Gewaltexzess von Zivilpolizisten vor einer New Yorker Bar schürt ethnische Spannungen.
New York/Washington. Sekundenlang hallten die Schüsse durch den New Yorker Stadtteil Queens. 50mal hatten die fünf Undercover-Polizisten auf das Auto gefeuert, einer der Beamten hatte gar zwei Magazine mit insgesamt 31 Patronen hinausgejagt. Dass danach noch irgendjemand in dem durchsiebten Nissan lebte, grenzt an ein Wunder: Zwei Männer wurden verletzt ins Spital gebracht. Doch ein Dritter, der 23-jährige Sean Bell, hatte weniger Glück. Er starb. Dabei hatte er gerade seinen Polterabend gefeiert.
Der Grund des Kugelhagels ist für viele Bewohner von Queens klar: Rassismus. Denn der Tote und seine Freunde sind schwarz. "Einen Weißen hätten sie nicht einfach abgeknallt", sagt ein Afroamerikaner, der mit anderen vor New Yorks Rathaus protestiert.
Die Polizei weist die Vorwürfe zurück und erklärt, die Polizisten hätten sich korrekt verhalten. Als die drei Männer unlängst um vier Uhr früh den Strip-Club "Kalua" in Queens verließen, in dem sie die nahende Hochzeit Bells gefeiert hatten, habe ein Zivilpolizist das Wort "Waffe" aufgeschnappt.
Er habe die drei, die bereits in ihren Wagen gestiegen waren, darauf zur Rede stellen wollen - ob er sich dabei als Polizist zu erkennen gab, ist noch unklar. Doch die drei fuhren los, streiften den Beamten und anschließend einen Minivan. Just in dem befanden sich aber weitere Zivilpolizisten. Diese eröffneten darauf das Feuer. Eine Waffe fand man im kugeldurchsiebten Fahrzeug nicht.
Zum Rassismus-Vorwurf verweist die Polizeiführung auf die Hautfarbe der fünf Undercover-Agenten, die im Club wegen Prostitution und Drogenhandel ermittelt hatten: zwei sind Schwarze, zwei sind Weiße, einer ist Latino.
Dennoch hat der Vorfall viele prominente Afroamerikaner auf den Plan gerufen, allen voran den Prediger Al Sharpton, 2004 einer der demokratischen Präsidentschaftskandidaten. "Die Stadt muss moralische Empörung zeigen, dass 50 Kugeln auf drei unbewaffnete Männer abgefeuert werden", fordert Sharpton.
Bürgermeister Michael Bloomberg tat das auch - zur Überraschung vieler New Yorker. Denn sein Vorgänger Rudy Giuliani hatte einst wochenlang geschwiegen, als vier weiße Polizisten vor einigen Jahren in der Bronx den unbewaffneten Afrikaner Amadou Diallo mit 19 Schüssen töteten. Das Verhalten der Polizisten sei "inakzeptabel und unverständlich", so Bloomberg. Er könne nicht verstehen, warum man 50 Schuss abfeuere, ohne einmal innezuhalten.
Nach bisherigem Ermittlungsstand haben die Beamten freilich formal nur zweitrangige Regeln verletzt. So ist es der Polizei in New York aus Rücksicht auf unbeteiligte Fußgänger verboten, auf fahrende Autos zu schießen. Zudem muss nach Abgabe von drei Schüssen gestoppt und "das Ergebnis überprüft werden", wie es im Regelbuch heißt.
Dass zwei der inkriminierten Zivilbeamten in dem Strip-Club Alkohol tranken, sei Undercover-Agenten allerdings erlaubt.