Vom Wahn ewiger Herrscher und freiwilligen Machtverzicht

Nicht nur uneinsichtige Politiker verfallen der Droge Macht. Wann lasse ich Verantwortung los, um anderen Raum zu geben?

Ramses II. war ein Meister propagandistischer Selbstdarstellung, neben dem Silvio Berlusconi im weltgeschichtlichen Vergleich als bescheidenes Mauerblümchen erscheint. In unzähligen Bauten ließ er sich selbst durch Statuen und seine Großtaten durch Inschriften repräsentieren. In der Fassade des großen Tempels von Abu Simbel ist Ramses vierfach in über 20 Meter hohen Kolossalstatuen dargestellt.

In seiner 66-jährigen Regierungszeit zeugte Ramses mehr als 80 Kinder. Er sorgte dafür, schon zu Lebzeiten als Gott verehrt zu werden, und sein Kult wurde über Jahrhunderte weiter gepflegt. Sein Totentempel, das Ramesseum in Theben, wurde „Palast der Millionen Jahre“ genannt und sollte so das ewige Königtum des Ramses versinnbildlichen.

Dennoch folgten zwei Jahrtausende, in denen seine Tempel in Trümmern lagen. Als 1818 eine Statue aus dem Ramesseum nach London gebracht wurde, inspirierte sie Percy Shelley zu seinem Gedicht „Ozymandias“, in dem er die Vergänglichkeit des Herrscherwahns am Beispiel Ramses thematisiert.

Die religiöse Königsideologie Ägyptens hinterließ ihre Spuren auch in biblischen Texten über den weltlichen Herrscher Israels. In Psalm 89 sagt Gott dem Königtum Davids ewigen Bestand zu: „Seine Nachkommenschaft soll ewig sein und sein Thron wie die Sonne vor mir.“

Nachdem das babylonische Exil dem davidischen Königshaus ein Ende bereitet hatte und Jahrhunderte der Fremdherrschaft gefolgt waren, konnte diese Stelle nur messianisch umgedeutet werden. Ein einzelner königlich Gesalbter Gottes – der Messias – werde in der Endzeit ewig herrschen. Vor diesem Hintergrund gerieten frühe Christen in Erklärungsnot.

Wie sollte Jesus der Messias sein, wenn er doch in jungen Jahren auf höchst unehrenhafte Weise hatte sterben müssen? Johannes erklärt das Paradox. Der Tod am Kreuz sei zugleich eine Erhöhung, die zu ewiger Verherrlichung führe. Die Geschichte hat Johannes recht gegeben. Während der große Ramses nur ein bescheidenes Weiterleben in Museen fristet, hat das Königtum des jung verstorbenen Jesus heute weltweite Anhängerschaft.

Die Idee ewiger Herrschaft ist noch immer verlockend. Nicht enden wollende Regierungen haben etwa Ägypten, Libyen oder Syrien in eine prekäre Lage gebracht. Wann endlich wird Simbabwe von seinem „alten Mann“ Robert Mugabe befreit? Doch wie ich mich über den Herrscherwahn uneinsichtiger Politiker ärgere, frage ich mich auch, ob er etwa eine kleine persönliche Kehrseite in meinem Leben hat: Wann kann ich Verantwortung loslassen, um anderen Raum zu geben?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2011)