Die Junge Burg zeigt "Hysterikon" von der Deutschen Ingrid Lausund. Es geht um den alles verschlingenden Konsum. Das Stück ist mittelmäßig, die Inszenierung zu brav - aber das Ensemble springlebendig.
Die „Psychopathologie des Alltagslebens“ ist nicht nur ein Werk mit äußerst treffendem Titel von Sigmund Freud, sondern auch des zeitgenössischen Theaterautors bester Freund. Die deutsche Autorin Ingrids Lausund hat ein Stück mit dem interessanten Titel „Hysterikon“ geschrieben. Was könnte das sein? Eine überdimensionale Gebärmutter, die sich auf ihre Opfer stürzt und sie verschlingt? Nein, es geht um den alles verschlingenden Konsum.
In einem Supermarkt versammeln sich Menschen, die nicht nur Waren, sondern auch Leben, Pseudo-Glück kaufen können. Eine Kassiererin (grandios widerlich: Isabella Knöll) zieht für die „lieben Damen und Herren“ wahrhaft alle Register, mit der Milchreispackung kommen Häme, Spott und Hohn gleich mit, das Angebot reicht von Zuckerbrot bis Peitsche. Knöll, mit ihrer hoch aufgetürmten, zerzausten Frisur, den Pailletten und Schnürstiefelchen, ist nicht nur optisch eine Augenweide, sondern auch darstellerisch ein Gewinn und vor allem unglaublich authentisch als eine dieser Verkäuferinnen, die dem Kunden das Gefühl geben, sie tun ihm „eine Gnad' an“.
Nach der köstlichen Eröffnung – zuvor putzt ein mürrischer Raumpfleger den Zuschauern die Schuhe und macht sich hernach zum Kebabessen davon – marschieren die Alltagsirrsinnigen durch den Kaufladen: Eine wandelnde Bombe im Tarnanzug, ein träumendes schwarzes Mädchen, ein junger Mann, dessen Freundin nichts dagegen hat, wenn er sich hin und wieder mit einer anderen vergnügt, eine zornsprühende „Ich-lasse-keinen-vor“-Kundin, ein weiblicher Fair-Trade-Apostel mit Haarschnecken. Ein junger Karrierist leidet derart unter negativen Zeitungsmeldungen, dass er seine Therapeutin sogar am Wochenende belästigt, sie rät ihm schnippisch, kalt zu duschen...
Buntes Wirbeln bizarrer, herziger Spinner
Lausunds Drama ist ganz witzig, aber mäßig originell. Die Stücke von Kathrin Röggla sind gehaltvoller, jene von Dea Loher märchenhaft verrätselter, von Botho Strauß und richtiger Literatur wollen wir gar nicht sprechen. Und als Kabarett ist der Text wieder nicht boshaft und lustig genug.
Peter Raffalt, der mit seiner Frau Annette, die stark gefragte Junge Burg betreut, hat inszeniert und den Text stark gekürzt. Nach 80 Minuten ist tatsächlich die Luft raus, denn nach der hinreißenden ersten Szene passiert eigentlich immer dasselbe – und man hat bald verstanden, worum es hier geht. Eben um die Käuflichkeit von allem und jedem. Neue Ideen kommen kaum dazu. Das rasant-bunte szenische Arrangement erschöpft sich schnell: die rasant hin- und hergeschobenen Türen, die an eine französische Komödie (Feydeau) erinnern, die liebevoll gemachten Kostüme (Bühne, Kostüme: Vincent Mesnaritsch). Raffalts Inszenierung ist auch etwas zu brav, möglicherweise ist er bei klassischen Stoffen wie „Parsifal“ mehr zu Hause, Lausunds Text würde mehr Überdrehtheit, Slapstick vertragen. Die Darsteller sind Studenten, also wohl eine Art Laien. Ihnen eine Bühne zu geben, ist Aufgabe der Jungen Burg – und obwohl diesmal bis auf Knöll wohl keine künftigen Burgschauspieler dabei sind, punkten die Spieler wohl vorbereitet und souverän, vor allem Anna Kuretzky als schwarzes Mädchen, Gerhard Maier als Amokläufer und Johannes Jungwirth als Filou. Aber auch die anderen sind gut, besondere Wandlungsfähigkeit beweist Samuel Machto als Speditionskaufmann, der ein Bootsbauer sein möchte und den Tod trifft. „Amüsant“, fand ein Kollege. Ja, aber die Junge Burg hatte schon stärkere Auftritte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2011)