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"Die große Zeit des Handels ist vorbei"

Laut Zukunftsforscher Eike Wenzel werden wir bald die Hälfte unserer Einkäufe im Internet erledigen.

Im österreichischen Handel liegt der Online-Anteil am Gesamtumsatz bei zehn Prozent – in zwei Jahren sollen es 15 Prozent sein.

Eike Wenzel: Das ist eine sehr konservative Schätzung. 2015 werden mehr Leute mobil auf das Internet zugreifen als über PCs, das hat massive Auswirkungen auf den Handel. Rabatt-Coupons per Smartphone werden ein großes Thema sein und auch das E-Wallet – die digitale Brieftasche. Zuerst haben wir mit dem Smartphone telefoniert, dann Inhalte getauscht, jetzt konsumieren wir damit.

Wie lautet Ihre Prognose für die nächsten zehn Jahre?

Der stationäre Einzelhandel wird allein an den mobilen Konsum zehn Prozent verlieren. Es wird darauf hinauslaufen, dass 50 Prozent elektronisch umgesetzt werden und 50 Prozent im stationären Handel. Dabei sollten wir nicht mehr von E-Commerce, sondern von SocialCommerce reden. Das Zeitalter der kalten Transaktionen ist vorbei.

 

Welche Branchen wird der Internethandel besonders stark treffen?

Jene, die schon heute gut online funktionieren, wie zum Beispiel den Buchmarkt. Schauen Sie sich die CD-Industrie an – da kann man wunderbare Rückschlüsse darauf ziehen, was der Buchbranche in den nächsten Jahren droht. Digitales Lesen startet einen Siegeszug.

 

Der E-Book-Anteil am Gesamtmarkt liegt in Europa bei nicht einmal einem Prozent.

In den USA sind es bereits sechs Prozent, in den nächsten zehn Jahren wird der Anteil auch in Europa auf bis zu 25 Prozent steigen. Vor allem der Bereich E-Learning wird einen regelrechten Boom erleben, Fachbuchverlage haben die Antennen schon ganz stark in Richtung Elektronik ausgerichtet. Es wird immer noch genügend Gelegenheiten geben, Print zu verkaufen, dennoch müssen die Verleger ihre Geschäftsmodelle auf völlig neue Füße stellen.

 

Wie wird sich der Einzelhandel insgesamt in den nächsten Jahren verändern?

Unser klassisch bürgerliches Modell wird sterben: der Wochenendeinkauf auf der grünen Wiese (Anm. Shoppingcenter am Stadtrand). Dagegen wird das Einkaufserlebnis in der Innenstadt an Bedeutung gewinnen – aus ökologischen Gründen, aber auch, weil dabei viel Kommunikation stattfindet. In Deutschland wandern große Ketten wie Ikea oder Aldi schon heute in die Innenstädte – und in den USA verkleinert der größte Arbeitgeber Wal Mart seine Flächen auf der grünen Wiese.

 

Wie sieht das „Einkaufserlebnis“ der Zukunft aus?

Wir gehen in ein Zeitalter, in dem wir nicht mehr nur Verbraucher, sondern kritische Genießer sein wollen. Der möglichst direkte Kontakt zwischen Produkt und Nutzer ist die Zukunft. Dabei werden auch Schranken aufgebrochen. Zum Beispiel haben gute Lebensmittelhändler, wie die italienische Kette „Eataly“, heute einen Restaurantbetrieb. Die Kunden wollen das essen, was sie kaufen – und das kaufen, was sie essen. Sie wollen mit den Herstellern in Kontakt treten.

 

Man kann also von einem Ende der Zwischenhändler reden?

Ich nenne es Desintermedialisierung – das Ende der Mediatoren. Das 20. Jahrhundert war die große Zeit des Handels – und die ist jetzt vorbei. Künftig zählt nur noch die Kommunikation zwischen dem Kunden und dem Produkt. Das funktioniert im Web sehr gut, aber auch auf lokaler und regionaler Ebene.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2011)