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Weniger Bauchgefühl, mehr Kopfarbeit

Die Politik zeigt sich beim Thema Fortpflanzungsmedizin bisher notorisch ideenlos. Doch von allein verschwinden weder offene Fragen noch Risken.

Es ist eine Situation, über die man erst nachdenkt, wenn man drinsteckt: Dann, wenn einem der Gynäkologe mit professionellem Bedauern mitteilt, dass es „auf natürlichem Weg“ mit dem Baby nicht klappen wird. Und dass andere Optionen nicht erlaubt sind, zumindest nicht in Österreich. Erst in diesem Moment bekommt ein Wort wie „Eizellspende“ eine reale Bedeutung.

Zirka 500 Frauen (und ihre Partner) bräuchten Schätzungen zufolge eine Eizelle von einer anderen Frau, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Das Gesetz versperrt diesen Weg – zu Recht, wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte jüngst festgestellt hat. Wenn man das Urteil genau liest, sagt es jedoch nur, dass das Verbot in den 90ern – damals kam der Fall vor Gericht – rechtmäßig war. Ausdrücklich weist der Gerichtshof darauf hin, dass sich der europäische Trend seither in eine andere Richtung entwickelt hat.

Das ist ein guter Grund, aber nicht der einzige, das Thema nicht hurtig vom Tisch zu wischen. Die Eizellspende steht nämlich pars pro toto für einen schon notorisch ideenlosen Umgang der Politik mit der Fortpflanzungsmedizin. Eine Politik, die regelmäßig Entscheidungen an Höchstgerichte auslagert – im Dezember steht wieder ein Urteil an, diesmal vom Verfassungsgerichtshof. Der „lästige“ Staatsbürger, so scheint das Motto, soll sie sich durch die Instanzen quälen. Erst danach, und nur wenn es nicht anders geht, wird debattiert.

Dabei ist die aktuelle Gesetzeslage so widersprüchlich, dass es auch ohne Urteile Stoff für Diskussion gibt. Um bei der Eizellspende zu bleiben: Ist es denn logisch, dass Samenspenden (mit Einschränkung) erlaubt sind, Eizellspenden aber nicht, nur weil Samen einfacher zu spenden sind? Und wäre eine Aufspaltung der Mutterrolle in eine genetische und eine gebärende wirklich so schlimm – oder so neu? Auch eine Adoption spaltet die Rollen und beim Split der Vaterrolle im Fall von Samenspenden sah man bisher ebenfalls kein Problem. Tatsächlich haben Mütter, die ihr Kind einer Eizellspende zu verdanken haben, durch die Geburt wohl eine engere Bindung zu ihm als ein Vater zu einem Kind, das aus einer Samenspende stammt. Überhaupt wird man mit Blick auf das Wohl des Babys sagen müssen: Mehr gewünscht kann ein Kind kaum sein. Immerhin nehmen seine Eltern physisch, psychisch viel in Kauf.

Auch finanziell. Die Fortpflanzungsmedizin ist ein Geschäft, das merkt man vor allem jenseits der Grenze. In Tschechien und Spanien floriert der „Befruchtungstourismus“. Statt zu überlegen, wie ein Modell aussieht, das nicht dazu führt, dass Frauen unter wirtschaftlichem Druck ihren Körper ausbeuten, exportiert Österreich sein Problem. Das erspart ethische Unbequemlichkeiten und auch Geld. Denn Befruchtung im Ausland zahlt man natürlich privat, das heißt: Wer es sich leisten kann.

Freilich, um Geld geht es bei der staatlichen Trägheit höchstens am Rande. Die Antwort liegt eher im Menschlich-Diffusen. Man könnte auch sagen: in der Angst. Die Fortpflanzungsmedizin führt uns plakativ vor Augen, dass wir immer mehr Entscheidungen, die uns früher die Natur abnahm, selbst treffen könnten. Weshalb manche alles, was Potenzial zum Missbrauch hat, verbieten wollen. Da Missbrauch fast überall möglich ist, kommt man so aber nicht weiter. (Nebenbei gesagt ist diese Haltung auch nicht ganz unzynisch, weil sie Betroffene unter Generalverdacht stellt). Darüber hinaus hat das Wegschauen für Politiker aber auch konkrete Vorteile. Sie können so elegant heiklen Fragen, die mit der Medizin zusammenhängen, ausweichen. Wie etwa der: Dürfen Eizellspenden ein Weg sein, sich viel später im Leben den Kinderwunsch zu realisieren, den man wegen der Karriere nach hinten verschoben hat?

Darauf bräuchte eine kluge Politik zur Fortpflanzungsmedizin Antworten. Und sie braucht natürlich auch mehr Wissen. Medizinische Fragen werden durch Ignoranz nicht verschwinden. Und auch nicht dadurch harmloser, dass man sich nicht auskennt. Kurz gesagt: Es braucht weniger Bauchgefühl, mehr Kopfarbeit in dieser Sache. Denn nur, wenn man weiß, wovor man sich fürchtet, besteht zumindest die Chance, Risken in den Griff zu bekommen.

 

E-Mails an: ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2011)