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Die Flucht auf dem Motorrad

Christoph Meckels lakonische Nachkriegserinnerungen. Christoph Meckels Erinnerungsbuch an die Nachkriegszeit in der „Russischen Zone“ ist keine der üblichen Autobiografien. Der Name des Autors steht dafür ein.

Christoph Meckels Erinnerungsbuch an die Nachkriegszeit in der „Russischen Zone“ ist keine der üblichen Autobiografien. Der Name des Autors steht dafür ein. Meckel veröffentlicht seit mehr als 50 Jahren Gedichte und Prosa. Freilich schrieb dieser Dichter niemals einer Mode oder dem Zeitgeist hinterher, den er allenfalls zufällig traf. So erging es ihm mit seinem Vaterbuch „Suchbild“ von 1980 oder der Liebesgeschichte „Licht“, die über Jahrzehnte ein Longseller war. Schulen, Programmen und Ideologien, nicht zuletzt dem Literaturbetrieb, entzog er sich auffallend hartnäckig und schuf ein ganz und gar eigensinniges Werk.

Der mit Meckels Büchern Vertraute taucht bereits mit den ersten Sätzen in seine suggestive Sprachwelt ein: „Die letzten Tage des Krieges und die ersten des Nachkriegs glichen einander grau in grau. Für das Wort Frieden war die Zeit zu früh, ich hatte es öfter im Krieg als danach gehört. Viele helle, harte Courage schien nötig, ein Weiterleben für menschenmöglich zu halten.“

Knappheit und Lakonie, überraschende Schnitte und Fügungen, Sprachrhythmus und Melodie, Anspielung und Aussparung – das sind die Merkmale dieser bestechenden Prosa. Es ist gerade die Sparsamkeit bei den Schilderungen erlebter Angst und erlittenen Grauens, die sie umso eindrücklicher machen: Bei einer der üblichen Razzien wollen die Russen den Großvater mitnehmen, einen Mann, der sonst „fast sprachlos lebte“ und nun aus Verzweiflung im Korridor schreit. Am Ende der Szene heißt es knapp: „Die Großmutter, die ihren Mann nicht liebte, erreichte, dass er zuhause blieb.“ Das Lebensdrama, das anderen Autoren zu mindestens einem Kapitel verholfen hätte, versteckt dieser Autor im Halbsatz.

 

Millimeter dünnes Brot

Von solchen Beispielen ließen sich viele anführen: Etwa wenn der sonst das Brot millimetergerecht zuteilende Großvater, von Hunger überwältigt, nachts in die Küche schleicht, um es aufzuessen. Oder wenn von der Flucht aus dem zerbombten Freiburg nach Erfurt die Rede ist, das bisher von Bomben so gut wie verschont blieb: „Der große Luftangriff kam in der nächsten Nacht.“

Das Erschrecken entfaltet sich erst in der Beiläufigkeit dieser Prosa. Menschen werden zur Zwangsarbeit verschleppt oder verschwinden auf Nimmerwiedersehen wie der Lehrer, der seine Schüler, auf einem Motorrad und in Frauenbegleitung, im Stich lässt. Der elegante russische Offizier, ein Jude aus Kiew, und seine schöne Frau blenden den Jungen mit „Leichtsinn und Glanz“. „Da nie von Juden gesprochen wurde, war es leicht für mich, sie für Riesen zu halten, die schön gekleidet mit herrlichen Frauen spielten.“

Meckels Buch ist frei von Larmoyanz und Verbitterung gegen die Russen. Und das Kind, das unter den Bedingungen der Besatzung, trotz innerer Bereitschaft, kein Russisch erlernen sollte, wird als junger Mann zum Liebhaber russischer Literatur – um im Paris der Fünfzigerjahre schließlich Paul Celan zu treffen und im Manuskript seine Nachdichtungen Mandelstams, Bloks und Jessenins zu lesen. Ein versöhnlicher Ausblick am Schluss dieses kleinen Meisterwerks. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2011)