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Im Reich der höheren Dummheit

Symbolbild
(c) Erwin Wodicka
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„Chaostheorie“, „End of History“, „Postmoderne“ „Risikogesell- schaft“, „Postdemokratie“... Das Angebot ist groß, wenn es darum geht, pseudokompetent über Gott und die Welt mitzureden. Doch was könnte es heißen, „selbst“ zu denken? Und was macht eine mündige Person aus?

Als Emanuel Swedenborg, jenerVisionär, der von Kant als „Geisterseher“ abgefertigt wurde, wieder einmal die jenseitigen Sphären erforschte, da sah er, dass die himmlischen Scharen der Katholiken unter jenen der Protestanten rangierten. Denn die „Reformierten“ hatten ihre Bibel, die von Luther ins Deutsche übertragen worden war. Die katholischen Christen hingegen, soweit nicht des Lateinischen kundig – viele waren ohnehin Analphabeten –, mussten den Predigten lauschen oder jene volkstümlichen Werke konsultieren, worin die wichtigsten Ereignisse der Heiligen Schrift in Bildern dargestellt wurden. Selbstverständlich eignete auch dem „Erzfantasten unter allen Fantasten“, so Kants wenig schmeichelhafte Charakterisierung Swedenborgs, die gebildete Hochschätzung der Fähigkeit, das geschriebene Wort lesen zu können – eine Grundbedingung aller Aufklärung.

Die Forderung, die Kant an seine Leser stellte, packte er schließlich in die berühmte Formulierung, wonach Aufklärung der „Ausgang“ des Menschen aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ sei. Das Wort „selbstverschuldet“ hatte dabei eine spezielle Bedeutung. Denn der Aberglaube, die Anhänglichkeit an Dogmen, der Autoritätsgehorsam,das alles war ja keineswegs von den Einzelnenselbstverschuldet. Es warvielmehr ein Ergebnisvon Unbildung, Indoktrination, undurchschautem Vorurteil, auch von irrationalen Neigungen,die mit der menschlichen Natur einhergehen.

Wenn wir annehmenwollen, der Begriff der menschlichen Vernunft sei hinreichend klar (was er bei genauerer Betrachtung keineswegs ist), dannberuht der „Glaube an die Vernunft“ zunächst darauf, dass alle, die tatsächlich vernünftig sind, sich an die Regeln der Vernunft, zumal an jene der Logik, naturwüchsig gebunden fühlen. Aber eben die faktischeNaturwüchsigkeit der Vernunftbindung, das heißt: ihre bloß biologische Fundierung, wäre zu wenig, um wirksam gegen jenen Glauben opponieren zu können, der aus der Offenbarung erwächst. Denn hier steht demlumen naturale, der natürlichen Erkenntnislage des Menschen, das lumen supranaturale gegenüber, also eine Instanz, diesich der allerhöchsten, nämlich der Autorität Gottes verdankt, welcher auch diemenschliche Vernunft unbedingt zu gehorchen hätte.

Aller Aufklärung, sofern sie als die einzig rationale Alternative zur Religion firmiert, eignet seit eh und je ein unduldsamer Zug. Das hat mit der Autoritätsproblematik der menschlichen Vernunft zu tun. Sie darf nicht ausschließlich im Naturhaften desMenschen verankert sein, denn dort ist alles Mögliche verankert, auch die Dummheit, der Wahnsinn und das Böse. Kant versuchte folgerichtig, die Kategorien und Prinzipien der Rationalität in einem transbiologischen Bereich festzumachen, dessen Stellung zur Erfahrungswelt „transzendental“ sein sollte, mithin jedweder innerweltlichen Erkenntnis vorgeordnet, sie erst ermöglichend, und daher – vom menschlichen Standpunkt aus – nicht kritisierbar. Hier klingt noch reichlich vom obersten, absoluten Geltungsanspruch der Offenbarung durch.

