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Burgtheater: "Romeo und Julia" als kurze Raserei

Burgtheater Romeo Julia kurze
Romeo und Julia(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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David Bösch inszeniert William Shakespeares verhinderte Komödie hinreißend. Yohanna Schwertfeger und Debütant Daniel Sträßer sind ein glaubwürdig junges Liebespaar, umgeben von einem exzellenten Ensemble.

Am Sonntag lernen sich die blutjungen Leute kennen, am Montag ist heimliche Hochzeit, zwei Tage später sind sie beide tot – William Shakespeares Drama „Romeo und Julia“ hat das Tempo einer Verwechslungskomödie. Weil die Sterne gegen die Dauerhaftigkeit dieser ersten Liebe sind, geht die Sache übel aus, und nicht einmal der bestürzte Herrscher, der die Fehde zwischen den Häusern Montague und Capulet längst schon leid ist, kann feststellen, wer nun wirklich schuld ist an dieser Tragödie.

Regisseur David Bösch, der dieses Stück seit 2004 drei Mal inszeniert hat und am Samstag mit einer feinen Version Premiere am Burgtheater feierte, behält das Fixe der Jugend und die Verflixtheit des Schicksals immer klar im Auge. Er hackt den Text (in der Übersetzung von Thomas Brasch) auf ein gefühltes Drittel zusammen, er modernisiert ihn in Nebenbemerkungen aufs Gröbste und lässt es rocken – doch blieb, oh Wunder, in zweieinhalb Stunden (inklusive Pause) das Wesentliche von Shakespeare erhalten. Dieser Romeo (Daniel Sträßer) und diese Julia (Yohanna Schwertfeger) haben Klasse, auch deshalb, weil sie von tollen Charakterdarstellern getragen werden.

 

Die Hölle einer Cocktailgesellschaft

Die Nebenrollen sind auf das Spiel fein abgestimmt. Petra Morzé gibt eine Lady Capulet, die sich leicht schwankend an ihr Cocktailglas klammert. Sie hat offenbar allen Grund zur Trunksucht, wenn man ihren Gatten (Ignaz Kirchner) sieht, der seine Tochter Julia erst schmeichelnd, dann mit der vollen Brutalität eines Renaissance-Patriarchen an den Grafen Paris (Gerrit Jansen) verheiraten will. Capulet macht bei seiner Party verkrampft grinsend den Entertainer mit Mikrofon und bleibt in seiner Berechnung doch leicht berechenbar. „Komm, Mutti!“, sagt er und schnippt mit den Fingern. Die Frau muss gehorchen wie eine abgerichtete Hündin. So also sieht der Kontrast zu einer Liebesehe aus, so würde der Lebensplan des jungen Mädchens enden, wenn das Drama „Paris und Julia“ hieße. Denn Jansen spielt diesen Paris zwar als geckenhaften Trottel, der romantisch heult, wenn nach dem Tod Julias ihr Lied (Romeo und Julias fetziger Song „Consequence“) gespielt wird, aber in Ansätzen ist er bereits die Kopie des berechnenden, gnadenlosen Alten. Jansen setzt die Nuancen geschickt ein.

Zurückhaltend sind Brigitta Furgler als Amme und Branko Samarovski als Bruder Lorenzo, die Mitwisserin der heimlichen Hochzeit und der Mönch, der den Scheintod Julias inszeniert. Sein Plan aber scheitert daran, dass Romeos Mailbox voll ist, dieser nicht eingeweiht werden kann. Die Verbündeten der Liebenden geben nicht die üblichen Lachnummern, sondern wohldosierte komödiantische Kontrapunkte zur großen Tragik. An manchen dieser Stellen lässt jedoch die Konzentration nach.

