Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Yunus: „Kapitalismus wurde zu eng definiert“

(c) Michaela Bruckberger
  • Drucken

Der Friedens-Nobelpreisträger Muhammad Yunus über soziales Unternehmertum, den Beitrag von gesundem Joghurt im Kampf gegen Mangelernährung und Raiffeisen.

Die Presse: Sie sind in Wien, um die Idee des sozialen Unternehmertums populärer zu machen. Können Profitstreben und soziales Engagement unter einen Hut gebracht werden?

Muhammad Yunus: Es gibt einige grundlegende Probleme mit dem System des Kapitalismus: Die Grundphilosophie besagt, dass alle Menschen im Geschäftsleben sich dem Geldverdienen verschreiben und ihren Profit maximieren sollen. Wenn man etwas anderes im Sinn hat, muss man aussteigen, Philanthrop werden oder sein Geld verschenken. Da gibt es – wie es scheint – nichts dazwischen. Ich sage nicht, dass der Kapitalismus abgeschafft werden muss, ich sage, er wurde zu eng interpretiert. Ich frage mich etwa: Warum gibt es Arbeitslosigkeit? Kennen Sie Tiere, die arbeitslos sind? Aber wir Menschen, angeblich eine hoch entwickelte Spezies, haben ein System geschaffen, in dem einzelne Menschen arbeitslos sind.

 

Sie treffen die CEOs der großen Konzerne, etwa beim World Economic Forum in Davos. Sie arbeiten mit einigen Großkonzernen zusammen: Adidas, Danone. Wie reagieren die Konzernchefs auf Ihre Ideen?

Sie kommen und sehen es als Experiment. Aus ihrer Sicht sind die Investitionen überschaubar und der Nutzen ist potenziell groß. Einige sind auch frustriert, weil sie mit ihren Firmen immer wieder in der Kritik stehen. Also wollen sie etwas tun, damit sie sich besser fühlen. Freilich: Der Erfolg muss in der Praxis demonstriert werden, eine nett klingende Idee allein reicht nicht.

 

Beim „Global Social Business Summit“ in Wien wollen Sie Sozialunternehmer aus aller Welt zusammenbringen und ihre Paradebeispiele vorstellen...

Etwa ein Joint Venture zwischen Danone und Grameen, das entstand, um sich dem Problem der Unterernährung zu widmen. Wenn ein Kind dieses spezielle Joghurt über einen Zeitraum von sieben bis acht Monaten isst, dann bekommt es alle fehlenden Nährstoffe und wächst völlig gesund heran.

 

In einem Artikel im „Enorm“-Magazin für nachhaltige Wirtschaft, wird der geringe Verdienst der Frauen, die das Joghurt in Bangladesch verkaufen, kritisiert.

Wenn das eingenommene Geld nicht reicht, dann können sie jederzeit aufhören – niemand zwingt sie! Aber die Anstellung der Frauen war nicht das Grundziel, sondern das Joghurt den Kindern verfügbar zu machen. Bangladesch ist ein Joghurtland. Aber das Danone-Joghurt ist eher Medizin als Joghurt.

 

Österreich wendet 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für internationale Hilfe auf und ist weit vom europäischen Ziel – 0,7 Prozent – entfernt. Sollen Sozialunternehmer die klassische Entwicklungshilfe ersetzen?

Darum geht es nicht. Warum sollen wir nicht auch ehemals staatliche Aufgaben übernehmen, wenn wir das genauso gut können? Wir haben immer gesagt, die Menschen sollten für sich selbst sorgen. Mancherorts werden freilich die Spenden noch gebraucht, weil die Kapazitäten fehlen, um erhaltene Gelder auch zurückzahlen zu können. Aber in 50 Prozent der Fälle könnte man das Geld durchaus zurückzahlen. Dadurch könnte man das ganze Entwicklungshilfesystem selbstverantwortlicher machen.

 

Sie gelten als der Vater des Mikrokreditsystems. Als es nun Probleme in Indien gab, kamen Sie ins Schussfeld der Kritik.

Indien hat kein Problem, sondern der Bundesstaat Andhra Pradesh. Dort gibt es zu viele Mikrokreditanbieter, manche Kreditnehmer haben oft bei fünf verschiedenen Geldgebern Schulden und können sie nicht zurückzahlen. Aber eines stimmt natürlich: Wir müssen ein Auge darauf haben. Und nur weil ich Mikrokredite populär gemacht habe, heißt das nicht, dass man an diesem System für immer und ewig festhalten muss. Die Ursprungsidee war: Niemand sollte außerhalb des Finanzsystems stehen. Ich habe demonstriert, dass man auch die Ärmsten inkludieren kann, obwohl andere immer sagten, dass das nicht geht.

Sie haben Mikrokredite von Anfang an vorwiegend an Frauen vergeben. Warum?

Geld, das über Frauen an die Familien ging, brachte den Familien größeren Nutzen als Kredite, die wir an Männer vergeben haben. Frauen gehen mit ihrem Geld vorsichtiger um. Frauen wollen aus dem geborgten Geld das Beste machen. Und sie haben immer eine eher langfristige Vision. Männer sind da viel weniger vorsichtig: Sie genießen lieber den Augenblick als an später zu denken. Deshalb gingen wir auf Frauen zu und es funktionierte prächtig: Bei der Grameen-Bank werden heute 97 Prozent der Mikrokredite zurückgezahlt.

In Österreich ist die Erste Bank im Mikrokreditbereich – vor allem in Südosteuropa – aktiv. Aber sollten Banker nicht ein wenig Angst vor Ihnen haben? Denn vielleicht wird Ihr Modell ja eines Tages zu einer echten Konkurrenz für die Kommerzbanken.

Ich sage immer: Es ist nicht so gefährlich für euch, wie es aussieht. Aber lassen Sie mich daran erinnern, dass die Gründungsidee von Raiffeisen und der Grameen-Bank sehr ähnlich war: Zurückweisung. Die Kunden von beiden Banken hatten es sehr schwer, bei anderen Banken als Kunden akzeptiert zu werden. Als aber Raiffeisen zu wachsen begann, kopierte die Bank die großen Banken, und Raiffeisen wurde selbst zum großen Player und verlor dabei die ursprüngliche Gründungsidee ein wenig aus den Augen. Also mussten wir das Rad wieder neu erfinden.

Eines Tages wird die Grameen-Bank vielleicht selbst eine große Bank werden. Aber um zu verhindern, dass wir unsere Mission vergessen, haben wir die Gläubiger zu den Eigentümern gemacht. Die Grameen-Lizenz ist speziell auf unsere Arbeitsweise zugeschnitten. Grameen kann nicht zu einer normalen Kommerzbank werden. Die Raiffeisen-Bank hatte keine dieser Restriktionen, entwickelte sich zu einer Kommerzbank, und die Gründungsidee findet man heute im Museumsschauraum der Bank. Bei Grameen wollen wir genau eine solche Entwicklung verhindern.

Auf einen Blick

Muhammad Yunus ist ein bangladeschischer Wirtschaftswissenschaftler, Gründer und ehemaliger Geschäftsführer der Mikrokreditbank Grameen. Für die Begründer des Mikrofinanz-Gedankens erhielt er 2006 den Friedensnobelpreis.

Beim Global Social Business Summit in Wien von 10.–12.November ist Yunus einer der Hauptakteure, Grameen Creative Lab ist Hauptorganisator des Kongresses. Heute, Donnerstag, spricht Yunus um 20 Uhr in der Messe Wien (Messeplatz 1, 1020 Wien). Karten sind via oeticket.com erhältlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2011)