Kein Licht ohne Schatten.Das ist zwar trivial, gilt aber auch – oder gerade deshalb – für die Aufklärung. In diesem Sinne formuliert Robert Musil, einAufklärer mit Hang zurMystik, in seinem Vortrag „Über die Dummheit“ aus dem Jahre1937 einige bemerkenswerte Thesen. Er unterscheidet in seinem Vortrag zwischen der „ehrlichen“ oder „schlichten Dummheit“, die einfach daher rührt, dass ein Mensch dumm ist, und jener anderen, die er die „höhere“ nennt. In ihr erblickt der Autor des „Mannes ohne Eigenschaften“ die „eigentliche Bildungskrankheit“. Die höhere Dummheit definiert Musil, der sich gelegentlich elitär als „konservativer Anarchist“ bezeichnet, folgendermaßen: „Sie ist nicht sowohl ein Mangel an Intelligenz als vielmehr deren Versagen aus dem Grunde, dass sie sich Leistungen anmaßt, die ihr nicht zustehen...“ Musils Paradestück der „höheren Dummheit“ war Oswald Spenglers ungemein erfolgreiches und bisheute nachwirkendes Monumentalwerk „Der Untergang des Abendlandes“.

Indem Spengler sich anmaße – so Musil –,über alle Völker und Kulturen der Weltgeschichte ein kompetentes Urteil abzugeben, noch dazu eines, aus dem mit scheinbar strenger Geschichtslogik folge, Europa sei vergreist und daher zum Absterben verurteilt, liefere der vielbelesene, doch fortwährend dilettierende Autor einen geradezu monströsen Musterfall der bürgerlichen Bildungskrankheit. Es war deshalb auchnicht bloße Beckmesserei, wenn Musil seine Kritik an Spengler mit dem Nachweis begann, dass diesem für den Quervergleich der mathematischen Denkweise verschiedener Zeitalter in unterschiedlichen Entwicklungsstadien schlichtweg das nötige Fachwissen fehlte.

Heute wimmelt es von populärwissenschaftlichen Begriffen, Konzepten, Theorien,die alle eine Folge davon sind, dass sich mehr oder minder gebildete Laien im Sinne der Aufklärungs-Maxime „Selber denken!“ ein Bild der jeweils interessierenden Verhältnisse machen. Dabei ist es, sieht man genauer hin, mit dem Selbstdenken gar nicht so weit her. Denn es sind in erster Linie die Massenmedien, die dem Laien vorkauen, was „in“ und was „out“, was „angesagt“ und was „passé“ ist. Auf diese Weise wird, durch leicht handliche Floskeln und Rezepturen, das Gefühl vermittelt, mitdenken zu können und sich eine eigene Meinung bilden zu sollen. Derart werden meist kurzlebige Begriffsfaszinosa erzeugt, die mit ihrer Ursprungsbedeutung oft kaum etwas zu tun haben. Mittlerweile ist die „Chaostheorie“, von der kein Nichtmathematiker auch nur annäherungsweise eine Ahnung hatte, wieder in den Hintergrund der saisonalen Leimetaphern getreten, wenn es darum geht, sich pseudokompetent über Gott und die Welt auszulassen. Zwischendurch war der – formal freilich weniger anspruchsvolle – „Clash of Civilizations“ bei den Bildungsbeflissenen en vogue, fast gleichzeitig wurde, in Ablösung des Fetisches „Postmoderne“, „The End of History“ proklamiert. Neuerdings grassiert das Konzept der „Postdemokratie“, nachdem eine Weile das Wort von der „Risikogesellschaft“ die Runde unter den Selbstdenkern machte...

Nun könnte man sich fragen, was denn daran so tadelnswert sei, dass im Umlauf befindliche Begriffe und Modelle von der mehr oder weniger gebildeten Öffentlichkeit dazu verwendet werden, um über weltanschauliche, religiöse und politische Probleme selbstständig, auf eigene Meinung abzielend, nachzudenken und zu diskutieren? Ohne hier ei- nem Musilschen Elitarismus frönen zu wollen, muss doch auf zwei Effekte aufmerksam gemacht werden, deren negative Auswirkungen beträchtlich sein können.

Erstens verbindet sich eine Attitüde, die halb verstandene und unklare, dafür aber emotional und anschaulich einprägsame Formeln nützt, leicht mit eingefleischten ideologischen Mustern, die bestätigt sein wollen. Man denke nur an die lange gehegte Meinung, wonach im Neokapitalismus Risikofreudigkeit eine Haupttugend und jede Art von staatlicher Einmischung hinderlich sei, weil die Selbstregulierungskräfte des Marktes dadurch gestört würden. In Wirklichkeit führte dieses System dazu, wovor die kompetenten und nachdenklichen Geister schon immer gewarnt hatten: Es führte zu sozialer Ungerechtigkeit, monströser Bereicherung einiger weniger, dem drohenden Zusammenbruch der Finanzmärkte und einer katastrophalen Überschuldung auch der wohlhabenden Staaten.

