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Die Moral – war einmal

(c) EPA (ALBERTO ESTEVEZ)
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Der amerikanische Autor Don Winslow hat sich mit seinem Drogendrama "Zeit des Zorns" als Ausnahmetalent des Thriller-Genres bestätigt.

Man könnte Don Winslows „Zeit des Zorns“ (im Original „Savages“) zynisch als Kurzfassung seines episch angelegten, fast 700 Seiten umfassenden Meisterwerks „Tage der Toten“ um die mexikanische Drogenmafia abtun. Oder beklagen, dass der Roman durch insgesamt 290 Kapitel auf 338 Seiten künstlich aufgebläht wurde. Doch damit würde man Winslow unrecht tun. Mit seinem neuen Thriller reißt er das oft belächelte Genre endgültig aus den Sphären dumpfer Trivialliteratur.

Dabei ist die Geschichte selbst durchaus trivial. Ben – das verhätschelte Kind eines Psychologenpaars – und Chon – ein ehemaliger Elitesoldat und Irak-Veteran – betreiben einen exklusiven Drogenring. Beide lieben sie Ophelia, eine Sex- und Shoppingsüchtige, die wiederum beide Männer liebt. Als sie in die Fänge des mexikanischen Baja-Kartells gerät, nimmt die explosive Geschichte ihren Lauf.

„Zeit des Zorns“ ist ein literarischer Parforce-Ritt. Mit seinem stakkatoartigen Schreibstil überrumpelt Winslow den Leser und bricht aus sämtlichen Genrenormen aus. Er paart beißende Gesellschaftskritik mit atemloser Spannung, ohne in Belanglosigkeit abzudriften. „Was ist bloß aus der Moral geworden?“, lässt der Autor seinen Helden Ben fragen. Die Antwort: „Sie wurde ersetzt durch eine neuere, schnellere und einfachere Technologie.“

Keinem zeitgenössischen Thriller-Autor gelingt die Melange aus Ernsthaftigkeit und Verspieltheit so gekonnt. Zusammengefasst: Jeder Satz ist ein Schuss, jeder Schuss ein Treffer. phu

Don Winslow: „Zeit des Zorns“, Surhkamp, 338 Seiten, 15,40 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2011)