Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Werner Herzog: "Lang lebe der Marshall-Plan!"

Werner Herzog Lang lebe
Werner Herzog(c) Dapd (Ascot Elite Filmverleih)
  • Drucken

Am Freitag startet Herzogs toller 3-D-Film über Höhlenmalerei: Psychoanalytiker erklärt er im Gespräch mit der "Presse am Sonntag" zu Hausdeppen und plaudert über Kannibalismus und Kinderbücher.

Herr Herzog, seit „Die Höhle der vergessenen Träume“ haben sie schon wieder eine Reihe Filme gedreht. . .

Werner Herzog: „Into the Abyss“, der Film über Menschen im Todestrakt,ist gerade fertig geworden, während wir hier in Europa jetzt den Höhlenfilm herausbringen.Es ist ein breites Gemälde über ein völlig sinnloses Verbrechen und war ursprünglich als TV-Serie geplant. Die heißt „Death Row“, besteht aus 52-minütigen Folgen, die mehr auf die Einzelpersonen im Todestrakt konzentriert sind.


Ist das bei dieser Produktionsmenge ein dauerndes Gebären und Abschiednehmen?

Nein, Abschiednehmen würde ich nicht sagen. Eher: Das Boot von der Kette nehmen, einen sanften Fußtritt geben und auf den See hinaustreiben. Jeder Film muss sein eigenen Leben leben können. Natürlich sind Filme aber schon auch Teile, die zu einer Familie zusammengehören.

 

Sie halten nun bei 57 Filmen: So steht es zumindest auf dem Ticker auf Ihrer Homepage.

Das kommt darauf an, wie man das zählt. „Filmstunde“ sind beispielsweise sechs Filme, ist aber nur als einer gezählt. Ich bin auch nicht sicher, ob die neuen schon dazugezählt sind. Heuer sind es ja sechs Filme. Da steckt übrigens mein Bruder dahinter, der hat zu zählen begonnen. Ich wusste es bis dahin gar nicht genau, ich dachte immer, es seien so um die 60.

 

Wir sitzen hier im noblen Berliner Hotel Adlon. Im Interview-Buch „Herzog on Herzog“, sagten Sie dass Sie Hotels hassen und lieber irgendwo am Boden liegen.

Mein Problem ist derzeit nicht das Hotel, sondern die Zeitumstellung. Ich bin im Moment immer noch um drei Uhr früh glöckerlwach und fange dann zu arbeiten.

 

Sind Sie ein Morgenarbeiter?

Nein, das ist wurscht. Ich arbeite einfach immer, wenn es notwendig ist.

 

Mit „Höhle der vergessenen Träume“ haben sie Ihren ersten 3-D-Film gemacht und einen der ganz wenigen, wo dieses Konzept aufgeht. Gefallen Ihnen sonst 3-D-Filme?

Ich kenne nur einen einzigen: „Avatar“. Aber ich versuche zu verstehen, wie 3-D gemacht ist, auch, welche Fehler gemacht werden. Im Moment sind in 3-D viel zu schnelle, harte Schnitte wie im Actionfilm üblich, die können wir von unserer Gehirnphysiologie her gar nicht nachvollziehen: Das sind bestimmte Fehler, die man jetzt erkannt hat. „Avatar“ liegt mir übrigens wie ein Stein auf dem Gemüt wegen der unerträglichen Pseudo-Esoterik. Abgesehen vom New Age ist es ein erstaunlicher Film. Und die Zustimmung von so vielen Leuten für etwas wie 3-D muss man im übrigen ja ernst nehmen. Das sind ja alles nicht Dummköpfe, die auf irgendwas reinfallen. Aber ich glaube nicht, dass 3-D die Zukunft aller Dinge im Kino sein wird. Das ist undenkbar.

 

Wussten Sie schon, dass Sie einen 3-D-Film machen wollen, bevor Sie die Malereien in der Chauvet-Hähle leibhaftig gesehen hatten? Oder hat sich die Form erst aus dem Inhalt ergeben?

Ich habe zuerst Fotos gesehen, einen Bildband studiert. Da habe ich nie an 3-D gedacht, es sah auch so aus, als wären die Wände relativ flach. Als ich dann zum ersten Mal in der Höhle war, bin ich in so ein Staunen hineingeraten und habe gedacht: Der Film wird in 3-D gedreht, no matter what. Auch wenn es schwierig wird. Dieses Staunen muss sich einfach auf das Publikum übertragen. Wenn ich das richtig mache, habe ich einen Film gemacht wie er sich gehört.


Also, bei uns hat das Staunen funktioniert.

Ja, der Film ist in den USA auch ein riesiger Erfolg. Er hat jetzt schon doppelt so viele Zuschauer wie „Grizzly Man“, der auch schon ein Hit war. Wie auch immer.

 

Was ist das Faszinierende an Höhlenmalerei?

