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Kino: Im globalen Netz des Erzählens

globalen Netz Erzaehlens
(c) Dapd (Disney Enterprises)
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Die digitale Vernetzung verändert Geschichten und Erzählweisen im Film. Das Kino entwickelt sich zurück zu seinen Anfängen, ist ein "Varieté" der Attraktionen geworden.

Wie stellt man etwas, das sich in Bits und Bytes, tief vergraben in den Computerchips von PCs oder auf matt leuchtenden Bildschirmen abspielt, filmisch spannend dar? In „Tron“ (1982) lieferten sich Programme, die aussahen wie stilisierte Motorräder, Verfolgungsjagden. In „War Games“ (1983) war es eine verzerrte Mickey-Mouse-Stimme, die aus dem Plastikkastl kam und einen Atomkrieg androhte. Zwölf Jahre später flitzten in „Hackers“ leuchtende Datenströme durch Computerchip-Stadtlandschaften. In der „Matrix“-Reihe (1999–2003) überlagerten Zahlenreihen die Realität. So originell solche direkten Bezüge zur Digitalisierung auch sind, geben sie doch begrenzt Aufschluss darüber, wie das Internet die Kunstform Film verändert. Das vielschichtige Verhältnis zwischen Film und digitaler Kultur spiegelt sich in den Geschichten wider, noch grundlegender aber in der Art, mit der sie erzählt werden.

Wegzudenken ist das Internet aus Hollywood ohnehin kaum. „Das populäre Kino hat die Fähigkeit, Veränderung in der Gesellschaft und in der Technik aufzunehmen und sofort einzubauen – um zu zeigen, dass man up to date ist“, erklärt Alexander Horwath, Direktor des Österreichischen Filmmuseums. Seit in dem Thriller „Enthüllung“ (Disclosure, 1994), in dem Michael Douglas von Demi Moore sexuell bedrängt wird, E-Mail-Verkehr eine handlungstragende Rolle zukam, sind digitale Kommunikationsformen im populären Film Usus. Das zieht sich von romantischen Komödien – Meg Ryan und Tom Hanks verlieben sich per virtuellem Gedankenaustausch in „E-m@il für Dich“ (You've got Mail, 1998) in das imaginierte Bild des jeweils anderen – bis zu Actionfilmen, die traditionellerweise mit Muskeln, nicht mit Hirn protzen. Im jüngsten „Stirb langsam“-Film von 2007 mit Bruce Willis als blutendem, schwitzenden Stehauf-Männchen dürfen Hacker beim Weltenretten mithelfen. „Stirb langsam 4.0“ heißt der Streifen konsequenterweise.

Klassische Fabeln. Neue digitale Welten produzieren aber nicht automatisch neue Geschichten. James Camerons „Avatar“ (2009), mit einem Einspielergebnis von knapp 2,8 Milliarden Dollar finanziell extrem erfolgreich, weist erstaunliche Parallelen zur Kolonialisierungsgeschichte „Pocahontas“ auf: Weißer Mann rettet Urvolk, natürlich aus Liebe. Selbst „The Social Network“ aus dem Vorjahr, in dem sich David Fincher mit dem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und somit direkt mit dem Thema beschäftigte, erweist sich als klassische Studie eines Außenseiters auf dem Weg zur Macht. Die Computer sind Ausstattung, denn ob Zuckerberg-Darsteller Jesse Eisenberg sich über eine Tastatur beugt oder über ein Buch, macht insofern keinen Unterschied, als die Grunderzählung – eine klassische Moralfabel – unverändert bleibt. Machiavelli 2.0 sozusagen. „Die ästhetischen und narrativen Grundformen des Kinos entwickeln sich relativ langsam – Veränderungen geschehen hier in weit weniger sichtbarer Weise“, erklärt Horwath.

Kino wie damals. Tiefgreifender hat sich das Internet nämlich auf Rhythmen und Logiken niedergeschlagen. Die Ironie dabei: Diese Veränderungen ähneln den Erzählformen zur Zeit des Aufbruchs in die Moderne um 1900. „Die Arten der Wahrnehmung haben sich in gewisser Weise zurück entwickelt zu den Anfängen des Kinos, als dieses eine Folge rasch wechselnder Attraktionen war. Im Prinzip war das frühe Kino wie das Varieté auf ,Nummern‘ aufgebaut. Der klassische, abendfüllende Spielfilm mit abgerundeten Erzählbögen und kompakter Illusionserzeugung kam später und wurde erst nach dem Ersten Weltkrieg prägend“, erklärt Horwath. „Seit den 1980er- und 1990er-Jahren kehrt der populäre Film zu einer Art Nummern- bzw. Attraktionen-Kino zurück. Die Narration verliert diesen klassischen, romanhaften Zusammenhang, der Handlungsbogen zerfällt mehr und mehr – zugunsten spektakulärer Ereignisse.“

Dieser Trend lässt sich aus einer Vielzahl von Hollywood-Großproduktionen ablesen, am eindrucksvollsten wohl an Michael Bays „Transformers“-Reihe. Die Actionfilme hanteln sich von Roboterkampf zu Explosion zu Roboterkampf zu Explosion. Wer seine Aufmerksamkeit kurz von der Leinwand abschweifen lässt, wird nichts Wesentliches verpassen.


Tarantino in „Häppchen“.
Selbst die Filme von einem großen „Auteur“ des Hollywood-Gegenwartskinos, Quentin Tarantino, lassen sich unter dieser Logik betrachten: Er zerstückelt seine Werke in kurze, in sich abgeschlossene Episoden. Der 160 Minuten lange kontrafaktische Weltkriegsfilm „Inglourious Basterds“ (2009) beispielsweise ist in fünf Kapitel – leicht konsumierbare „Häppchen“ – unterteilt.

