Ein paar Zeilen für den Tag nach dem unsäglichen angeblichen Faschingsbeginn.
Auch Kolumnenschreiber lesen Kolumnen. Nicht nur die eigenen, so sehr man sich darin finden mag. Neulich hat also einer meiner Lieblingskolumnisten (Kollege R. [Name der Redaktion bekannt], sei versichert, auch deine lese ich mindestens ebenso gern) seine Ausführungen mit der Erwähnung des Wortes Sex begonnen. Sofort frage ich mich, ob derzeit geheim eine Erhebung über Lesequoten einzelner Artikel und Autoren läuft. Wie das Leben so spielt, lese ich eine Meldung, dass in Belgien die Frauen der Abgeordneten aufgerufen werden, in Sexstreik zu treten, Männer zwar nicht den Sexstreik (weshalb nicht, wird leider unterschlagen), sondern den Rasierstreik beginnen und König Albert II. die Nase voll hat. Und alles wegen einer Lappalie, aus der fernen Wiener Über-Sicht betrachtet: Seit eineinhalb Jahren gibt es keine Regierung.
Ja und? Besser nichts zu tun als Unsinn scheint die unausgesprochene Regierungserklärung in Österreich. Da gibt es de facto seit Jahren diese Unregierungsform, jedenfalls keine Regierung, die ihren Namen verdient. Was ist da bisher nicht alles gegen die Untätigkeit wortgewaltig angeschrieben und gematschkert worden! Aber die Idee zu Formen des zivilen Widerstands, die wurde in Belgien geboren. Wien muss Brüssel werden. Aufmerksam beobachte ich nun Bartträger, manchmal zwinkere ich ihnen anerkennend zu. Die Reaktionen, ich sage Ihnen! Ganze Kolumnen könnten damit gefüllt werden. Männer mit Bart, die bisher verdächtig erschienen sind, gewinnen plötzlich an Sympathie. Könnte doch sein, dass sie unter Einsatz ihres Körpers einen Protest gegen die Unregierung ausdrücken. Und was den Sex betrifft, da trete ich in den Streik, darüber zu schreiben. Versprochen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2011)