Das sind wir, wir als kulturelle Wesen. Wir sehen uns und beobachten uns in der allerersten Phase und erkennen uns wieder.Wir haben ja nur beschränkt wissenschaftliche Erkenntnisse aus dieser Zeit und können nur behutsam Rückschlüsse ziehen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir wissen, dass auf Müllhaufen aus paläolithischer Zeit, wo Küchenabfälle und abgenagte Knochen von Pferden und Rentieren lagen, auch Skelette von Säuglingen geworfen wurden. Aber Kinder, die drei oder vier Jahre alt waren, wurden bestattet. Der Rückschluss daraus könnte sein, dass Menschsein erst dann als solches empfunden wurde, sobald Menschen gesprochen haben. Das wurde dann nicht mehr als Abfall bewertet.

 

Die Höhlenmalerei entstand vor 30.000 Jahren, als Neandertaler und der erste Homo Sapiens nebeneinander existierten..

Ja, es gab wahrscheinlich sogar Überkreuzungen von Homo Sapiens und Neandertalern. Vermutlich durch Frauenraub und Vergewaltigungen. Möglicherweise haben sie sich auch gegenseitig gejagt und gegessen. Es gab in allen paläolithischen und neolithischen Kulturen Kannibalismus. Das gibt es bis in die Neuzeit, ja bis heute. Das ist nichts Besonders und gehört offensichtlich zum Menschsein dazu: Ich spreche da aber vom ritualisierten Kannibalismus, nicht von dem, der aus Hunger nach einem Flugzeugabsturz in den Anden stattfindet. Ich nehme an, dass die Menschen zur Zeit der Chauvet-Höhle sehr viel jagbares Wild zur Verfügung hatten: Rentiere, Bisons, Auerochsen. Wenn ich damals gelebt hätte, hätte ich sofort Pferde gejagt. Das wäre das  Jagdtier meiner Wahl, weil Pferde in ihrem Fluchtverhalten berechenbarer sind als andere Tiere. Ein Hirsch flüchtet kreuz und quer, aber ein Pferd kann man gezielt in die Flucht treiben. Dort kann man dann eine Grube ausheben – und hat Essen für eine Woche.

 

Im Film demonstriert ein Wissenschaftler eine Wurfschleuder für einen Speer. Scheint gar nicht so einfach zu sein. Haben Sie das auch selbst ausprobiert?

Ja, es erfordert große Geschicklichkeit. Aber es ist eine geniale Erfindung, weil dadurch ein Speer mit hoher kinetischer Energie geschleudert werden kann. Pfeil und Bogen wurden ja erst 20.000 Jahre später erfunden. So tief in der Urgeschichte befinden wir uns da. Im übrigen, wenn ich das erwähnen darf, haben wir als Kinder zu Hause in Bayern was Ähnliches erfunden. Wir haben aus einem Buchenscheit einen flachen Pfeil geschnitzt, den Pfeil mit einem Haken versehen und eine Peitsche mit einer Öse verwendet. Dann haben wir den Pfeil mit dieser Peitsche wie mit einem verlängerten Arm in die Gegend geschossen. Der segelte unheimlich weit. Das war unsere Erfindung, nicht unähnlich der Speerschleuder.

 

Wenn Sie bei Ihrer Kindheit sind: Sie sind in einem bayrischen Dorf aufgewachsen. Gab es Höhlen in Ihrer Kindheit, die Ihnen was bedeutet haben?

Nein, überhaupt nicht. Nur Berge und Wasserfälle.

Wir stellen so direkte Fragen, weil Sie das in Ihren Dokumentarfilmen auch immer erfolgreich tun. Kommt das ganz intuitiv oder bereiten Sie diese Fragen vor?

Ich betreibe ja meine eigene Filmschule: die Schurkenschule. Da sag ich meinen Schülern immer: Bestimmte Sachen kann man einfach nie auf einer Schule lernen. Das müsst Ihr im Leben lernen. Lest, lest, lest, lest – wer nicht liest wird nie ein Filmregisseur! Wenn ihr nicht elementare  Erfahrungen im Leben habt, kommt ihr als Regisseure nie weiter. Ein Beispiel: Mein Film „Into the Abyss“ fängt mit einem Pastor an. Der kam an den Drehort und sagte: „Schnell, schnell in 40 Minuten muss ich im Todeshaus sein, um einen Delinquenten bei der Hinrichtung zu begleiten.“ Ich hatte ihn vorher nie gesehen. Und er begann vor der Kamera durchschaubar wie ein TV-Prediger zu sprechen: von einem gütigen Gott, von Vergebung und Paradies und diesen herrlichen Schöpfungen wie Rindern oder Eichhörnchen oder einem Reh, das ihn neulich mal groß angeschaut hat. Und ich dachte mir: „Das unterbreche ich jetzt“ und frage ihn wie aus dem Nichts kommend: „Erzählen Sie mir von einer Begegnung mit einem Eichhörnchen.“ Zehn Sekunden später bricht er in sich zusammen, fängt fast zu weinen an. Nirgends, auf keiner Journalistenschule oder Filmschule, wird Ihnen jemand beibringen, dass Sie auf einmal eine Frage über eine Begegnung mit einem Eichhörnchen stellen. Das müssen Sie . . .

 

. . . fühlen?

