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„Denkt sich sein Teil und lässt die andern reden...“

(c) Clemens Fabry

Die Österreicher, zeigt eine aktuelle Umfrage, sind unzufrieden, gieren aber nicht nach Veränderung. Das zeigt vor allem eines: Es geht uns noch zu gut.

Wenn es darum geht, die österreichische Mentalität zu beschreiben, kommt schnell der Begriff der „Verdrängung“ ins Spiel. Hauptsächlich dann, wenn es um die dunklen Kapitel der österreichischen Zeitgeschichte geht, um die Rolle Österreichs und der Österreicher während der Zeit der Naziherrschaft. Derzeit erleben wir eine harmlosere Spielart der österreichischen Verdrängungsneigung: Man verdrängt, dass das Land dabei ist, in eine wirtschaftliche Katastrophe zu laufen.

Wer das sagt, wird voller Empörung– Empörung ist ein gut dokumentiertes Symptom der Verdrängung – als „Alarmist“ gebrandmarkt. Und es scheint dafür gute Gründe zu geben: Österreich hat die niedrigste Arbeitslosenrate in der EU, es verfügt auf dem Staatsanleihenmarkt über ein AAA-Rating, und es gehört überhaupt zu den reichsten Ländern der Welt.

Dass die niedrige Arbeitslosenrate durch eine der höchsten Frühpensionsraten teuer erkauft ist, dass das AAA-Rating nur noch auf dem Papier besteht (die aktuellen Risikoaufschläge zeigen, dass wir de facto maximal über AA+ verfügen) und dass der aktuelle Wohlstand auf einem Geschäft zulasten Dritter (nämlich künftiger Generationen) beruht, wird ausgeblendet.

Dass die Politiker, die für diesen Zustand die Verantwortung tragen, die tatsächliche Lage ausblenden, mag man verstehen – wer beschuldigt sich schon gern selbst? Die Fragen, die in Diskussionen zur Lage der Nation immer öfter gestellt werden, lauten: Warum lassen die Bürger, die Zugang zu den für eine realistische Einschätzung nötigen Daten haben, sich das gefallen? Warum gibt es nicht mehr Widerstand gegen die Wirklichkeitsverweigerung der politischen Klasse? Warum entsteht nicht eine neue politische Bewegung, die darauf vertraut, mit der realistischen Darstellung der Lage und mit konkreten Reformvorschlägen zu punkten?

Auf den ersten Blick ist ja etwas im Gange: Die „Wutbürger“ formieren sich virtuell und physisch, die „Mutbürger“ haben in der Bildungsfrage ein Volksbegehren durchgeführt, das nicht gerade von durchschlagendem Erfolg gekrönt war, besorgte Altpolitiker melden sich zu Wort, Initiativen wie „Mein Österreich“ bemühen sich um konstruktive Beiträge zur Veränderung.

In der breiten Bevölkerung kommen diese Bemühungen, wie eine im Auftrag dieser Zeitung durchgeführte Studie zeigt, nicht wirklich an. Man ist unzufrieden, aber etwas wirklich Neues scheint man nicht zu wollen, zumindest hat man kaum eine Vorstellung davon, was das denn sein könnte.

Vielleicht hat die politische Lethargie ja tatsächlich mentalitätsgeschichtliche Wurzeln, wie sie Franz Grillparzer in seinem Stück „König Ottokars Glück und Ende“ im Monolog des Ottokar von Hornek („Es ist ein gutes Land...“) offenlegt. „Drum ist der Österreicher froh und frank“, heißt es dort, „trägt seinen Fehl, trägt offen seine Freuden, beneidet nicht, lässt lieber sich beneiden!“ Und: „Da tritt der Österreicher hin vor jeden, denkt sich sein Teil und lässt die andern reden!“


Wahrscheinlicher ist allerdings eine weniger poetische Variante. Ja, es gibt ein spürbares und hörbares Unbehagen mit dem „System“ und dem Qualifikationsdefizit seiner Repräsentanten. Aber es gibt kein ausgeprägtes Bedürfnis nach größeren Veränderungen, weil inzwischen die Profiteure dieses Systems die absolute Mehrheit darstellen. Diese Mehrheit verhält sich vollkommen rational: Warum sollte man Änderungen befürworten, die eine Einschränkung des eigenen Lebensstandards zur Folge hätten?

Und auch jeder einzelne Politiker, dessen Geschäftsmodell die Wirklichkeitsverweigerung ist, handelt rational: Warum sollte er durch Ehrlichkeit sein Amt und damit seine materielle Existenz aufs Spiel setzen, wenn er es mit Verdrängung behalten kann? Die Wähler, die ihm bisher geglaubt haben, könnten seine plötzliche Ehrlichkeit ja nur als Lüge identifizieren.

Wer in Österreich auf Reformen hofft, muss sich etwas gedulden. Noch geht es uns zu gut. Aber es besteht Anlass zu der Hoffnung, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird.

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2011)