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Stärksten Indizie für Teherans Griff nach der Atombombe

(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)
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Wieso sollte man Teile von Kernwaffen simulieren, wenn man keine solchen Waffen bauen will? Die IAEA deute an, dass Teheran „Aktivitäten setzte, die für die Entwicklung eines Atomsprengsatzes relevant sind.

Es sind zwar nicht völlig undiplomatisch formulierte, doch im Vergleich zu früher auffallend klare Aussagen, die die Internationale Atomenergiebehörde IAEA mit ihrem am Dienstag publizierten Bericht zu Irans Atomprogramms tätigt.

„Solche Experimente, die hochexplosive Stoffe in Verbindung mit Nuklearmaterial oder Nuklearmaterial-Ersatzstoffen bringen, sind starke Anzeichen für mögliche Waffenentwicklung. Der Iran muss die Ratio dahinter erst erklären“, steht da. Oder: „Die Anwendung solcher Studien auf etwas anderes als einen Atomsprengsatz ist für die IAEA unklar.“ Und wo es in Berichten früherer Jahre hieß, man könne ein militärisches Atomprogramm „nicht ausschließen“, so steht da jetzt: Man habe „ernsthafte Sorgen wegen einer möglichen militärischen Dimension“. Die Information dazu sei „insgesamt glaubwürdig“ und deute an, dass Teheran „Aktivitäten setzte, die für die Entwicklung eines Atomsprengsatzes relevant sind – und dass diese, zumindest in Teilen, andauerten.

 

Anreicherung nur noch Nebensache

Tatsächlich hat sich der Schwerpunkt der IAEA-Berichte zum Iran, dessen seit den 1980ern geheimes, „rein ziviles“ Atomprogramm 2002 aufflog, seit 2005/06 verschoben: Zuvor ging es um die völkerrechtlich illegalen Urananreicherungsanlagen wie in Natanz: Dort wird Roh-Uran, das man zum Gas Uranhexafluorid (UF6) wandelt, angereichert, sodass sein winziger natürlicher Anteil an stark strahlenden Uran-235-Isotopen wächst. Beträgt der 235U-Anteil drei bis fünf Prozent, kann man über Zwischenschritte AKW-Brennstäbe fertigen. Bei über 85 Prozent hat man Grundstoff für Atombomben.

Auch jetzt ist von der Anreicherung, die der Iran aufgrund Resolutionen des UN-Sicherheitsrats stoppen müsste, die Rede. In Natanz seien etwa 8000 Zentrifugen dafür installiert, von denen ca. 6200 „laufen“, anderswo stünden einige hundert weitere, meist inaktive. Bisher sollen 4,9 Tonnen leicht angereichertes UF6 erzeugt worden sein, dazu kleine Mengen 20-prozentigen Urangases, etwa 74 kg. Experten sagen, die Gesamtmenge reiche für den Bau von etwa drei Bomben – ein Prozess, der aber nicht binnen Monaten beendet werden könne.

Der Berichtsschwerpunkt änderte sich, als die IAEA an vom Iran beschaffte Dokumente zum Bau von Hohlkugeln aus metallischem 235U kam: So sieht ein A-Bombenkern aus. Und das typische „Zubehör“, das man für die Kugeln braucht, um sie explodieren zu lassen, steht klarer als früher im Zentrum.

Da geht es etwa um „Multipoint-Zündungssysteme“: Das sind Schichten extrem schnell abbrennenden Sprengstoffs, der die Kugel umhüllt und den man an vielen Stellen zeitgleich zünden muss, sodass die Druckwelle die Kugel absolut gleichförmig eindrückt – also zur „kritischen Masse“ presst, deren Radioaktivität eine Kettenreaktion auslöst. Gelingt das nicht, hat die Atomexplosion nur einen Bruchteil ihrer geplanten Kraft, da nicht alles Uran zündet. Man nennt das „sizzle“ (brutzeln). Mit solchen Systemen, die man zu nichts anderem brauchen kann, habe der Iran gearbeitet.

Aber auch an hyperschnellen Zündern, den „Exploding Bridgewire Detonators“ (EBW). Das sind im Sprengstoff verlegte Drähte. Man leitet starken Strom hinein, sie verdampfen in einer Millionstelsekunde oder weniger und zünden den Sprengstoff um die Urankugel. Die IAEA hält fest, es gebe zivile Anwendungen dafür, aber das sei die Ausnahme. EBW wurden erstmals für die US-Atombomben von 1945 konstruiert.

Skeptisch machen die IAEA Hinweise über die Beschaffung von „Neutronen-Initiatoren“, das sind Teile etwa aus Polonium und Beryllium, die man ins Innere der Urankugel gibt; bei der Explosion emittieren sie zusätzliche Neutronen, sie unterstützen die Spaltung möglichst vieler 235U-Kerne.

 

Wie man eine Bombe simuliert

Am brisantesten sind die Stellen zu „hydrodynamischen Experimenten“, zur computergestützten Modellierung der Neutronenausbreitung und zu „Projekt 111“. Bei Ersteren werden Bombenkerne aus anderen Materialen nachgebaut, mit Sprengstoff umgeben und gezündet, so simuliert man das Verhalten „echter“ Materialen („Hydrodynamisch“ heißt es, da das Metall bei der Explosion flüssig wird). Bei der Neutronenausbreitung studiert man das räumliche Verhalten dieser Teilchen, die die Kettenreaktion antreiben. Als „Projekt 111“ firmieren Studien zur Unterbringung einer kugelförmigen Last im Kopf einer Shahab-3-Mittelstreckenrakete.

Bei diesen Punkten hat der Iran großteils dementiert, sich damit zu beschäftigen, die angeblichen Beweise seien gefälscht. Die IAEA hält sie allerdings für sehr glaubhaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2011)