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„China geht seinen eigenen Weg: Marktwirtschaft mit chinesischem Charakter“

Interview. Der Unternehmer und frühere Finanzminister Hannes Androsch über den Aufstieg Chinas und die zunehmende Bedeutung von Bildung im globalen Wettbewerb.

Die Presse: Herr Androsch, Sie sind an der Leiterplattenfirma AT&S beteiligt, die nun zwei Standorte in China hat, Sie bereisen das Land mehrmals im Jahr, waren als Regierungskommissär für Österreichs Auftritt auf der Expo 2010 in Shanghai verantwortlich. Um den Titel von Hugo Portischs legendärem Buch „So sah ich China“ zu zitieren: Wie sehen Sie China?

Hannes Androsch: Zunächst einmal steigt Asien langsam dorthin wieder auf, wo es bis 1800 jahrhundertelang gewesen war. Dadurch verschieben sich die Gewichte von Europa und den USA nach Asien, aber inzwischen auch nach Lateinamerika und in rohstoff- oder erdölproduzierende Länder. Da ist es dann müßig zu überlegen, wer wann wen überholt, wobei ich an zwei Dinge erinnern möchte. Das eine war: Ende der 1980er-Jahre hat Professor Ezra Vogel ein Buch mit dem Titel „Japan As Number One“ mit der zentralen These, dass die Japaner die Welt beherrschen werden, geschrieben. Und kurz darauf ist Japan abgestürzt, sie haben sich in den 20 Jahren seither nicht erholt. Und dann darf man – deswegen auch das japanische Beispiel – nicht die ungelösten Probleme, um nicht zu sagen: inneren Widersprüche übersehen, die es in China natürlich gibt.

Was sind Ihrer Meinung nach die Probleme und Widersprüche?

Es gibt in China rund 200 Millionen Wanderarbeiter, die aus dem Landesinneren zu den Honigtöpfen des Küstenstreifens umsiedeln. Doch nach wie vor sind viele dieser jungen Menschen nicht ausreichend qualifiziert. Wenn da noch in den nächsten zehn, zwanzig Jahren weitere 300 Millionen dazukommen, wie es in einigen Prognosen vorausgesagt wird, dann ist die Gesamtzahl der Wanderarbeiter die der Einwohnerzahl der Europäischen Union. Das muss ein Land erst einmal bewältigen und absorbieren. Die chinesische Führung weiß über all diese Probleme natürlich viel besser Bescheid als die China-Beobachter und -Experten aus dem Ausland.

Welche Rolle spielt Europa in diesem neuen Weltsystem?

Im 18. und 19. Jahrhundert haben die europäischen Mächte die Welt dominiert. Dann haben sich die Schwerpunkte verschoben: Zuerst wanderte der Machtpol in die USA, nun driftet er zunehmend nach Asien. Wie es dazu gekommen ist? Einerseits aus Gründen der schlichten Demografie. Aber es gibt auch andere Gründe: Amerika hat praktisch seit dem Vietnam-Krieg über seine Verhältnisse gelebt und geglaubt, die anderen werden seine Schulden finanzieren. Und wir Europäer? Wir sind halt bequem und larmoyant geworden, sind politisch zersplittert. Wir schöpfen unser Potenzial nicht aus und laufen Gefahr, dass wir zwischen Asien und Amerika zerrieben werden. Egon Bahr – der unter Willy Brandt und Helmut Schmidt in der deutschen Bundesregierung diente – hat schon recht, wenn er sagt, die Europäische Union ist ökonomisch ein Riese, politisch ein Zwerg und militärisch ein Wurm. Mein Rat an Europa: Wir können nichts anderes tun, als die Herausforderung anzunehmen. Genau das sollten wir tun.

China wird nicht nur von den Europäern und den Amerikanern als Konkurrenz gesehen, sondern vor allem vom Nachbarn Indien.

Indien verfügt über eine breite Mittelschicht, die wohlhabend und sehr gut ausgebildet ist und zudem hervorragend Englisch spricht. In manchen technologischen Bereichen hat Indien großes Potenzial, aber auch große Hindernisse. Wie das Wettrennen zwischen beiden asiatischen Mächten in 40 Jahren ausgegangen sein wird, weiß ich nicht.

Die Sicht auf China ist ambivalent: Einerseits hoffen die Europäer, dass China europäische Staatsschuldpapiere kauft, andererseits wird der niedrige Wechselkurs der chinesischen Währung kritisiert.

Das Wechselkurs-Thema ist überschätzt. Die Japaner wurden im Plaza-Abkommen 1985 gezwungen, den Yen im Vergleich zum Dollar massiv aufzuwerten. Und was hat das im Außenhandelsverhältnis zu Amerika bewirkt? Rein gar nichts. Die Chinesen wären freilich gut beraten, aus Eigeninteresse ihre Währung, den Yuan-Renminbi, zu stärken. Aber in Peking geht die Angst um, dass dadurch die Arbeitslosigkeit steigen könnte.

Wie soll der Westen auf den Aufstieg Chinas reagieren?

Angstfrei. Wir sollten uns nicht den Kopf darüber zerbrechen, wie China seinen Aufstieg managed, sondern darüber, was Europa aus sich macht. Und da gibt es nur zwei Alternativen: „We hang together“ oder „We hang separately“ – entweder wir halten zusammen oder hängen nebeneinander. Benjamin Franklin hat das 1776 bei der Unterzeichnung der US-Unabhängigkeitserklärung gesagt.

Können die Europäer China Lösungsmodelle für die Probleme des Landes anbieten? Immerhin bewundern die Chinesen die Infrastruktur Europas und den Wohlfahrtsstaat.

China geht seinen eigenen Weg: Marktwirtschaft mit chinesischen Charakteristika. Das ist das stolze Selbstverständnis der Chinesen, das ist auch vollkommen zu respektieren. In China denkt man in ganz anderen Dimensionen: Bei uns ist eine Stadt mit einer Million Einwohnern bereits eine Großstadt. Na, was ist eine Million in China? Wūlŭmùqí, Jílín Shì oder Nányáng sind ungefähr so groß wie Wien, aber in Wien kennen diese Städte nur die China-Experten. Allein Nánjīng hat genauso viele Einwohner wie Österreich, und da rede ich noch gar nicht über die Megastädte Schanghai, Peking oder Chóngqìng.

Sie betonen stets, wie wichtig Bildung im globalen Wettbewerb ist.

So ist es. Ich frage mich nämlich, was passiert, wenn wir den Chinesen nichts mehr liefern können, weil die auch innovative Produkte selbst herstellen können. Was passiert dann mit unserer berühmten Leistungsbilanz? Und wie wollen wir dann unser herrliches Sozialsystem weiter finanzieren?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2011)