Was ist trister? Die Côte d'Azur im November oder die Schuldenlage in Griechenland, Italien, Spanien ff.
Jetzt will es wieder einmal niemand gewesen sein. Die Blätter der Palmen werden herzerweichend vom Wind zerzaust, graues Meer schiebt sich an den menschenleeren Strand, Regen liegt über der Stadt. Keine Ahnung, wer für den aktuellen G20-Gipfel Cannes ausgewählt hat. Mon dieu! Was kann Cannes im Herbst? Gibt es Trostloseres als die Côte d'Azur im November? D'accord, wenn es ein Trost ist: Auch mir fällt der eine oder andere Ort ein. Nicht nur in Frankreich. Wo des Frühlings wie im Sommer die Ganz-schön-Reichen und die Reich-an-Schönheit zu logieren, promenieren und über rote Teppiche zu stolzieren pflegen, herrschen dieser Tage andere Gepflogenheiten. Mieses Wetter stört nicht. Outdoor ist ohnehin nicht gerade die Stärke der Akteure dieser blitzlichtschwangeren Tage in Südfrankreich. Wobei sich manche die Frage stellen mögen, worin deren eigentliche Stärke liegt. Stark sind die Herren (pardon, Madame Merkel) vor allem beim Schuldenmachen. Und beim Versprechen des Wiedergutmachens nach dem Schuldenmachen. Was sich oft und oft hinterher aber bestenfalls als Versprecher herausstellt.
Auch Mister Yes we can ist an die Côte gejettet. Sicher ist er sehr sicher wie seine Kollegen in einem Hotel mit Blick auf die Heckenschützen der Polizei und auf das Meer untergebracht. Und auf den Sand. Nochmals: Weshalb Cannes? Weshalb wurden die G20 nicht 20 Kilometer weiter in Nizza untergebracht? Mit seinem weiß leuchtenden harten Kieselstrand. Sand statt Steine: Was will uns der für die Ortswahl verantwortliche Anonymus damit wohl sagen? Dass die Entscheidungen zur Rettung Griechenlands oder/und Italiens oder/und des Euro oder/und der EU auf Sand gebaut sein werden? Nicht sehr aufbauend, ich weiß. Aber ich baue auf Ihre Nachsicht, dass das K-Wort selbst in diese Kolumne vorgedrungen ist. Ob Obama mit seinen Kollegen im nassen Sand von Cannes vielleicht gar eine alte Drachmen-Münze findet? Die danach rasch aufpoliert wird? Und wieder einmal wird es niemand gewesen sein wollen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2011)