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Ägypten: Ethno-Hopping am Roten Meer

(c) EPA (Mike Nelson)
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Im Zwickel Ägypten-Israel-Jordanien-Saudiarabien, auf der Halbinsel Sinai, liegt eine kuriose Tausendundeine-Nacht-Urlaubsanlage, die sich zum Abhängen und für Tagesausflüge nach Israel oder Jordanien eignet.

Taba Heights muss man noch nicht kennen, weder als Bibelforscher noch als Bewunderer von Diskus-Korallen und eckigen Kofferfischen. Taba Heights ist so neu wie die Erde alt, auf der diese Urlaubsanlage so kunstvoll wie künstlich errichtet wurde. Ein Potemkinsches Fünfsterne-Dorf zum Ausspannen und Golfspielen, mittendrin in diesem 60.000-Quadratkilometer-Nichts, wie Sinai häufig beschrieben wird.

Nun ja, mittendrin eigentlich nicht, sondern eher am Rand. Dieser nordöstliche Zipfel am Golf von Aqaba war vor Jahrtausenden vielleicht einmal Kulturland, gleicht aber heute einer Randerscheinung. Taba Heights liegt nicht nur am Rande Ägyptens und Asiens, sondern auch wohltuend am Rande von Tourismusströmen und tektonischen Risikogebieten. Schon der Anflug bringt einen beinahe an den Rande des Abgrunds. Auf 600 Meter Seehöhe gelegen, erinnert der ehemalige Militärflughafen Tabas an ein Gemälde von de Chirico. Mit beeindruckender Tiefenschärfe und ebensolchen Temperaturen – die herbe Höhenluft würde nach einem dicken Pullover verlangen, doch wegen der gerade Mal 60 Millimeter Niederschlag pro Jahr ist dieser leider zu Hause geblieben.

Aber der Bus nach Taba Heights ist pünktlich, bald geht's bergab durch eine canyonartige Landschaft mit bizarren Felsformationen. Serpentine um Serpentine rückt das Meer in Reich- und Riechweite. Kamele, die uneingeschränkt Vorrang genießen und das auch wissen, queren gemächlich die Straße. Bereits von Weitem gleicht die Anlage einer kuriosen Mischung aus Tausenundeine-Nacht-Architektur, Mondgestein und einer Dreifachdosis Substral.

 

Tor zu biblischen Stätten

An die einstmals heißen Zeiten erinnert hier nichts mehr außer dem Thermometerstand. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Doch an den Toren zu Marriott, Hyatt, Sofitel, El Wekala und Intercontinental bekommt das verträumte Idyll erste Risse. Militärisch gekleidete und mit Spiegeln bewaffnete junge Männer – Frauen bekommt man kaum zu Gesicht – kriechen auf der Suche nach allem, was die Sicherheit von Land und Leuten gefährden könnte, unter jedes Fahrzeug. Damit die Ruhe nach den Anschlägen im Jahr 2004 auch weiterhin bestehen bleibt. Touristisch gesehen ist Taba Heights vermutlich der einzige Ort, an dem man ankommen sollte, um wieder abzufahren. Zwar reizen karibisch weißer Sand, surreale Golf-Greens, eine erst vor Kurzem zur Gänze aus Salz erbaute Naturheilgrotte sowie die artenreiche Unterwasserwelt durchaus zum Abhängen, aber der wahre Reiz dieser Destination liegt in ihrer geografisch einzigartigen Lage ein paar Kilometer südöstlich von Eilath in Israel. Rotes Meer und Totes Meer kommen sich hier ebenso nahe wie Israel, Jordanien, Saudiarabien und Ägypten. Ein Urlaubstag und gute Nerven genügen, um rasch einmal nach Jerusalem zu pilgern und – hat man die anstrengenden Einreiseformalitäten überstanden – an der Klagemauer sein Schicksal sowie alle Ungerechtigkeiten dieser Welt zu bejammern. Etwa die, dass drei Viertel der ehemalige Stützmauer des Tempelbergs den Männern gehört. Nur ein kleiner, durch Gitter abgetrennter Teil ist den Frauen vorbehalten. Das Tote Meer macht da eindeutig weniger Unterschied, was die Geschlechtertrennung anbelangt.

 

Petra und Katharinenkloster

Ein zweiter Tag genügt, um auch der Felsenstadt Petra in Jordanien seine Reverenz zu erweisen. Von der ganzen Welt in 80 Tagen ist man zwar immer noch ein bisschen entfernt, aber angesichts der vorbildlichen Straßenverhältnisse, die in nichts mehr den Karawanenrouten des Lawrence von Arabien gleichen, ist die Jahresration an Länder- und Ethno-Hopping hier bald erfüllt. Denn auch das Umland von Taba geizt keinesfalls mit historischen Reizen. Katharinenkloster und der heilige Berg Moses sind für Christenmenschen ohnedies Pflicht, die Kür besteht aus einer barfüßigen Rutschpartie die Sanddünen hinunter, einem Ausflug nach Castle Zaman, einer kulturell wie kulinarisch reizvollen Beduinenburg oder einem Tauchgang zur Thistlegorm, einem berühmten Weltkriegswrack im Roten Meer. Und wenngleich heute kein Dornbusch brennt, so brennen einem nach dem traditionellen Mansaf, einem Festtagsgericht der Beduinen, oder längeren Wanderungen im Wüstensand zumindest Magenschleimhäute und Fußsohlen. Taba Heights ist geografisch gesehen ein Unikum. Selbst wenn man nur mal rasch downtown fahren möchte, führt der Weg dorthin eindeutig den Hügel hinauf. Upstairs sozusagen, wo der kleine Ort idyllisch an ein mächtiges Felsmassiv gebaut ist. Aber die Absurditäten setzen sich auch im Innern der kleinen Gässchen fort.

Der „Fliegende Teppich“ serviert beste bodenständige Küche, die Ober werden „Captain“ genannt – wohl als Hommage an die vielen dösenden Wüstenschiffe ringsum, der Souvenirshop repariert Schuhe, im Kräuterladen Habak stehen sich Teezeremonien, Heiligenbilder und eine bedrohliche Auswahl an ausgestopftem Raubgetier gegenüber. Und wer die ausgetretenen Wege ausnahmsweise rechts liegen lässt und sich in den hinteren Teil von Taba Heights begibt, kommt aus dem Staunen kaum heraus.

 

Straßen ohne Namen

Hier, wo der Fremdenverkehr nichts mehr zu sagen hat, sind dessen Diener zu Hause. Sitzen gemütlich auf alten Küchenstühlen und ziehen an ihrer Wasserpfeife. Irgendwo läuft ein Fernseher, finster vermummte Gestalten, Frauen, machen sich an Wäscheleinen zu schaffen, als Lichtquelle gibt es nur den Mond. Dafür haben sie einen mächtigen Vogel: „She's called Samira“, lässt einen Abdullah ungefragt wissen. Vor dem Sea-Food-Restaurant, irgendwo dort, wo die Straßen keine Namen haben, sitzt tatsächlich ein Pelikan vor der Tür und reißt den Schnabel auf. Verhungern wird er dank der Restln aus der Küche bestimmt nicht.

Dem kulinarischen Wissensdurst im Inneren des Lokals setzen sprachliche Barrieren zwar bald ein Ende, aber der „Fish“ schmeckt wirklich nach „fangfrisch“. Dazu werden Cola, Cola light oder Limonade serviert, denn unter echten Einheimischen gilt nach wie vor „No alcohol, please“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2011)