Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Großhofen: "Wir leben hier im Paradies"

Grosshofen leben hier Paradies
Weichand(c) Die Presse (Clemens Fabry)
  • Drucken

Ihre Unabhängigkeit ist ihnen heilig, Zuzug im "Paradies" unerwünscht: Ein Lokalaugenschein in der kleinsten Gemeinde Niederösterreichs, wo 72 Wahlberechtigte 13 Gemeinderäte wählen – und das sinnvoll finden.

Es ist ein Kuriosum: Zwei Ortstafeln hat Großhofen. Wer die erste passiert, hat schon die zweite im Blick. Großhofen, das sind heute 91 Einwohner, fünf Straßen und 40 Häuser. Darunter ein Gemeindeamt, in dem zwar ein Computer fehlt, aber hinter der Wand ein Feuerwehrauto steht. Man teilt sich das Amtsgebäude. Einmal am Tag kommt der Bäcker auf Rädern, einmal im Monat zelebriert der Pfarrer in der Kapelle eine Messe.

Das wäre dann alles – bis auf eine Klinik, die im medizinischen Notfall aber eher nicht aufzusuchen ist: Die Auto-Klinik, eines der größten Privatmuseen Niederösterreichs, steht in seiner kleinsten Gemeinde. Zur Eröffnung kam der Landeshauptmann. Es war ein Feiertag für das Marchfeld-Nest vor den Toren Wiens. Und für Erwin Pröll. „Der hat sich ganz wohlgefühlt bei uns“, wird in der ÖVP-dominierten Gemeinde stolz erzählt.

Trotz aller Begeisterung des Landeshauptmanns drängen sich beim Rundgang durch Großhofen Fragen auf: Muss eine 8,5-Millionen-Einwohner-Republik unbedingt mit 2357 Gemeinden, Dutzenden Bezirke und neun Ländern verwaltet werden? Und hatten die bürgerlichen Revolutionäre 1848 wirklich auch Großhofen im Sinn, als sie den Gutsherren das Land entrissen und die Gemeinden geschaffen haben?

Das gallische Dorf. Die Fragen treffen jeden Großhofener ins Mark. Wer sie hier stellt, macht sich keine Freunde. Eine Gemeindezusammenlegung? „Auf keinen Fall“, sagt Helmut Bauer. „Das will die große Mehrheit ganz sicher nicht.“ Bauer ist Gemeinderat und Feuerwehrmitglied. Das sind hier viele. Weshalb auch jeder im Ort über alles Bescheid weiß. Direkte Demokratie à la Großhofen. Bauer fängt an zu schwärmen – über den Zusammenhalt im Ort, darüber, dass „jeder jedem hilft“, Rasenmähen am Sonntag keinen stört, und die Kinder auf der Straße spielen können, „weil eh jeder langsam fährt“. Man kennt in der Regel jeden, der Großhofen ansteuert. Und wo ist der Haken? Einen gibt es da schon: „Ohne Auto bist du hier aufgeschmissen.“ Ein paar Mal am Tag fahrt der Bus. Das reicht nicht für ein autofreies Leben. Trotzdem: „Wir leben im Paradies.“


Demokraten und Frühaufsteher. Während Bauer schwärmt, parkt sich sein Nachbar ein – Gerald Rehor, Feuerwehrmitglied und mit seiner „Bagger-Hotline“ (kein Flirtratgeber, ein Bauunternehmen) auch einer von drei Wirtschaftstreibenden vor Ort. Für Rehor ist Großhofen „das gallische Dorf“.

Der These folgend wäre er ihr Majestix: Georg Weichand, Landwirt und Bürgermeister von Großhofen. An jedem Wahltag steht der ORF vor seiner Gemeindetür. Der Großhofener ist nämlich Demokrat und Frühaufsteher: 2010 lag die Beteiligung an der Gemeinderatswahl bei 96 Prozent, obwohl das einzige Wahllokal um zehn Uhr schließt. Um 10.15 Uhr sind die Stimmen ausgezählt, kein Wahlergebnis der Republik liegt früher vor. Weshalb vom Bundeskanzler abwärts auch alles und jeder versucht, aus dem Stimmverhalten der Großhofener einen Trend abzulesen. Ganze Zeitungsberichte werden darüber verfasst. „Wir liegen auch oft im Trend“, sagt Weichand. Oft, aber nicht immer. Wäre Österreich ein einziges Großhofen, der Bundespräsident würde heute auf den Namen Benita Ferrero-Waldner hören.

