte und Buchpräsentationen. In der Vorwoche war man in der Kirche, sah im niederösterreichischen Blindenmarkt „Orpheus in der Unterwelt“ und erhielt Besuch vom ÖAAB anlässlich des 40-Jahre-Jubiläums von Mocks Antritt als Chef des VP-Arbeitnehmerflügels (1971 bis 1979) – und das obwohl Mock erst vor zwei Wochen von einem längeren Aufenthalt in der Uni-Klinik Innsbruck zurückgekommen war.

Für diese Ausgabe baten wir „Mister Europa” um seine Einschätzung zur Krise der EU und „seiner“ ÖVP. Der Alt-Vizekanzler spricht wegen seiner Krankheit leise und mitunter schwer verständlich. Die Fragen übermittelten wir deshalb Edith Mock – mit der Bitte, sie ihrem Mann zu stellen. Edith Mock machte sich die Mühe. Über mehrere Tage verteilt stellte sie immer wieder eine der Fragen, sammelte die Antworten und schickte sie uns auf fünf in Blockschrift verfassten Seiten per Fax.

Herr Mock, wie geht es Ihnen und wie geht es Ihrer Meinung nach Österreich?

Alois Mock: Mir geht es gut. Österreich geht es besser als manche – auch Medien – uns glauben machen wollen. Schauen wir uns doch um in der Welt. Es gibt nicht viele Länder, denen es besser geht als uns. Aber wir haben ja schon immer gerne genörgelt!

Sehen Sie durch die Eurokrise das Projekt eines gemeinsamen Europas in Gefahr?

Für mich ist die EU in erster Linie ein erfolgreiches Friedensprojekt. So erfolgreich, dass es heute schon jeder als selbstverständlich ansieht. Alles andere ist wichtig, aber zweitrangig. Der Euro wird krank gejammert. Den USA geht es viel schlechter als Europa, aber niemand macht sich Sorgen um den Dollar.

 

War die Währungsunion rückblickend betrachtet ein Fehler?

Nein, sie erleichtert vieles. Aber man hätte besser kontrollieren sollen, ob jeder der beitrittswilligen Staaten alle dafür verlangten Kriterien auch tatsächlich erfüllt hatte.

 

Sie gelten als glühender Europäer. Sind Sie vom Umgang europäischer Spitzenpolitiker mit dem Thema EU enttäuscht?

Es hat wieder ein stärkeres nationales Denken unter dem Einfluss mancher Rechtsparteien begonnen. Wenn einer damit anfängt, ziehen andere nach. Jeder will schließlich zu Hause wiedergewählt werden.

 

Sie haben als einer der ersten Spitzenpolitiker die Unausweichlichkeit des Zerfalls Jugoslawiens erkannt. 20 Jahre später: Halten Sie Serbien trotz des Konflikts im Nordkosovo für EU-reif?

Wenn Serbien wirklich ernstlich in die EU will – und die Äußerungen mancher Politiker lassen diese Zielrichtung erkennen –, dann wird es auch die richtigen Schritte setzen und mit der Zeit die nötige Europareife erlangen.

 

Was halten Sie von einem EU-Beitritt der Türkei?

Kroatien ist schon auf dem Weg in die EU. Nach seinem Beitritt sollte eine längere Ruhepause eingelegt und ernstlich an die Vertiefung herangegangen werden.

 

Mit welchen Gefühlen erinnern Sie sich heute an den EU-Beitritt Österreichs?

Ich denke an den mühevollen Verhandlungsmarathon in Brüssel Ende Februar 1994 und den großartigen Zusammenhalt der österreichischen Delegation und an den überwältigenden Erfolg der Volksabstimmung vom 12. Juni 1994. Damals war ich noch geschwächt von einer Bandscheiben-Operation, aber sehr glücklich, denn Österreich würde kein europäischer Staat zweiter Klasse werden.

 

Was war der schönste Moment Ihrer politischen Karriere?

Das Durchschneiden des Eisernen Vorhanges an der ungarischen Grenze im Juni 1989.

 

Was halten Sie von der aktuellen Regierung, im Speziellen von Ihrem Parteifreund Michael Spindelegger?

Vizekanzler Dr. Michael Spindelegger kenne ich schon lange. Ich halte sehr viel von ihm. Er ist erst seit kurzer Zeit in dieser Position. Daher: Lasst Spindelegger und sein Team arbeiten! Dann werden sich schon die Erfolge einstellen.

 

Ihre Partei, die ÖVP, ist in Umfragen hinter die FPÖ gefallen. Was sind Ihrer Ansicht nach die Gründe für die ÖVP-Krise?

Aus Krisen kann man gestärkt hervorgehen. Gründe für unser momentanes Tief wird jeder andere nennen. Ich meine, es könnten der Obmannwechsel und die Lobbyingaffäre um Strasser gewesen sein.

 

Angesichts der schwarz-blauen Korruptionsaffären: War es ein Fehler, dass Wolfgang Schüssel im Jahr 2000 mit der FPÖ koaliert hat?

Nein. Die Koalition mit der FPÖ war die einzige Möglichkeit nach dem Platzen der Verhandlungen mit der SPÖ. Als Mann der Wirtschaft war Wolfgang Schüssel immer großkoalitionär eingestellt und musste sich erst zu Verhandlungen mit der FPÖ durchringen. Die ehemaligen FPÖ-Minister, denen man Korruption vorwirft, haben die ihnen zur Last gelegten Handlungen, soviel ich weiß, erst nach ihrem Ausscheiden aus der Regierung getätigt.

Schüssel hätte die einzelnen Minister weder kontrollieren können noch dürfen. Es gibt die Ministerverantwortung. Auch Bundeskanzler Vranitzky und ich konnten nicht in die Ministerien hineinschauen. Dasselbe gilt auch für den heutigen Bundeskanzler und Vizekanzler.

Sie hatten für Österreich die Vision eines EU-Beitritts. Fehlen Österreich heute Politiker, die noch über den Tellerrand der nächsten Wahl hinausblicken, die Visionen für das Land haben?

Jede Zeit hat ihre Repräsentanten, wie zum Beispiel Figl und Raab oder Klaus und Kreisky. Heute stehen eben andere Politiker an der Spitze. Manche Leute gehen auch lieber in die Wirtschaft. Dort haben sie ein höheres Einkommen und sind weniger stark Kritik ausgesetzt.

 

Sie haben einmal sinngemäß gesagt, dass Ihre Entscheidung für die Politik Ihre Erkrankung verstärkt hat. Haben Sie die Entscheidung jemals bereut?

Ich habe mich nie sehr um meine Gesundheit gekümmert und auch jeder Sache gegenüber meiner Person den Vorrang eingeräumt. Zu Bereuen gibt es also nichts. Ich bin nach der Diagnose meiner Parkinson-Krankheit im Februar 1995 als Außenminister im Mai 1995 zurückgetreten und war dann bis November 1999 noch im Nationalrat. Da hat es nirgends Schwierigkeiten gegeben.

Eine Frage zu einem aktuellen außenpolitischen Thema, den Umwälzungen in Nordafrika: Wird der Arabische Frühling in den betroffenen Ländern zu mehr Demokratie oder zu einer Islamisierung führen?

Der Arabische Frühling ist noch nicht zu Ende. Ich möchte und kann nicht vorhersagen, welche Strömung die Oberhand gewinnen wird. Es kann in jedem Land anders sein. Ich hoffe, die vernünftigen Kräfte siegen. Aber es wird vermutlich noch schwere Geburtswehen geben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2011)