Gerlinde Seitner ist ab Mittwoch Geschäftsführerin des Filmfonds. Sie wünscht sich im Gespräch mit der "Presse" vor allem, dass begabte Regisseurinnen stärker unterstützt werden.
Die Presse: Was hat Sie zum Film gebracht?
Gerlinde Seitner: Ich gehöre zur Generation La Boum. Ich bin in einer Kleinstadt in Frankreich aufgewachsen, nahe der deutschen Grenze. Mein Vater hat dort gearbeitet. Es gab zwei Kinos, ein schönes aus den 1950er-Jahren und ein kleineres. Wir haben Flashdance gesehen und dann kam Paris, Texas. Da dachte ich, aha, es gibt noch etwas anderes als Unterhaltungsfilme.
Kunst-, Kommerzfilm: Gibt es diese Trennlinie?
Für mich gab es die nie. Mir gefallen genauso gut Mainstreamfilme wie Nischendokumentarfilme – und ich sehe mir natürlich auch Blockbuster an, schon rein um zu sehen, wohin sich die Technik entwickelt.
Wohin entwickelt sich die Technik? Wird das Kino seinen Platz neben dem Heimkino behaupten?
Wir werden beides haben. Auch Blockbuster brauchen den Red-Carpet-Effekt im Kino – so wie Modedesigner ihre Luxuskollektionen präsentieren. Das Businessmodell ist eben so, dass Sie die Publicity, die Sie mit einem Kinostart erzielen, beim Heimkino nicht haben. Im Heimkino gibt es aber trotzdem natürlich alles, was das Herz begehrt. Die Technik ist auch nicht mehr so teuer.
Wie geht es mit den Programmkinos weiter?
Die Digitalisierung ist kostspielig, aber die Stadt Wien fördert sie. Dieses Programm hat heuer begonnen und wird 2012 fortgesetzt. Die Digitalisierung führt zu mehr Programmvielfalt. Weil man nicht mehr an die 35-mm-Kopien gebunden ist, kann man in ganz neue Sphären vordringen. Ich glaube, dass die Kinos mehr auf Nischen eingehen werden. In Brasilien ist der Kopientransport aufgrund der Größe des Landes schwierig. Einige Säle wurden früh digitalisiert, das Publikum entscheidet, was es sehen will. Da gibt es dann z.B. Montag Screwball Comedy, Dienstag französische Filme, Mittwoch italienische. In diese Richtung könnten sich auch hiesige Programmkinos entwickeln.
Woher kommt diese Blüte des heimischen Films seit einigen Jahren? Sind 11,5Mio. Euro Budget für den Filmfonds genug? Die Filmschaffenden äußern oft heftige Unzufriedenheit.
Die Blüte des heimischen Films ist das Ergebnis langjähriger Aufbauarbeit. Förderungen könnten natürlich immer höher sein, aber gerade die Filmförderung wurde stark verbessert. Es gibt vor allem eine ganze Reihe von Regisseurinnen, die ruhig mehr Unterstützung vertragen könnte. In Österreich hat sich das sehr langsam entwickelt, seit Kitty Kino, Ruth Beckermann. Seit ca. zehn Jahren gibt es immer mehr erfolgreiche Regisseurinnen, von Barbara Albert bis Anja Salomonowitz. Barbara Eder (Inside America) arbeitet an einer neuen Doku. Catalina Molina hat mit Talleres Clandestinos einen beachtlichen Abschlussfilm geliefert.
Was werden Sie als Filmfonds-Chefin ändern?
Die Koordination der Förderstellen muss verbessert werden: Filmfonds Wien, Österreichisches Filminstitut (ÖFI), ORF und „Filmstandort Austria“ – das ist die neu hinzugekommene Finanzierung vom Wirtschaftsministerium – müssen mehr kooperieren. Verwaltungsprozesse könnten stärker vereinheitlicht werden, z.B. die Projektkontrolle im Nachhinein, dass nicht mehr alle Förderer prüfen, sondern einer für alle.
Welche Rolle spielt der Film als kulturelles Propaganda-Instrument? Hollywood transportiert US-Werte in alle Welt. Frankreich hält dagegen.
Ja. Ich glaube, dass sich die Franzosen der Propagandawirkung des Films sehr bewusst sind, sie sind darin den Amerikanern ähnlich. Die Franzosen haben ein kulturelles Sendungsbewusstsein. Aber auch die Amerikaner sehen den Film nicht nur als Geschäft, sondern klar unter ideologischen Gesichtspunkten. Das ist für beide Länder eine Win-win-Situation. Frankreich stellt ganz gezielt und mit Förderungen die Herstellung eines europäischen, sprich französischen Gegengewichts zum amerikanischen Film her.
Auf einen Blick
Die Wienerin Gerlinde Seitner, Nachfolgerin von Peter Zawrel beim Filmfonds Wien, will dort die Verwaltung vereinfachen und die Koordination verbessern. Seitner, die von 1976 bis 1985 in Frankreich lebte, ferner in den USA, war seit 1997 beim Österreichischen Filminstitut (ÖFI) tätig, zuständig u.a. für EU-Förderungen bzw. als stellvertretende Chefin.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2011)