Der Kommunalwahlkampf wird hier noch von „Haus zu Haus“ geführt, also von Großhofen 1 bis 35. Zumindest seit 2000, als mit der SPÖ wieder eine zweite Partei kandidiert hat. Ein Mandat ist um fünf Stimmen zu haben. 72 Wahlberechtigte wählten im Vorjahr 13 Gemeinderäte. Klingt einigermaßen absurd. Trotzdem: „Wir sind Großhofener und bleiben Großhofener“, sagt der Bürgermeister.


Der Neid der Fusionierten. Immer waren sie aber nicht Großhofener. „Unter Hitler“ wurden sie Wiener – zumindest auf dem Papier. Und blieben es bis 1955. Anfang der Siebziger passierte dann Erstaunliches: Als St. Pölten mit Gemeinde-Zusammenlegungen zwei Drittel seiner Kommunen wegrationalisierte, kamen die Großhofener ungeschoren davon. Im Ort erzählt man sich, dass neben (später als verfassungswidrig aufgehobenen) Sonderkonditionen für die Gemeinden um Wien auch die rote Couleur der politischen Führung im benachbarten Markgrafneusiedl eine Zusammenlegung verhinderte. „Heute werden wir um unsere Eigenständigkeit beneidet“, sagt Hans Navracsics, Pensionist, ÖVP-Gemeinderat und – natürlich – Feuerwehrmitglied. „Ausgeraubt“ habe man Kleinstgemeinden nach der Zusammenlegung. Ihre Felder verscherbelt. Vom Geld hätten die Dörfer oft nichts gesehen, weil ihre Stimme im Gemeinderat „untergeht“.

Großhofen entscheidet selbst, ob es neue Siedlungen schafft. Und es hat entschieden. Gemeindebaugrund? Gibt es vorerst nicht. „Die meisten wollen ihre Ruah haben“, sagt der Bürgermeister. SPÖ-Chef Erwin Wöger nickt. Wie in jedem „Paradies“ herrscht auch in Großhofen die Angst, dass es von Eindringlingen zerstört wird. Zumal man mit Zuzug keine guten Erfahrungen gemacht hat: Zähneknirschend wird im Ort registriert, dass sich einige Neuankömmlinge nicht an den zwei Dorffesten im Jahreskalender beteiligen und, noch schlimmer, auch nicht der Feuerwehr beigetreten sind.

Denn der Dorfzusammenhalt hilft, Großhofen über Wasser zu halten: Gemeindearbeiter gibt es hier nicht. Wenn der Großhofener selbst im Ort aufräumt, erhält er sich damit ein Stück weit seine Unabhängigkeit. Auch der Bürgermeister legt selbst Hand an, bastelt etwa eine Rampe für den Gemeinde-Müllcontainer. „Anders geht's nicht“, sagt Weichand. Jeder weiß um die Finanzlage. 126.700 Euro – mehr macht das Jahresbudget nicht aus. Schon ein größerer Wasserrohrbruch würde die Gemeinde wohl in ernsthafte finanzielle Turbulenzen bringen. Oder ein starker Schülerjahrgang. Denn Großhofen zahlt an das benachbarte und größere Markgrafneusiedl eine „Kopfquote“ für jedes Großhofener Kind als Beitrag zur Schulerhaltung. Weichands Vorgänger hat deshalb einst vor einem „Bankrott“ gewarnt, sollte die Zahl der Kinder durch Zuzug in die Höhe schießen.

