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"Le Havre": Aki Kaurismäkis Märchen mit Marx

Havre Kaurismaekis Maerchen Marx
(c) Stadtkino
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Der Finne Aki Kaurismäki entwirft eine typisch lakonische Utopie zur Flüchtlingsfrage, indem er alles so zeigt, wie es nicht ist. Das ist mit meisterhafter Klarheit inszeniert.

Marx ist wieder da. Allerdings nicht Karl, sondern Marcel: So hieß 1992 die Hauptfigur in Aki Kaurismäkis Literaturverfilmung Das Leben der Bohème, ein armer Pariser Poet. Fast 20 Jahre später hat es ihn im neuen Kaurismäki-Film in die Hafenstadt Le Havre verschlagen, wo er sich nun als Schuhputzer verdingt: Diese Arbeit sei den Leuten am nächsten – und die letzte mit Respekt vor der Bergpredigt, wie Marcel einmal in einer dieser typisch kryptisch-komischen Kaurismäki-Pointen erklärt.

Der französische Darsteller André Wilms gibt der Figur eine verwitterte Noblesse, die nichts Aristokratisches hat: Denn Kaurismäkis Themen sind die Würde des Proletariats und das Kino, und beides geht offenbar nur mehr in Form eines Märchens zusammen. Irgendwie ist es ein Glücksfall, dass Kaurismäki nicht wie geplant in der südlichen Hafenstadt Marseille drehte (zu modernisiert), sondern in einem nordfranzösischen Pendant: So hat der Titel seines Films Le Havrenoch eine zweite Bedeutung. Der Zufluchtsort: ideal für eine weltferne Kino-Utopie.

 

Unerschütterlicher Glaube an „fraternité“

Dabei wirft die wirkliche Welt ihre Schatten über Kaurismäkis Sozialmärchen. Marcel trifft den als illegalen Flüchtling gesuchten Buben Idrissa (Blondin Miguel) aus dem Senegal und schreitet zur Hilfe. Weder die Krankheit seiner Frau (Kaurismäki-Königin Kati Outinen bringt – wie der Film – einen sympathischen finnischen Akzent ins Französische) noch ein hartnäckiger Kommissar (großartig: Jean-Pierre Daroussin) können ihn hindern, die Flucht des Jungen zu organisieren. Als wär's selbstverständlich, unterstützt ihn das ganze Viertel brüderlich – außer Nouvelle-Vague-Ikone Jean-Pierre Léaud als zittrige, aber mitleidlose Verkörperung kleinbürgerlichen Denunziantentums.

Der unerschütterliche Glaube an fraternité scheint so natürlich wie die anderen Konstanten des Glücks in der Kaurismäki-Welt: ein Glaserl (oder zwei, falls die Wirtin einlädt) am Tresen, Dauerrauchen und vielleicht nicht wirklich gute, aber wirklich begeistert dargebotene Musik. Finanziert wird Idrissas Flucht durch „eines dieser trendigen Benefizkonzerte“, absolviert vom französischen Sixties-Revival-Rocker Little Bob, eine Art lokaler Elvis. (Der Rest des Soundtracks sind natürlich handverlesene Preziosen zwischen Tango und Blues, seiner Schwäche für entzückende Vierbeiner frönt Kaurismäki, indem er Marx eine Hündin mit dem Kosmonautennamen Laika gibt.)

Man kann sich vorstellen, wie die Handlung von Le Havre für einen grausam kitschigen Fernsehfilm dient, aber Kaurismäki inszeniert mit charakteristischer Meisterschaft: Seine Raffinesse fällt in ihrer Einfachheit kaum auf. Die wenigen Worte – obwohl hier für den finnischen Schweiger ziemlich viel geredet wird – sind durchschlagend simpel. Jeder Satz hat in diesem stilisierten Alltag den Charakter einer Grundsatzerklärung. Oder ist ein Schmäh von ausgesuchter Lakonie, wie sie zum Kaurismäki-Markenzeichen geworden ist: „Ich bin der Albino der Familie“, erklärt Marcel kurzerhand, als er im Flüchtlingslager zu Idrissas Opa will. Noch klarer sind die Bilder: Die knappe Eröffnung führt Marcel als Schuhputzer ein, erzählt dabei einen veritablen Krimi mit ein paar Einstellungen von Schuhwerk sowie Gesichtern und nicht viel mehr Sätzen. Die Liebe: eine Rose. Der Liebeskummer: ein Mann vor fünf leeren Schnapsgläsern an der Bar. Die Deplaziertheit: ein Ermittler, der ausgerechnet mit der Ananas unterm Arm in die Fischerkneipe spaziert. Die abgelebten Schauplätze leuchten wie beim Kaurismäki-Idol Fassbinder in wohlkoordinierten Primärfarben, aber eigentlich atmet Le Havre denGeist der Stummfilmära, als es selten Farbe gab, und vor allem: kaum je Ironie.

 

Optimismus eines deprimierten Regisseurs

Am Ende serviert Kaurismäki ganz unironisch Wunder. Je deprimierter er über die schlimmen Zeiten sei, desto optimistischer seien seine Filme, sagt der Finne. Wie Kafka, der im Film prominent vorgelesen wird, weiß er um das Illusorische seines Filmtraums zur Flüchtlingsfrage: Utopisch ist Le Havre, weil er alles so zeigt, wie es nicht ist. Liest man danach ein Interview, wo Kaurismäki erzählt, dass die „wunderbare Architektur“ seiner Drehorte seither „durch Geld zerstört wurde“, und trinkt dazu vielleicht ein Achterl des in Wiener Cafés feilgebotenen Weins zum Film, das im übrigen mehr kostet, als Marcel Marx für den ganzen Feierabend in der Bar vom Haushaltsgeld abzweigen darf, dann versteht man auch gleich wieder, warum Kaurismäki deprimiert ist.

Zur Person

Aki Kaurismäki (*1957, Orimattila) ist – noch vor seinem Bruder Mika – der bekannteste Gegenwartsregisseur Finnlands. International bekannt wurde er mit seiner „proletarischen Trilogie“: „Schatten im Paradies“ (1986), „Ariel“ (1988), „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ (1990). Sein Minimalismus und soziales Engagement sind so charakteristisch wie der schmähstade Witz, für den der große Schweiger auch als Person berüchtigt ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2011)

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