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Von den „vier Burgen“ blieb nur eine

(c) ORF (Burgenl�ndisches Landesarchiv)
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Vor neunzig Jahren tobte ein ungleicher Kampf um die Abtretung „Westungarns“. Die „Pariser Vorort-Verträge“ nach dem Ersten Weltkrieg waren nicht nur für Österreich ruinös.

Die geschlossenen deutschen Siedlungsgebiete der ungarischen Komitate Preßburg, Ödenburg, Wieselburg und Eisenburg gehören geographisch, wirtschaftlich und national zu Deutschösterreich und sind insbesondere der Stadt Wien zur Lebensmittelversorgung unentbehrlich.


So apodiktisch und selbstbewusst gab sich die provisorische Nationalversammlung Deutschösterreichs am 22.November 1918 – nach dem Ende des mörderischen Weltkriegs und dem katastrophalen Zusammenbruch der Donaumonarchie. Noch hoffte man in Wien.

In dem ungarischen Landstrich, den das klein gewordene Restösterreich beanspruchte, in diesen vier Komitaten (Bezirken), lebten als Mehrheitsbevölkerung rund 300.000 Deutsche, man nannte sie die „Heinzen“. Die Zahl dürfte sicher noch etwas größer gewesen sein, denn sie ging ja auf die magyarische Volkszählung des Jahres 1910 zurück. Neben diesen 68,5 Prozent wohnten dort 79.000 Ungarn, 44.500 Kroaten und 13.900 Slowenen.

Nach den hehren Ideen des Selbstbestimmungsrechts der Völker eine klare Sache also. Doch die Nachbarstaaten, die sich aus den ehemaligen Kronländern gebildet hatten, dachten nicht daran, der Republik Deutschösterreich dieses Gebiet abzutreten. Es gab ja noch keinen Friedensvertrag.

 

Kein „Vierburgenland“

Schon bald – im Juni 1919 – wurde den Österreichern klar, dass ihr Anspruch auf das bisherige Komitat Pressburg (ungarisch: Poszony, heute slowakisch: Bratislava) nicht zu halten war. So wurde auch der zunächst vorgesehene Name „Vierburgenland“ von der Realität überholt. Mitte August 1919 zeichnete sich ab, dass die Hauptstadt Pressburg samt Umland nicht an Österreich, sondern an die Tschechoslowakei fallen würde.

Karl Renner, Österreichs provisorischer Staatskanzler, empfahl daher noch von den Friedensverhandlungen in St. Germain aus, den Namen auf „Dreiburgenland“ zu ändern. Am 6. September gab man es dann noch billiger: Gregor Meidlinger aus Frauenkirchen soll es gewesen sein, der bei einer Besprechung mit Renner in Wien den Namen „Burgenland“ erfand.

So schrieb man es schließlich in das Bundesverfassungsgesetz „über die Stellung des Burgenlandes als gleichberechtigtes Bundesland“, das am 25. Jänner 1921 beschlossen wurde. Natürlich mit Ödenburg als Landeshauptstadt, der weitaus größten Kommune in diesem Gebiet.

Eine trügerische Hoffnung der Österreicher. Ungarn, das ebenfalls zu den Verliererstaaten des Weltkriegs gezählt (und auch so behandelt) wurde, hatte zuvor schon, am 26. Juni 1920, den schmachvollen Friedensvertrag zu Trianon unterzeichnen müssen. Weite Teile des einstigen magyarischen Reichs fielen an die glücklicheren Nachbarstaaten: 71 Prozent des Landes gingen so verloren, nahezu sechzig Prozent der Bevölkerung. Ein Schock, der noch heute in den ungarischen Geschichtsbüchern nachwirkt.

Und das Westburgenland fiel eben an Österreich, quasi als Ausgleich für das an Italien verlorene Südtirol. Doch unbekümmert von papierenen Abmachungen entdeckten die Ungarn patriotische Gefühle für das Gebiet, das sie abtreten sollten. Der Apotheker Wolf in Neusiedl wurde zu 28 Monaten Kerker verurteilt, weil er einen deutschen Gesangsverein gegründet und für die Ortssparkasse die deutsche Amtssprache verlangt hatte. Die Anführer der Mehrheitsbevölkerung wurden misshandelt und wanderten in die Gefängnisse.

 

Die Gendarmerie kommt

Am 29. August 1921 sollte die Landnahme der neuen Provinz durch österreichische Gendarmen vollzogen werden – kümmerliche 2000 Mann. Da waren die ungarischen Freischärler schneller und besser gerüstet: Wilde Gestalten in Reithosen und Stiefeln, bis auf die Zähne bewaffnet, besetzten kurzerhand Eisenstadt, andere tauchten in Ödenburg auf. Diese Bewaffneten erhielten Unterstützung von Verbrechern, denen in Budapest die Gefängniszellen geöffnet worden waren, um sich im Kampf gegen Österreichs (schwache) Exekutive rehabilitieren zu können.

Als die Österreicher daher am 29. August die Grenze zu Ungarn überschritten, gab es nicht nur Blumen von der Bevölkerung. Bei Agendorf/Agfalva nördlich von Ödenburg pfiffen die Kugeln. Ein paar Gendarmen wurden von den Banditen halb totgeschlagen, nach drei Tagen mussten sie das Feld räumen. Dringliche Bitten der Wiener Regierung an die Siegermächte, den Einsatz des regulären Bundesheeres zu erlauben, blieben unbeantwortet.

Und so überkam die magyarischen Freischärler ein wahrer Siegesrausch. Sie überfielen die steirischen Grenzorte Dechantskirchen, Hohenbrugg, Kroisegg, Lafnitz und schlugen nach einer wilden Schlacht die Gendarmerie im niederösterreichischen Kirchschlag in die Flucht.

 

Folter, Mord und Totschlag

Vor allem die einheimische Intelligenz wurde zu Opfern der Wütenden: Der Pfarrer von Pernau, Franz Pataki, wurde erschlagen, der Kreisnotar von Sankt Michel, Josef Illes, zu Tode gefoltert, der Bürgermeister von Güssing vergiftet. Den Deutschkreutzer Apotheker Fritz Göllner knüpften sie nach schwerer Folter in der Pullendorfer Räucherkammer auf.

Am 13. Oktober schließlich konnte Bundeskanzler Johann Schober dem Morden Einhalt gebieten. Er war zugleich Außenminister und unterschrieb auf Druck der Westmächte das „Protokoll von Venedig“, das zwar die ungarischen Truppen zwang, das umstrittene Burgenland zu verlassen, aber der Preis war hoch: Die Italiener (auch sie zählten sich ja zu den Siegermächten) verlangten, dass um das Ödenburger Gebiet eine Volksabstimmung stattfinden solle. Zu Österreich? Zu Ungarn? Das war nun die Frage.


Nächsten Samstag: Die Farce
Wie Ödenburg verloren ging.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2011)