Der Überlebenskampf. Großhofen kooperiert sonst, wo es nur kann. Von der Müllabfuhr bis zum Streudienst – die allermeisten Gemeinde-Hausaufgaben werden längst im Verband erledigt. Selbst Friedhof, EDV-System und Amtsleiter teilt Großhofen mit Markgrafneusiedl. Jeden Mittwoch, von 18.15 bis 19.15 Uhr, führt Harald Schöner vor Ort die Geschäfte. Es ist keine aufregende Stunde. Schöner: „Manchmal kommt gar niemand.“

Für Experten hat das Großhofener Modell durchaus seinen Charme. Hans Pitlik vom Wifo etwa hält Kooperationen grundsätzlich für „sinnvoll“. Die ideale Gemeindegröße liege zwar, gemessen an den Pro-Kopf-Ausgaben für die Verwaltung, bei 1500 bis 2500 Einwohnern. Für Zusammenlegungen würde aber zumeist ein zu hoher politischer Preis bezahlt. „Aus Kompromiss mit den Dörfern bleiben die Doppelstrukturen in vielen Fällen erst recht erhalten. Das Einsparungspotenzial wird stark überschätzt.“ Man kann das auch so übersetzen: Es wäre Nonsens, eine Kleinstgemeinde wie Großhofen auf dem Reißbrett zu erschaffen. Aber genauso wäre es Unfug, sie gegen den Willen der Bevölkerung jetzt aufzulösen. Großhofens Winzigkeit führt nicht nur zu einer stärkeren Bürgerbeteiligung am Gemeindeleben. Sie zwingt die Politiker auch, bei sich selbst zu sparen. 30 Prozent des Gehalts eines Nationalratsabgeordneten, also 2180 Euro, würden dem Bürgermeister einer Gemeinde mit bis zu 1000 Einwohnern per Landesgesetz zustehen, maximal die Hälfte davon seinem „Vize“. „Da wär ma in zwei Jahren flach“, sagt Weichand. Also pleite. Der Bürgermeister verzichtet deshalb auf zwei Drittel seines Gehalts, nimmt sich nur 640 Euro. Gemeinderäte werden mit zehn Euro pro Sitzung abgespeist: „Gfallen tuts uns nicht.“

Noch ein Effekt der Kleinstgemeinde: Regelmäßig leisten in Niederösterreich Dorfbewohner Widerstand gegen die Errichtung von Windparks. „Auch uns gefallen die Windradln nicht“, sagt Bürgermeister Weichand. Seine Gemeinde stimmte im Vorjahr trotzdem der Errichtung von sechs Windrädern zu. Weil der Erlös im Ort bleibt. Ein „Lottosechser“ für Großhofen. Spätestens 2013 wird der Windpark bis zu 28.000 Euro in die Gemeindekasse spülen. Ein Fünftel des Jahresbudgets.


„Anschläge“. Großhofens Gemeinde-Status war aber ohnehin nicht in Gefahr, zumal in St. Pölten heute ein anderer Wind weht als beim Gemeinde-Kahlschlag vor 40 Jahren. Ein Landesgesetz verbietet Zwangsfusionen, Vorschläge für Gemeindezusammenlegungen wurden von der ÖVP-Landesriege bereits als „Anschläge“ und „brandgefährlich“ verteufelt.

Vielleicht sollte Großhofen also in die Offensive gehen und die eigene Winzigkeit vermarkten. So wie das Gramais in Tirol tut. Stolz verkündet der 53-Seelen-Ort auf seiner Homepage: „Gramais in Tirol – die kleinste Gemeinde Österreichs oder wie auch viele sagen: ,die Perle des Lechtals‘“.

IN ZAHLEN

72

Wahlberechtigte
wählten im Vorjahr in Großhofen 13 Gemeinderäte.

10

Uhr Vormittag
ist in Großhofen Wahlschluss. Kein Wahlergebnis der Republik liegt früher vor.

91

Einwohner
zählt Großhofen (Stand: 1. Jänner 2011). Vor 20 Jahren sind es 71 gewesen, im Jahr 2001 dann 92.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2011)