Nein, nicht fühlen. Das müssen Sie in sich haben. Das hat auch mit Intellekt zu tun und elementar mit Menschenkenntnis, die nicht anders erlernbar ist als im Umgang mit wirklichen Menschen und dem wirklichen Leben. Auch was den Höhlenfilm betrifft: Ich war nie vorbereitet mit Fragen. Genausowenig wie im Todestrakt. Da hatten wir 50 Minuten Zeit, und nach 48 Minuten legt sich einem vorsichtig eine Hand auf die Schulter. Da weiß man: Der oberste Wächter will einem höflich sagen: 120 Sekunden noch. Und dann wird der Strom abgedreht.

 

Ist der Druck beim Interview im Todestrakt stärker als mit einem Wissenschaftler zum Thema Höhlenmalerei?

Nein. Die Neugier ist immer dieselbe. Der menschliche Kontakt ist immer derselbe. Aber im Todestrakt dürfen Sie nur 50 Minuten lang fragen, also muss man sofort den richtigen Ton treffen, sonst hat man die Gelegenheit vertan. Das Nachdenken kommt erst hinterher. Und zwar beim Schneiden. Da haben mein Cutter und ich wieder begonnen zu rauchen: So intensiv war das Material. Wir konnten auch nur maximal fünf Stunden arbeiten. Dann haben wir abgeschaltet.

 

Nochmals zu Ihrer Schurkenschule: Wie viele Seminare haben Sie bereits abgehalten?

Drei. Ich mache das ja nur, wenn ich genug Ruhe dafür habe. Ich veranstalte die Seminare an verschiedenen Orten. Ich könnte es überall machen, im Prater oder im freien Feld oder im Steinbruch von St. Margarethen. Normalerweise gehe ich aber in ein billiges Flughafenhotel und miete dort einen Konferenzraum.

 

Demnächst spielen Sie auf Wunsch von Tom Cruise in dessen nächsten Film mit. Unlängst hatten Sie als Sprecher einen Gastauftritt bei den Simpsons. Sind Sie in den USA eine Kultfigur?

Nein, nein. Nehmen wir es gerade: Die Filmproduzenten haben sich genau überlegt, wer den Gegenspieler von Tom Cruise den Chefideologen der Bösen spielen soll. Wer hat die richtige Sprache, die richtige Stimmlage? Und dann hat sich Tom Cruise offenbar damit durchgesetzt, dass ich schon gemeingefährlich aussehe, bevor ich was gesagt habe. (Lacht) Aber Sie sehen das schon auch richtig: Wenn man in den Simpsons einmal eine Gastrolle hat, dann ist das die Apotheose. (Lacht). Und die Schurkenschule war nur meine Reaktion auf den Andrang an Leuten, die von mir lernen wollen. Wenn ich heute eine Annonce aufsetze, dass ich einen Assistenten suche, melden sich binnen zwölf Minuten 5.000 Leute. Ich will gar nicht didaktisch werden. Ich will nur das Interesse der vielen Menschen ernst nehmen und eine geordnete Antwort darauf geben.

 

In Ihrem Höhlenfilm kommen Träume und Alpträume vor. Sie haben einmal gesagt, dass Sie nicht träumen.

Ja, das stimmt. Ich glaube, da irren sich die Psychoanalytiker. Ich erkläre sie hiemit alle zu Hausdeppen! (Lacht) Tut mir leid: Ich bin der lebende Beweis, dass man nicht träumt. Zum Glück träume ich nicht und zum Unglück träume ich nicht. Das kann ich beides sagen. Denn ich wache morgens auf und empfinde es als Defizit, dass ich nicht geträumt habe. Es ist also ein Glück und gleichzeitig ein Unglück.

 

Was Sie hingegen schon immer gerne getan haben, ist: zu Fuß gehen. Tun Sie das immer noch?

Nur, wenn ein gewichtiger Grund dahinter steckt. Ich bin faul wie jeder andere und fahre lieber mit dem Zug. Doch wenn etwas Entscheidendes zu tun wäre, würde ich als Geste dafür auch zu Fuß gehen.

 

So wie ihr Gewaltmarsch zu Lotte Eisner 1974?

Ja, da war klar: Ich lasse nicht zu, dass sie stirbt. Aber das ist dann so was wie eine Pilgerfahrt. Für mich ist nicht der Weg das Ziel, sonder das Ziel ist das Ziel. Ich unterscheide mich darin von manchen buddhistischen Ideen.

 

„Winnie der Pu“ ist eines Ihrer Lieblingsbücher.

Ja es war eines der ersten Bücher, das uns unsere Mutter vorgelesen hat. Da waren auch immer viele Kinder von den Nachbarhöfen da: 12 oder 14, beim Zuhören zusammengedrängt. Dieses Buch ist mir so lieb geworden, ich muss daher sagen: Lang lebe der Marshall-Plan! Das Buch war nämlich klugerweise Bestandteil eines der Care-Pakete, das uns erreicht hat. Neben dem Maismehl steckte es drin.

 

Haben Sie es denn Ihren Kinder vorgelesen?

Nein, für die habe ich eigene Geschichten erfunden.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2011)