Zweitens jedoch befördert die Einübung in das Muster der „höheren Dummheit“ eine Kultur der bildungsgesellschaftlichen Irrationalität, die sich dem „Mainstream“ gegenüber erhaben dünkt. Da man dessen sicher ist, die Dinge des Lebens selber denkend bewältigen zu können, schwindet zusehends die Berührungsscheu vor allen sogenannten „Alternativen“. Während man dieangestammten Institutionen pauschal verdächtigt, engstirnig und repressiv zu sein, maßt man sich ein Urteil in Bereichen an, von denen man kaum eine Ahnung hat: sei es die heilende Kraft auratischer Felder und kosmischer Harmonien, sei es die spirituelle Religiosität des Fernen Ostens oder gar – 2011 war ja das Jahr des Rudolf Steiner – die Demeter-Methode im biologischen Landbau. Man verwechselt die kindlichen Gefühle angesichts der üppigen Produktion eines Geborgenheitsvokabulars mit dem mündigen Einverständnis eines zum kritischen Urteil Befähigten.

Gerade indem man sich einbildet, urteilsfähig zu sein, verfällt man nicht selten dem, durch Kant angeprangerten, Mangel an Mündigkeit. Dabei geht es dann freilich um jene Variante, die gerade nicht typisch ist für Analphabeten, sondern im Gegenteil: für die Absolventen der mittleren und höheren Reife. Diese werden – um beim Beispiel zu bleiben – massenhaft willfährige Mitspieler und Konsumenten des multimilliardenschweren Lebenskunst-, Spiritualitäts- und Esoterik-Marktes, der seinerseits keinerlei Schamgrenzen der Verdummung kennt.

Selbstdenken ohne Inkompetenz-Einsicht:Das ist die „eigentliche Bildungskrankheit“, aus welcher die „höhere Dummheit“ vielfältig erwächst und sich einwurzelt in die herrschende Vorstellung davon, was erst eine mündige Person ausmacht.

Und was macht eine mündige Person aus?Wie der fortgeschrittene Prozess des „Ausgangs“ aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit erkennen lässt, nicht einfach der souveräneStandpunkt gegenüberdem Oktroi des repressiven DreigestirnsHerrschaft, Kirche und Tradition. Was als vernunftgeleitete Infragestellung überkommener Dogmen beginnt, endet damit, dass das souveräne Subjekt einen Standpunkt außerhalb jeder gewachsenen Tradition und Gemeinschaftsbindung einzunehmen versucht.

Demzufolge setzt Selbstverwirklichung ein Selbstdenken voraus, an dessen Ende das große „Ich bin ich!“ steht. Ich bin nicht der Sklave eines tyrannischen Herrn, eines Gottes, aber auch nicht Untertan der Urteile und Vorurteile, die man in mich eingepflanzt hat. Ich bin ich. Gewiss, aber was bin ich in dieser radikal selbstaufgeklärten Haltung, nach all den Exerzitien der Dekonstruktion des Überkommenen und mir Zugewachsenen? Ganz ich selbst? Das eben ist der große Irrglaube einer modernistisch gewendeten Aufklärung. – Es haftet etwas Künstliches undzugleich Zwanghaftes an einem Leben, das glaubt, sich seine eigene Geschichte auf autonome Weise zurechtbasteln, sich – wie manheute zu sagen pflegt – erfinden und neuerfinden zu können, nachdem der kulturelle Nährboden abgestoßen wurde. Auffällig ist ja der angestrengte und irgendwie hohle Ton, der vielen modernen Autonomiebekenntnissen innewohnt: „Was ich aus meinem eigenen Leben machte, war nicht, was die anderen mir eintrichtern wollten!“ Nein, man habe stattdessen stets das gemacht, was man wirklich wollte. Aber wie weiß ich denn, was ich „wirklich“ will?