Der Aberwitz bleibt ganz den Buben, die nach exzessiver Fete ungeniert kotzen und den Feinden an die Garagentür pissen. André Meyer als Benvolio ist das Paradebeispiel für ein Gangmitglied, das zwischen Aggression und Feigheit schwankt, Fabian Krüger ein metrosexueller Mercutio, dessen sprachliche Schärfe trotz seiner gespreizten Attitüden nachhaltig wirkt. Daniel Jesch gibt mit Verve einen begriffsstutzigen Lackel, der nicht weiß, wohin mit all der Kraft. Mit schlaksigen Bewegungen, zur Unzucht ständig bereit, träumen sie vom großen Stich und sind vor allem selbstverliebt.

Das muss alles raus. Bei den Kampfszenen der jungen Männer, die dem Stück von Anfang an die abschüssige Richtung geben, hat Klaus Figge ein Feuerwerk der Choreografie entfacht. Links und rechts auf der sonst fast leeren Bühne (Volker Hintermeier) sind auf Aluleisten je drei Florette immer griffbereit. Aufständisches Pack gebe es in seiner Stadt, mault Franz Csencsits als würdiger Prinz und klingt in seiner Verachtung für die Feinde des Friedens verbittert wie der Dichter Dante im inneren Exil.

In diesem Reizklima, diesem Treibhaus der Renaissance, blüht die erste zarte Liebe. Was für eine Julia also gibt es zu sehen? Ein freches, frisches Mädchen. Voller Unschuld anfangs, dann wie vom Blitz der Liebe getroffen ist diese Vierzehnjährige – und von rascher Auffassungsgabe. Nicht nur den natürlichen Hang zur Tändelei besitzt sie, sondern auch schöne Ernsthaftigkeit. Schwertfeger beherrscht diese Klaviatur, sie erheitert, wenn sie für den Geliebten das Kleidchen lüpft, sie rührt, wenn sie ihm nachschmachtet. Man nimmt ihr diese Rollen vollkommen ab. Auch Sträßer spielt seinen Part mit großer Leichtigkeit und schwerem Gemüt, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Obwohl er sich am Anfang wie ein Süchtiger auf Entzug nach einer anderen verzehrt, wird die Liebe zu Julia trotzdem glaubwürdig. So ist es halt im Frühling.

 

Übermütiges Planschen in seichten Becken

Das Kennenlernen erfolgt auf einem schmalen Streifen an der Rampe. Der Großteil der Bühne ist noch von einer formatfüllenden Schiefertafel bedeckt, auf die die Verliebten wie pubertierende Schüler ihre Namen schrieben, sich herzend und küssend. Da sind sie dem Publikum ganz nah, aber auch später, wenn sich die Bühne öffnet. Selbst wenn Julia mittendrin in ihrem gläsernen Zimmer wie in einem großen Lastenaufzug auf Balkonhöhe herabschwebt, bleibt die Szene ganz intim. Die Verliebten planschen dann unten voll Übermut in seichten Becken herum, aber das ist niemals peinlich, sondern von großer Natürlichkeit. Das gläserne Zimmer wird schließlich auch Zentrum der fackelbekränzten Gruft der Capulets sein. Wie Schneewittchen ist Julia aufgebahrt, und wie ein böses, modernes Märchen endet das Stück. Noch im Sterben schreit Julia trotzig ihre Lust aufs Leben heraus: „Happy End!“ Das bricht einem das Herz.

Junge Stars am Burgtheater

Regisseur David Bösch (*1978) hat „Romeo und Julia“ unter Direktor Matthias Hartmann 2004 in Bochum inszeniert. Der ließ es 2005 auch in Zürich spielen und bot Bösch nun auch das Burgtheater für eine dritte Variante.

Daniel Sträßer (*1987) studiert derzeit noch Schauspiel am Mozarteum in Salzburg. Am Burgtheater debütierte er nun als Romeo.

Yohanna Schwertfeger (*1982) hat 2007 das Reinhardt-Seminar absolviert. Seit 2009 am Burgtheater engagiert, spielt sie nun die Julia.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2011)