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Dokumentarfilm: Nokia und der Krieg im Kongo

(c) Blood in the Mobile
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Kein Handy ohne Coltan. Abgebaut wird es in illegalen Minen im Ost-Kongo. Die Minenarbeiter verdienen nicht mehr als ein paar Dollar am Tag. Mit den Einnahmen finanzieren bewaffnete Gruppen den Krieg.

Wien. Es ist nichts als ein kleines Loch in der roten Erde. Durch diese Öffnung zwängen sich die Minenarbeiter täglich hinunter in die engen Schächte. 100 Meter unter der Erde bauen sie Gestein ab, das Coltan enthält: ein Erz, ohne dessen Verwendung weder Mobiltelefone oder Laptops noch Spielkonsolen oder Flachbildschirme funktionieren würden. Das Mineral ist heiß begehrt.

Die Minenarbeiter verdienen nicht mehr als ein paar Dollar am Tag. Doch jene, die die Minen im Dschungel des Kongo kontrollieren, machen gutes Geld. Geld, mit dem sie den seit 15 Jahren tobenden Bürgerkrieg im zentralafrikanischen Land anheizen.

„Es ist die Hölle auf Erden“, sagt der Filmemacher Frank Piasecki Poulsen. Der Däne arbeitete drei Jahre lang an dem Dokumentarfilm „Blood in the Mobile“, in dem er den Zusammenhang zwischen der boomenden Handy-Industrie und der Finanzierung des Bürgerkriegs im Kongo aufzeigt. Der Konflikt hat bisher mindestens fünf Millionen Menschenleben gefordert. Rund 200 Minen gibt es in der kongolesischen Region Kivu, und fast alle werden von bewaffneten Gruppen kontrolliert. Als einem der wenigen Journalisten gelang es Poulsen, in einer dieser illegalen Minen zu filmen.

Die riesige Mine in Ost-Kongo liegt mitten im Dschungel. Auf dem kahl geschlagenen Hügel befinden sich die Einstiegslöcher, völlig unkontrolliert und ungesichert frisst sich das Tunnelsystem durch den Berg.

 

Keine Sicherheitsvorkehrungen

Die Schürfer – Buben, von denen die jüngsten erst zwölf Jahre alt sind, und Erwachsene – haben keine technische Ausrüstung. Mit einfachen Hämmern und einem Grubenlicht steigen sie in die dunklen Stollen. Stürzt einer dieser Tunnel ein, macht man sich nicht einmal die Mühe, nach Überlebenden zu graben. Das abgebaute Gestein schleppen dann Träger quer durch den dichten Wald. Zwei Tage sind sie zu Fuß unterwegs, bis sie zu einer Straße kommen, wo Händler die Steine entgegennehmen.

Rund um die Mine wuchert ein „Dorf“, in dem bis zu 20.000 Menschen leben, die alle von der Mine angelockt wurden. Geschätzte 3000 von ihnen arbeiten als Prostituierte. Das ersehnte große Glück hat aber keiner der Minenarbeiter gefunden. Mit dem bisschen Geld, das sie verdienen, können sie kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten. Wollen sie das von Bewaffneten abgeriegelte Areal verlassen oder betreten, müssen sie „Steuern“ bezahlen. Für Essen oder Getränke werden horrende Preise verlangt – ein Bier kostet etwa fünf Euro.

Das Geld fließt direkt in die Taschen bewaffneter Gruppen. Zur Zeit, als Poulsen in der Mine filmte, kontrollierte die 85. Brigade der kongolesischen Armee den Coltan-Abbau. Doch die Gruppen wechseln sich rasch ab. Einige der Minen sind in der Hand der Rebellengruppe der FDLR; diese Miliz ist für den Völkermord von Ruanda 1994 und für Massenvergewaltigungen im Ost-Kongo im Jahr 2010 verantwortlich.

 

Strengere Kontrollen für Zulieferer

„Ich wusste vom Krieg im Kongo, aber nicht, dass ich persönlich durch mein Handy involviert bin“, sagt Poulsen, der auf Einladung des Wiener Instituts VIDC in Österreich war. Antworten suchte er auch beim Handy-Hersteller Nokia. Über ein Jahr lang versuchte er täglich, einen Vertreter des Konzerns für ein Interview zu erreichen. Als er schließlich einen Verantwortlichen erwischte, gab dieser zwar zu, dass es das Problem der „Konfliktmineralien“ gebe. Man könne aber nichts dagegen unternehmen.

Poulsen ist da anderer Ansicht: Coltan wird etwa auch in Australien abgebaut. Verwendeten Handy-Hersteller dieses „saubere“ Coltan, stiegen die Kosten per Handy nur geringfügig. Außerdem sollten Konzerne wie Nokia ihre Zulieferer strenger kontrollieren, um die Verwendung von „blutigem“ Coltan zu unterbinden.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.bloodinthemobile.org

Lexikon

Coltan ist ein Erz, aus dem vorrangig das Metall Tantal gewonnen wird. Tantal wird in der Mikroelektronik für die Produktion von kleinsten Kondensatoren mit hoher elektrischer Kapazität verwendet, die zum Beispiel in Mobiltelefonen, Laptops oder Spielkonsolen eingesetzt werden. Abgebaut wird Coltan im Kongo, aber auch in Australien, Kanada und Brasilien. Geschätzte 80Prozent des weltweit verarbeiteten Coltans stammen aus dem Kongo.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2011)