Das bringt uns zu einer weiteren Erscheinungsform der „höheren Dummheit“: Selbstdenken ohne Entfremdungs-Einsicht. Ei- ne derart aufgeklärteDefektlage kann als prägendes Phänomen nur überdauern, wenn die Masse der Menschen,ob als „halbgebildet“ abgekanzelt oder als „hinlänglich gebildet“ respektiert, jedenfalls gelernt hat, wie wichtig es sei, über die eigenen Angelegenheiten autonom zu befinden.

Man muss die Leere füllen, die nach Abschüttelung der Konventionen entstand. Aber während man heftig daran arbeitet, sich ins Freie des eigenen Wesens hin zu entfalten, greift man – Zeichen der unterlaufenden Entfremdung – nach den am Selbstverwirklichungsmarkt angepriesenen Techniken und Gütern, von den intimen Beziehungsmodellen bis zur höchstpersönlichen Sterbeplanung. All das gleicht der schönen, immer neuen Welt von Ikea: Diese, vollständig genormt, lenkt durch eine schier unabsehbare Fülle von Variationen des Immerselben davon ab, dass man nicht zu sich selbst, sondern – um im Bild zu bleiben – ins schwedische Möbelhaus gefunden hat, in dem du geduzt wirst, weil einer so viel ist wie keiner oder alle.

In ihrem Buch „Absence of Mind“ hat Marilynne Robinson, eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen unserer Zeit, 2010 das prekäre Verhältnis von Subjektivität und Wissenschaft zum Gegenstand tiefdringender Überlegungen gemacht. Ihr wichtigster Punkt ist der, dass unsere aufgeklärte Welt in Wahrheit von parawissenschaftlichen Modellen beherrscht wird, die das Essenzielle des Menschen, seinen zur Welterschließung,Selbsterkenntnis und Transzendenzerfahrung fähigen Geist, vorgeblich auf irgendeinephysiologische Basis, besonders das Gehirn, zurückführen und reduzieren.

Von „Parawissenschaft“ spricht die Autorin, weil die strenge naturwissenschaftliche Methode überhaupt keine Aussage über den Geist als Phänomen menschlicher Subjektivität zulässt. Das Vokabular der Physik, Chemie und Biologie kennt nur die Phänomene der äußeren Welt, vom Urknall bis zu den Strings; von den ersten Atomen bis zu den Riesenmolekülen, welche die DNA formen; von den hirnlosen Einzellern, die sich selbst reduplizieren, bis zum Neuronen-Universum des menschlichen Gehirns. Dem steht die Erfahrung der Einzigartigkeit gegenüber, so wie sie sich jedem Menschen von innen her darstellt. – Diese Einzigartigkeit meint nicht nur, dass meine Lebensgeschichte ganz und gar meine ist, egal ob sie, von außen betrachtet, glänzend oder konventionell anmutet. Diese Einzigartigkeit meint darüber hinaus, dass die Welt, um es mit Wittgenstein zu sagen, stets „meine Welt“ ist: als solche unhintergehbar, nicht weiter rückführbar. Denn ihr Erscheinen bleibt an die Perspektive des mir eigenen Geistes – meiner „Subjektivität“ – gebunden. Darin liegt nun aber laut Robinson beschlossen, dass uns die Dinge niemals bloß als Exemplare des Wirkens von Naturgesetzen entgegentreten. In ihrer anschaubaren, erlebbaren, gefühlten Präsenz werden sie für uns zu Teilen eines lebendigen Ganzen. Durch die Wahlverwandtschaft zwischen Geist und Welt werden erst beide, Welt und Geist, in ihrer Existenz bewahrheitet. Es ist – wie ließe sich's besser sagen? – das Leben des Geistes von vornherein, a priori, zur Welt hin geöffnet und dadurch die Welt ihrerseits, in ihrer Substanz, immer schon vergeistigt. Deshalb ist das parawissenschaftliche Denken, welches sich sogar in den Wissenschaften ausgebreitet hat, der vielleicht folgenreichste Ausdruck der „höheren Dummheit“ als „eigentlicher Bildungskrankheit“. Überall herrscht eine Begrifflichkeit vor, die das primäre Element unserer Welt- und Selbsterschließung, ebenjene Dimension geisterfüllter „Subjektivität“, zu etwas Subjektivem im Sinne eines evolutionär generierten, in unseren Genen verankerten Bereichs an Illusionen, Irrtümern, Täuschungen degradiert. In Volkshochschulkursen wird der staunendeLaie von Fachleuten darüber belehrt, dass die wirkliche Welt mit der, welche einzig zu erfahren wir imstande sind, nichts zu tun habe. Die uns erfahrbare Welt sei vielmehr – wie übrigens auch unser Ichsamt dem freien Willen –durch und durch ein Erzeugnis des Gehirns zu dem Zweck, überlebensdienliche Interaktionenzwischen uns und unserer Umwelt, das heißt in letzter Instanz: unserer Gene, zu ermöglichen.Darin spiegelt sich ebenfalls ein Versagen der Intelligenz „aus dem Grunde, dass sie sich Leistungen anmaßt, die ihr nicht zustehen“. Es geht um das chronische Erkenntnisleiden einer wissenschaftsgläubigen Moderne, die entschlossen ist, alles überhaupt Existierende als objektiv und immanent zu denken – so zu denken, dass es der naturwissenschaftlichen Begrifflichkeit ausnahmslos fassbar sein muss.

