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Die Erinnerungsweltmeister

In Österreich und Deutschland hieß Erinnern schon immer Solidarität mit den toten Juden – mit den lebenden aber hat man Probleme.

Pflichtbewusst wird mittlerweile in den Nachfolgestaaten des „Dritten Reiches“ an die nationalsozialistische Judenverfolgung erinnert. Aber Erinnern hieß in Österreich und Deutschland schon immer Solidarität mit den toten Juden. Mit den lebenden hat man hingegen bis heute seine Probleme – insbesondere, wenn sie sich anschicken, Vernichtungsdrohungen gegen den jüdischen Staat, wie sie immer wieder in Teheran geäußert werden, nicht tatenlos hinzunehmen.

In der Bundesrepublik geriert man sich schon länger als Erinnerungsweltmeister: „Vergangenheitsbewältigung ist ein Meister aus Deutschland“ würde die postnazistische Zivilgesellschaft am liebsten als neuestes Motto der Nation ausgeben, um Paul Celans Diktum „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ ein für alle Mal vergessen zu machen.

Bei den Jubiläumsfeierlichkeiten zu jenem Holocaust-Mahnmal in Berlin, von dem der frühere SPD-Kanzler Gerhard Schröder sich gewünscht hatte, es solle ein Denkmal sein, „zu dem man gerne hingeht“, verkündete ein renommierter deutscher Historiker: „Im Ausland beneidet man uns um dieses Denkmal.“ Man weiß heute offenbar, was man am Massenmord an den europäischen Juden hat und wie politischer Mehrwert aus seiner vergangenheitspolitischen Bewirtschaftung gezogen werden kann: Je mehr öffentliche Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, desto besser kann man den ehemaligen Opfern der Deutschen Vorschriften machen und den Israelis erklären, wie sie sich zu verhalten hätten. Je mehr Gedenken an ermordete Juden, umso hemmungsloser kann man sich den Antisemiten von heute an den Hals schmeißen.

 

Juden als Opfer für alle Zeiten

Ein Resultat der modernisierten Vergangenheitspolitik in Österreich und Deutschland ist die Transformation jenes Diktums „Nie wieder Auschwitz, nie wieder Krieg“ in das Dogma „Nie wieder Krieg gegen Antisemitismus“, das Juden für alle Zeiten auf ihre Opferrolle festlegen möchte.

Vielleicht wird man in Österreich und Deutschland eines Tages ja erschrecken, wenn man eingestehen muss, einen erneuten Massenmord an Juden nicht nur nicht verhindert, sondern durch den fortgesetzten Handel mit dem Holocaust-Leugner-Regime in Teheran mit befördert zu haben. Aber was soll's. Man kann ja wieder Denkmäler bauen und end- wie folgenlose Symposien über das Erinnern, Warnen und Mahnen abhalten.

Das iranische Regime arbeitet unbeirrt an seinem Nuklearwaffen- und Raketenprogramm. Die letzten Zweifel daran sollten durch den neuen IAEO-Bericht endgültig beseitigt sein. Gleichzeitig verkünden Chefideologen des Regimes: „Die Front unseres Krieges befindet sich nun überall auf der Welt.“

Es wird sich zeigen, ob sich die europäischen Regierungen nun endlich zu Sanktionen gegen das iranische Regime durchringen, die diesem die Fortsetzung seiner Projekte verunmöglichen – also Sanktionen gegen die Zentralbank und Boykott des Öl- und Gasexports.

Falls das nicht passiert oder nicht zu den gewünschten Ergebnissen führt, sollte niemand überrascht sein, dass Israel sich genötigt sieht, eigenständige Vorbereitungen zur Beendigung des iranischen Atomprogramms zu treffen.

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien und Mitherausgeber des Bandes „Iran im Weltsystem. Bündnisse des Regimes und Perspektiven der Freiheitsbewegung“ (Studienverlag 2010).


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2011)