Misshandelt. Das kurze unglückliche Leben von Haleigh Poutre.
WASHINGTON/BOSTON. Diesmal gab es keine Demonstrationen. Keine Sondersitzung des Senats, wie vor einem Jahr, als man bei der Patientin Terri Schiavo die lebenserhaltenden Geräte abstellte. Keinen Präsidenten, der den Urlaub abbricht, um seine Betroffenheit zu zeigen. Die elfjährige Haleigh Poutre stirbt in aller Ruhe, ohne US-weite Anteilnahme und ohne TV-Live-Übertragungen.
Dabei ist der Fall des Mädchens zweifellos tragischer als der von Terri Schiavo, die wegen einer Lebensmittelallergie in ein Wachkoma gefallen war. Haleigh Poutre war von ihrem Stiefvater fast zu Tode geprügelt worden. Monatelang lag sie im Koma, während ein juristischer Kampf um ihre Vormundschaft tobte.
Das Sozialamt des US-Bundesstaates Massachusetts forderte, die Ernährung der Elfjährigen einzustellen. Sie sei in einem vegetativen Zustand mit keinerlei Hoffnung auf Genesung.
Die Adoptivmutter des Kindes ist tot, der Stiefvater, der für den Zustand von Haleigh verantwortlich gemacht wird, bekämpfte das Ansuchen. Er sei de facto ihr Vater, auch wenn er das Kind nicht adoptiert habe, beteuerte er immer wieder.
Das Höchstgericht des Bundesstaates Massachusetts entschied nun für das Sozialamt und dafür, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt werden können. Eine Parteistellung des Stiefvaters Jason Strickland bezeichnete das Gericht als "undenkbar".
Auch deswegen, weil sein Widerstand gegen ein Abstellen der Geräte nicht auf liebende Sorge zurückgehe, sondern auf juristische: Ihm droht nach dem Tod des kleinen Mädchens eine Anklage wegen Mordes.
Das kurze, unglückliche Leben Haleighs begann mit einer leiblichen Mutter, die sie vernachlässigte und verprügelte. Schließlich adoptierte ihre Tante Holli sie. Als diese heiratete, begann ein neuer Leidensweg: Ihr Stiefvater und auch Holli selbst sollen das Mädchen geschlagen und mit Zigaretten verbrannt haben.
Obwohl die Schule dem Sozialamt Brandwunden und Blutergüsse meldete, hielten die Beamten die Wunden für selbst zugefügt und schritten nicht ein. Im September vergangenen Jahres wurde das Mädchen mit eingeschlagenen Zähnen und ohnmächtig in ein Krankenhaus gebracht. Laut Staatsanwaltschaft hat ihr Stiefvater sie mit einem Baseball-Schläger attackiert. Seit damals liegt sie im Koma.
In der Nacht auf Donnerstag stellten die Ärzte in Springfield, 50 Kilometer westlich von Boston, die künstliche Ernährung der kleinen Patientin ein und den Beatmungsventilator ab. Weil das Kind nun alleine weiter atmet, wollen Ärzte neue Tests durchführen, ohne aber vorerst die Ernährung wieder aufzunehmen.