Der US-Autor Louis Begley, diesen Sonntag in der Josefstadt zu Gast, spricht über seinen durch den Film mit Jack Nicholson berühmt gewordenen Romanhelden Schmidt.
Als Bub entkam er um Haaresbreite dem Tod während der NS-Herrschaft in Polen, wo der Sohn eines Arztes geboren wurde. Mit 58 Jahren veröffentlichte der heute 78 Jahre alte Louis Begley seinen viel beachteten autobiografischen Debütroman „Lügen in den Zeiten des Krieges“, in dem er den Holocaust in Polen aus der Sicht eines Jungen schildert. Mindestens ebenso bekannt ist Begleys Kunstfigur Schmidt, vor allem dank der Verfilmung mit Jack Nicholson („About Schmidt“): Ein pensionierter Advokat sucht neuen Lebenssinn.
Auch Begley, der in Harvard Jura studiert hat und gemeinsam mit John Updike englische Literatur, war jahrzehntelang Anwalt. Über sein neuestes Buch „Schmidts Einsicht“ spricht er diesen Sonntag im Rahmen der „Buch Wien“ im Theater in der Josefstadt mit Norbert Mayer („Die Presse“) und Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger.
Mit dem saturierten Pensionisten und Witwer Schmidt, der sich mit 78 in die 63-jährige Alice verliebt, gleichzeitig nicht weiß, ob er der Vater des Kindes der jungen, feurigen Puertoricanerin Carrie ist, die ihn verlassen und sich mit einem Jüngeren verbunden hat, schuf Begley einen erfinderisch konstruierten, ausbaufähigen Prototyp: Menschen bleiben immer länger rüstig und abenteuerlustig. Sie suchen die Liebe und erleiden Enttäuschungen, ganz wie die Jungen. Nach 60 ist getreu Udo Jürgens' („Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“) noch keineswegs alles zu Ende, für manche fangen die Turbulenzen erst so richtig an.
„Der Film hat nichts mit dem Buch zu tun“
„Schmidt ist ein altmodischer Gentleman von untadeliger Integrität“, erläutert Begley im Interview mit der „Presse“ seine Figur: „Er ist großzügig, intelligent, loyal, unternehmend. Er ärgert sich schnell, vergibt aber auch ebenso rasch. Das schätze und bewundere ich an ihm. Was ich nicht mag, ist sein Antisemitismus, aber im neuen Band ,Schmidts Einsichten‘ ist er davon kuriert.“
Wie war Begley mit Alexander Paynes Verfilmung „About Schmidt“ zufrieden, in der der damals 66-jährige Neorentner nach dem plötzlichen Tod seiner Frau mit dem Wohnmobil durch ein gespenstisches Amerika fährt? „,About Schmidt‘ zeigt die untere Mittelklasse Amerikas in all ihrem deprimierenden Elend. Der Film ist sehr gut, Jack Nicholsons Performance ist brillant, vielleicht ist dies der beste Film in seiner langen Karriere. Allerdings, er hat fast nichts mit meinem Roman zu tun, die Macher borgten sich nur gewisse Motive, die Desorientierung, die Schmidt nach dem Tod seiner Gattin und dem Ende seiner Berufstätigkeit erlebt, sowie die ungelösten Probleme mit seiner Tochter.“ Wird es mehr „Schmidt“-Filme geben?
Begley: „Das bezweifle ich. Ich werde jedenfalls die Rechte von ,Schmidt Delivered‘ („Schmidts Bewährung“) und ,Schmidt steps back‘ („Schmidts Einsicht“) nicht verkaufen, wenn sie nicht meinen Büchern folgen – und ich fürchte, das wird nicht funktionieren angesichts des Typus, den Alexander Payne bei ,About Schmidt‘ geschaffen hat.“ Manches in Begleys Büchern erinnert an John Updike (1932–2009), und der Humor gelegentlich ein wenig an Woody Allen.
„Ich sehe weder Updike noch Woody Allen in meinen Büchern“, wehrt Begley ab: „Es gibt keinen klassischen oder sonst einen Autor, der mich inspiriert hat in dem Sinne, dass ich versuche, ihm nachzueifern. Als Leser haben mich besonders Proust, Henry James, Witold Gombrowicz, Pierre Jean Jouve und Dostojewski angezogen. Sie sehen, es ist ein Potpourri.“ Hat der Anwaltsberuf Begleys Schreiben beeinflusst? „Ja, ich wurde mit vielen sehr verschiedenen Menschen und Problemen konfrontiert. Ich konnte mir ein umfassendes Bild der Gesellschaft machen, in der ich lebe, was nicht der Fall gewesen wäre, wenn ich z. B. Professor für Romanliteratur an einer Universität gewesen wäre.“ Wie wird sich das Buch neben der zunehmenden Bedeutung elektronischer Medien behaupten? Begley: „Geschichten, die Autoren schreiben, werden immer ihre Leser finden. Allerdings wage ich nicht zu prognostizieren, wie sich das Buch in der Papierform entwickelt und wie sich die Kindles, iPads und andere technische Neuerungen auswirken werden.“
Eine Message, eine Botschaft oder gar eine Mission als Autor habe er nicht, betont Begley. Auch die Frage, wie er arbeite und ob es ihm leicht falle, beantwortet er kurz und bündig: „Schreiben ist harte Arbeit, und ich arbeite sehr hart.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2011)