Es ist sinnvoll, dass es Sinn macht

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Einer der ältesten und erbittertsten Streite der deutschen Sprache sei hiermit friedvoll beigelegt.

Ich hoffe inständig, dass Wolf Schneider, der strenge Hohepriester des korrekten Deutsch, diese Kolumne nie zu lesen bekommt. Denn abgesehen von den ebenso ärgerlichen wie unvermeidlichen Tippfehlern in journalistischer Gebrauchsprosa sei hier und heute Frieden geschlossen mit einer jener schlampigen Übersetzungen aus dem Englischen, die der frühere Verlagsleiter des „Stern“ und Chefredakteur der „Welt“ Schneider in seiner Fibel „Deutsch für Profis“ kurz und klein hackt. Es geht um das „Sinn machen“, also die wörtliche Übersetzung des „to make sense“ der Anglophonen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Mir ist die Sinnmacherei ein Gräuel, und auch künftig werde ich meine Texte von ihr frei halten. Denn wenn etwas sinnvoll ist, es also Sinn hat, dann soll man sich daran erfreuen und es so sagen beziehungsweise schreiben. Allerdings scheint das Zeitgeschehen immer weniger Sinn zu haben. Die Stichworte kann man sich an jedem Stammtisch aus dem Ärmel schütteln: Schuldenkrise, Klimawandel (ich schreibe diese Zeilen am ersten Novembertag in Brüssel, bei wohligen 20 Grad Außentemperatur), Digitalisierung, exotische Seuchen, rabiate Terroristen. Und darum versuchen wir händeringend, unserer Zeit Sinn zu verleihen, ihn zu schöpfen, zu schaffen – kurzum: Sinn zu machen.

Natürlich finden wir Mitteleuropäer, die wir in der kartesianischen Denkschärfe der Franzosen (wo etwas schlicht und einfach „raisonnable“ zu sein hat) und dem deutschen Dichten und Denken geschult sind, die hemdsärmelige Do-it-yourself-Einstellung der Angloamerikaner nicht besonders anmutig. Aber was soll's: Was man nicht hat, muss man sich besorgen.

Das ist sinnvoll – and it makes perfect sense.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2011)

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