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Koselleck: "Sie kaufen Kunst – und ich BP"

Koselleck kaufen Kunst ndash
Koselleck(c) EPA (BERND THISSEN)
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Subversive Kapitalismuskritik: Der deutsche Künstler Ruppe Koselleck will den Ölmulti BP in 268 Jahren feindlich übernehmen. Aber auch Coca-Cola, Ikea, Aldi und Lidl sind nicht vor ihm sicher.

Wo Kunst und Wirtschaft aufeinander treffen, da gedeihen oft eigenartige Blüten: Der deutsche Künstler Ruppe Koselleck will den britischen Ölmulti BP feindlich übernehmen, indem er den Müll des Konzerns verkauft. Vor zehn Jahren kam er auf die Idee. Inzwischen hält er 1768 der 18,9 Milliarden BP-Aktien in seinem Besitz. Bei diesem Tempo bräuchte er nach eigenen Angaben – die Biologie ignorierend – noch 268 Jahre für sein Ziel. Der Anlass für seinen Übernahmeplan war keine Ölkatastrophe, sondern eine Änderung in der Bildsprache des Konzerns. „BP hatte gerade das Logo umgestellt – vom klassischen alten BP-Wappen auf ein grünes Sonnenzeichen. BP schien mir der richtige Kriegsgegner zu sein. Sie spielen Greenpeace und fördern Öl. Schöner Schein und schmieriges Sein“, sagt Koselleck im Interview mit „DiePresse.com/Sonntag“. Seit damals stellt er Kunstwerke mit dem Namen „Teerarium“ her – Klarsichtboxen, in denen sich vom Strand aufgesammelte Klumpen Teer befinden. Kaufen kann man sie jeweils um zwei BP-Aktien. Das Motto: „Sie kaufen Kunst und ich BP“.

Im August 2010, vier Monate nach der Explosion der BP-Bohrplattform „Deepwater Horizon“, war Koselleck in den USA. Er besuchte die betroffene Gegend. „US-Präsident Obama ging mit seiner Tochter ein paar Meilen nördlich von mir in Florida baden, um allen zu zeigen, es sei alles wieder gut“, erinnert er sich heute daran. „Aber nichts war gut“. Tag und Nacht hätten BP-Mitarbeiter die Strände gereinigt. Dass der drittgrößte Ölkonzern als Gegner eine Kragenweite zu groß sei, glaubt er nicht. „BP operiert wie ein Staat und ist zu unerhörten Gewinnen verpflichtet, weil das Unternehmen als Aktiengesellschaft große Dividenden ausschütten muss. Gerade die Größe macht BP zu einem sinnvollen Gegner.“ Der Ölmulti hat den feindlichen Übernahmeversuch bislang freilich ignoriert.

Auch Coca-Cola im Visier. BP ist nicht das einzige Unternehmen, das Koselleck ins Visier nimmt. 2008 sorgte er mit seinen „Coca-Cola-Kreuzen“ in Dubai für Aufsehen. Er machte aus alten Cola-Dosen Kreuze und kombinierte damit nach eigenen Worten die zwei erfolgreichsten und bekanntesten Symbole der Welt. Die Deutungen waren vielfältig. „In Mexiko wurden die Cola-Kreuze als antiimperialistische Zeichen verstanden. In Deutschland wurde ich oft gefragt, wer für wen wirbt. In Dubai wurden die Kreuze aus einer Unesco-Ausstellung entfernt – als eine mögliche Beleidigung der Christen.“

Der schwedische Möbelhersteller Ikea wurde ebenfalls Opfer des künstlerischen Provokateurs. Er entfernte in der Wander-Möbelausstellung Fotos der Ikea-Musterfamilie aus Bilderrahmen und ersetzte sie durch eigene – etwa durch solche, die ihn mit einem Schnitzel auf dem Kopf zeigen. Ikea nahm es mit Humor und nutzte die Aktion zu Werbezwecken. Koselleck entsorgt dort seitdem seine alten Handtücher in den Schränken der Badezimmer sowie kaputte Handys im Jugendzimmer.

Seine Laufbahn als künstlerischer Kapitalismuskritiker startete Koselleck im Jahr 1998 mit der Gründung des „Büros für deflationäre Maßnahmen“. Dabei zog er Geldscheine aus dem Verkehr, prägte eine Deflationskennnummer ein und signierte sie, ehe er sie in Laminat einschweißte. „Auf diese Weise zerstörte ich 11.650 Deutsche Mark“, sagt er. Mit der Eurokrise würde seine ältere Arbeit wieder neue Aktualität gewinnen.

Das Spiel mit Geld und Werten verfolgt Koselleck weiter. Auf eBay konnte kürzlich ein originaler 10-Euro-Schein ersteigert werden, auf den er groß das Wort „Spielgeld“ aufdrucken ließ. Der Schein verliert zwar nicht an Gültigkeit, das Bezahlen an der Supermarkt-Kassa wird aber erschwert. „Es ist eine lohnende Selbsterfahrung“, meint Koselleck. „Wer glaubt der Note noch? Dieser einen und warum eigentlich noch all den anderen Papieren?“

Internet und soziale Netzwerke spielen bei Koselleck eine wichtige Rolle. Er ist auf Facebook vertreten, bloggt (www.dermeisterschueler.de), twittert und hat einen Kanal auf YouTube. „eBay ist eine Einnahmequelle für unseren kleinen Kunstverein“, sagt er, Facebook hingegen sieht er kritisch. „Je mehr Freunde auf Facebook du hast, desto einsamer wirst du. Der ganze virtuelle Spuk kann immense Reserven an Zeit verschlingen.“ Die Occupy Wall-Street-Bewegung hält Koselleck hingegen für eine Hoffnung. „Interessant ist, dass der Funke aus dem Web in die reale Realität zurückkommt. Die ,Arabellion' bekommt ihr westliches Pendant.“

Kritik hat Konjunktur. Koselleck tauscht auch die Werbeprospekte von Aldi und Lidl aus. „Intrigante Intervention“ nennt er das. Dass die Unternehmen mit Ausnahme von Ikea offiziell nie auf seine Aktionen reagieren, nimmt der Künstler gelassen. „Die normierte Welt ist eine ärmere Welt, dagegen muss man einfach angehen.“

Wie man als Künstler tatsächlich von Kapitalismuskritik leben könne? „Als Krisengewinnler mache ich unvorstellbare Umsätze, die dazu ausreichen, meine Mieten zu begleichen. Für Kaviar und den Geigenunterricht reicht es nicht immer“, sagt er. „Aber ich bin guter Dinge, weil ich davon überzeugt bin, dass meine Art von Kunst eine Berechtigung hat. Kritik hat eine notwendige Konjunktur und das ist auch gut so.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2011)