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Nur der Gierschlund isst den Anstandsbissen auf

Gierschlund isst Anstandsbissen
Besteck(c) Www.BilderBox.com

In manchen Regionen der Welt gilt es als schicklich, nicht den gesamten Tellerinhalt aufzuessen.

In manchen Regionen der Welt gilt es als schicklich, nicht den gesamten Tellerinhalt aufzuessen. Damit signalisiert man dem Gastgeber, dass man ausreichend gesättigt wurde und bringt ihn nicht in die Verlegenheit, zu wenig angeboten zu haben. In Österreich ist dieser sogenannte Anstandsbissen nicht sehr verbreitet. Hierzulande reagieren Gastgeber eher beleidigt, wenn der Teller nicht blitzblank sauber geschleckt wurde: „Was ist los, hat es dir nicht geschmeckt?“ Dementsprechend konditioniert arten Ausflüge in All-you-can-eat-Restaurants zu Orgien der Maßlosigkeit aus. Man will ja den Koch nicht beleidigen, indem man irgendetwas stehen lässt. Allerdings, so viel darf man verraten, die Küche gewinnt immer.

Running-Sushi-Restaurants in Österreich sind allerdings nicht unbedingt typisch für ihr Herkunftsland. Denn in Japan wird am kulinarischen Fließband häufig pro gegessener Portion gerechnet, jeder Teller kostet extra. Was den angenehmen Effekt hat, dass man sorgfältiger wählt und nicht so viel wie möglich in sich hineinstopft. Und doch gibt es in Japan Gaststätten, die eine À-la-carte-Abrechnung per Pauschale anbieten. Dort ist aber ein Sicherungsmechanismus eingebaut, der der (österreichischen) Mentalität à la „wenn ich schon bezahlt habe, esse ich auch viel“ einen Riegel vorschiebt. So kann man etwa aus einer überaus abwechslungsreichen Karte alle möglichen Sorten von Fisch mit und ohne Reis bestellen – allerdings nur bis zu 20 Stück davon. Erst wenn man die verdrückt hat, ist eine weitere Bestellung möglich. Und, besonders perfid – jedes nicht gegessene Stück, das in die Küche zurückwandert, bezahlt man nachher extra.

In Tokio siegte seinerzeit die Gier – am Ende landeten ein paar Portionen unauffällig unter dem Tisch. Und das Drücken im Bauch weckte die Erkenntnis, dass an der Sache mit dem Anstandsbissen vielleicht doch etwas dran gewesen wäre.

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2011)