Dieses Phänomen sei dem Internet geschuldet, meint Horwath. „Das Internet ist selber ein dispersives Medium, ein Medium der Zerstreuung, und zwar in einem viel stärkeren Ausmaß als das Kino. Im Internet ist man ständig in mehreren Welten gleichzeitig. Die eigene Wahrnehmung wird konstant aufgesplittert.“ Wer kennt das Phänomen nicht: Man geht ins Internet, um kurz etwas nachzuschauen und taucht erst Stunden später aus dem Ozean an Informationen und Ablenkungen wieder auf. Das populäre Unterhaltungskino richte sich immer an die junge Generation – die eben mit dieser zersplitterten Wahrnehmung aufgewachsen ist, so Horwath. „Das sind Zuschauer, die ständig mit neuen Arten des Reizes befeuert werden wollen.“

Diese Internetlogik am konsequentesten umgesetzt hat ausgerechnet ein Film für Erwachsene. Der französische Thriller „Demonlover“ von 2002, in dem eine Geschäftsfrau in die Abgründe von Internetpornographie fällt, wurde mit der Freigabe „Ab 18“ versehen. Regisseur Olivier Assaysas zeichnete visionär die veränderte Realitätswahrnehmung in der Ära Internet nach – ein Film, wie wenn man durchs Netz surft.

Netzförmiges Erzählen. Auch der Aufstieg der sozialen Medien habe populäre Erzählformen im Kino und im Fernsehen verändert, konstatiert Ramón Reichert, Professor am Wiener Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Er spricht von „netzförmigen, dezentralen und kollaborativen Erzählweisen“, die sich in Fernsehen und Kino etabliert haben.

Dieses „netzförmige“ Erzählen erreichte seinen ersten Höhepunkt in Christopher Nolans „Memento“ im Jahr 2000. In dem Thriller im Rückwärtsgang irrt ein traumatisierter Mann (Guy Pearce) ohne Kurzzeitgedächtnis auf der Suche nach den Mördern seiner Frau durch triste Stadtlandschaften. Seine jüngere Lebensgeschichte, die er jeden Tag neu erlernen muss, hat er – analog! – auf Polaroids und Post-its veräußert oder sich als Tattoos einprägen lassen. Protagonisten und Zuseher erforschen schrittweise, was passiert und passiert ist. Strukturiert ist der Film in zehnminütige Blöcke, die maximale Länge einer klassischen Filmrolle – und eines YouTube-Videos. Auch mit dem Traum-im-Traum-Thriller „Inception“ (2010) verfolgt Regisseur Nolan dieses Konzept, ob die Hauptfigur (Leonardo DiCaprio) am Ende des Films erwacht ist oder noch in einer Traumwelt steckt, das lässt sich nur erraten. Desorientierung dient als Stilmittel, die „Wahrheit“ ist endgültig subjektiv geworden.

Inzwischen gehört dieses multiple und unvollständige Erzählen zum Plot-Repertoire gängiger Film- und Fernsehformate, so Reichert. Inspiriert sei es von Kommunikationsformen auf Online-Community-Portalen. Der deutsche Filmwissenschaftler Jens Eder relativiert diese These: Für solche, unter dem Begriff „Mind Game“ zusammengefassten Filme seien psychosoziale Entwicklungen und Probleme der gegenwärtigen Gesellschaft entscheidender als die Vernetzung, meint er. Der Trend zur Individualisierung, Herausforderungen an die eigene Identitätsfindung und die Zunahme psychischer Krankheiten hätten mehr Einfluss auf die gegenwärtigen Geschichten und ihre Protagonisten. „Eine direkte Auswirkung des Internets auf verbreitete Figurenkonzeptionen anzunehmen, käme mir etwas naiv vor“, meint Eder.

Externes Gedächtnis. Ein Zusammenhang zwischen neuen digitalen Techniken und dem Gedächtnis lässt sich indes leicht herstellen. Wir werden an Geburtstage von Freunden erinnert, ständig poppen Terminerinnerungen auf dem Bildschirm auf, via externen Festplatten lassen sich immer größere Datenmengen bequem in die Tasche stecken. Facebook zeichnet seit Kurzem das Leben seinen Nutzer sogar auf einer Zeitleiste nach. Vom Geburtsdatum über Schulerziehung bis zur eigenen Familiengründung: Lebensgeschichten werden ausgelagert, wir müssen sie uns nicht mehr merken. Und wir können nicht vergessen, wenn alles gespeichert wird.

Kein Wunder, dass Filmemacher das Thema so fasziniert. „Die irrige Annahme, dass das Internet und die digitalen Maschinen alles speichern, führt dazu, dass das Erinnern an sich prekär wird. Wo scheinbar alles für uns erinnert wird, verlernen wir das Erinnern und das Vergessen“, so Horwath. „Das führt zu einer allgemeinen Verunsicherung, was Erinnern betrifft. Das Verhältnis zwischen Erinnern und Vergessen ist sicher eines der gewichtigsten Themen der Gegenwartskultur.“

Die Erinnerung in Zeiten ihrer technischen Reproduzierbarkeit hat Regisseur Chris Marker bereits 1983 in dem Kino-Essay „Sans Soleil“ verhandelt: „Verloren am Ende der Welt auf meiner Insel Sal in Gesellschaft meiner herumstolzierenden Hunde erinnere ich mich an den Januar in Tokio, oder vielmehr ich erinnere mich an die Bilder, die ich im Januar in Tokio gefilmt habe. Sie haben sich jetzt an die Stelle meines Gedächtnisses gesetzt, sie sind mein Gedächtnis.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2011)