Aber genau dieses Immanenz-Postulat, auf dem das Weltbild des Naturalismus ruht, kappt unseren Primärbezug zur Welt und zu uns selbst. Von den Riesenmolekülen des Lebens, von der Chemie des Gehirns, von den Schaltkreisen der Neuronen führt kein Weg zu jenen Formen des Seins, die uns kraft unseres Bewusstseins und Selbstbewusstseins unmittelbar gegeben sind: zur Erfahrung der Welt im Medium unserer Ichhaftigkeit; zum Erleben unserer selbst als Wesen, die ihrer Subjektivität unterworfen sind, während sie als Subjekte gleichzeitig die rätselhafte Fähigkeit besitzen, aus sich heraus Dinge in der Welt herbeizuführen. Das alles sind Spielformen unserer – wie ich sagen möchte – intimen Transzendenz.

„Die ,Wahrheit‘ ist zum Beispiel: Im Westen der rauchige Himmel, und im Süden das Schwingen der schaukelnden Kinder (und im Nachregen-Wind das Flittern der nassen Rosen)“ – das, dieses beispielhafte Bild von Peter Handke aus seiner „Geschichte des Bleistifts“, ergibt eine Szenerie, die in meinem Gehirn vielfältige Spuren hinterlässt. Es handelt sich um Eindrücke, die der Psychologe studieren mag, mit Bezug auf meine Persönlichkeit, meine synästhetische Veranlagung, meine Neigung zur Depression. In jedem Fall aber geht dabei das Wesentliche verloren, nämlich die Konkretheit des Eindrucksganzen, die Erlebnistotalität, die ebenso intim ist wie aller wissenschaftlichen Methodik transzendent – ihren Begriffen prinzipiell unfasslich.

Selbstdenken ohne Transzendenz-Einsicht,verstanden als die Leugnung von Subjektivität als primärer Quelle der Seins- und Daseinserschließung: Auch das ist eine Folge der parawissenschaftlichen Hegemonie unserer naturalistisch verengten Weltzuwendung. Und auch diese Verengung ist also, könnte man sagen, ein Kollateralschaden des „Ausgangs“ aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Fazit. Wer mit dem Selbstdenken nicht haltmacht, wo es einer größeren Einsicht bedürfte, der verdummt, und zwar auf gehobenem Niveau. Falls die hier angestellte Analysestimmt, lauten die Eckpfeiler der höheren Verdummung: Selbstdenken ohne Inkompetenz-Einsicht, ohne Entfremdungs-Einsicht und ohne Einsicht in die intime Transzendenz, an der wir alle teilhaben. Wahre Aufklärung hingegen umschließt auch den unabschließbaren Weg, der Schritt für Schritt herausführt aus jener selbstverschuldeten Unmündigkeit, die Robert Musil mit dem Etikett der „höheren Dummheit“ schmückte.

Dabei bin ich mir keineswegs sicher, ob der konservative Anarchist nicht ebenso meine Bemerkungen, deren Aufklärungsideal demokratisch und liberal ist, der „Dummheit“ zeihen würde – schlüge er sie wenigstens der „höheren“ zu, dann wäre ich wohl ganz zufrieden... ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2011)