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E-Control-Vorstand warnt vor Blackout

Archivbild: Strommasten
(c) BilderBox (Bilderbox-wodicka)
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E-Control-Vorstand Boltz mahnt die Politik zum Netzausbau für alternative Träger. Die Idee energieautarker Gemeinden sei „grob fahrlässig“.

[Wien] Gehen in Österreich bald die Lichter aus? „Nein", sagt der Vorstand der österreichischen Energiebehörde E-Control, Walter Boltz, im Gespräch mit der „Presse". Das heimische Stromnetz gehöre bis heute zu den ausfallsichersten der Welt. Dann holt Boltz tief Luft und schränkt ein: „Es sei denn, der Ausbau des Hochspannungsnetzes verläuft in Zukunft genauso schleppend wie in der Vergangenheit."

Was der 58-jährige Physiker und oberste Energieregulator der Republik sagt, hat Gewicht. Umso bemerkenswerter sind die deutlichen Worte, die Boltz nun zu Beginn der kalten Jahreszeit findet. „Wenn nicht bald etwas geschieht, wird das österreichische Stromnetz technische Probleme bis hin zu flächendeckenden Blackouts bekommen." Unter einem Blackout versteht die Fachwelt einen großflächigen und lange andauernden Ausfall der Elektrizität.

Boltz will niemanden verängstigen, er will aufklären. Das Problem, von dem er spricht, geht nämlich alle an. Nach dem Reaktorunfall im japanischen Kernkraftwerk Fukushima überdachten viele Länder in Europa ihre Position. Neben der Schweiz beschloss mit Deutschland die größte Volkswirtschaft des Kontinents kurzfristig die Abschaltung von sieben, mittelfristig die Stilllegung aller 17 Anlagen. Mit gravierenden Auswirkungen für alle Nachbarländer.

Schnellere Verfahren nötig

Im Süden Deutschlands wird derzeit zu wenig Strom produziert, weshalb der Freistaat Bayern allein hierzulande Kraftwerkskapazitäten in der Höhe von 1400 Megawatt reserviert hat. Zum Vergleich: Österreich benötigt eine Gesamtleistung von knapp 10.000 Megawatt. Das Problem, das die E-Control nun sieht, hat weniger mit der Kapazität der Kraftwerke (theoretisch sind bundesweit 25.000 Megawatt verfügbar), als mit den Transportwegen zu tun. Verkürzt gesagt gibt es zu wenig Leitungen. Und zwar Hochspannungsleitungen, die die Elektrizität mit einer Spannung von 380.000 Volt über große Entfernungen von den Produzenten zu den Abnehmern bringen.

Die Schwierigkeit im Betrieb eines Stromnetzes besteht darin, dass es nur dann stabil ist, wenn ihm gleich viel Energie entnommen wird, wie die angeschlossenen Kraftwerke einspeisen. Gerät das Verhältnis aus dem Gleichgewicht, drohen Ausfälle, die sich ausgehend vom Ort des Problems - etwa einem Umspannwerk - kaskadenartig über mehrere Länder ausbreiten können.

Das Problem ist nun, dass durch den Wegfall des verlässlichen Dauerlastträgers Kernkraft mehr „Ökostrom" (Wind, Fotovoltaik) aus Nord- und Südeuropa in die Mitte des Kontinents gebracht werden muss. Dafür werden zusätzliche Leitungen benötigt, da die Wind- und Solarparks über große Regionen verstreut liegen. Weil diese Kraftwerke zudem alles andere als verlässlich Strom liefern - sie sind vom Wetter abhängig -, müssen andere Länder, auch Österreich, einspringen. Unter anderem mit inneralpinen Pumpspeichern. Und auch dafür fehlen Transportleitungen, vor allem von Norden nach Süden - und umgekehrt.

Boltz fordert deshalb von der Politik, schnellere Genehmigungsverfahren für Hochspannungsverbindungen zu ermöglichen. „Ich habe Verständnis für Bürger, die der Anblick von Strommasten stört. Eben diese Bürger hätten jedoch kein Verständnis, wenn das Licht ausgeht."

Geld für den Ausbau sei bei den Energieversorgern ausreichend vorhanden. Das Missverhältnis zwischen politisch erwünschter Alternativenergie und den weit weniger geliebten Stahlmasten lässt sich sogar in Zahlen fassen. Die Errichtung eines Windparks dauert durchschnittlich ein Jahr. Bei der dazugehörigen Hochspannungsleitung sind es vier Jahre. Der Bau selbst dauert nur wenige Monate. Was die Verfahren bremst, sind die Behördenwege.

Wie angespannt die Lage im europäischen Stromnetz schon ist, weiß man bei der Austrian Power Grid (APG), die hierzulande über 90 Prozent des 380-KV-Netzes betreibt. Nahezu viertelstündlich, so Technikvorstand Heinz Kaupa, greifen seine Mitarbeiter in die Netzschaltungen ein, um die Versorgung zu stabilisieren. Auch bei den Vorarlberger Illwerken, die die übrigen Hochspannungsleitungen betreiben und zudem an einer wichtigen Nord-Süd-Schnittstelle sitzen, betrachtet man die jüngsten Entwicklungen mit Sorge. „Das Netz befindet sich derzeit in einer heiklen Lage", sagte Vorstandsdirektor Christof Germann im Rahmen einer vom Abwehramt des Bundesheeres veranstalteten Podiumsdiskussion.

Scharfe Kritik an Politik

Weil alle Länder miteinander vernetzt sind, sind regionale Probleme in Wahrheit kontinentale. So beschäftigt die deutsche Einspeispflicht für Windstrom Netzbetreiber in ganz Europa. Herrscht an der Nordsee Flaute, müssen Nachbarn einspringen. Beginnt der Wind zu wehen, fangen die unterdimensionierten Drähte in Polen buchstäblich zu glühen an: Da in Deutschland und hierzulande die erwähnten Nord-Süd-Verbindungen fehlen, sucht sich die Energie ihren Weg durch Osteuropa.

Vor diesem Hintergrund spart Boltz nicht mit Kritik an heimischen Politikern, die von energieautarken Gemeinden, Städten und Ländern träumen. Der Energieregulator bezeichnet die Vision als „grundfalsch und grob fahrlässig". Keine Gemeinde der Welt sei dazu in der Lage, stets genau die Energiemenge zu produzieren, die sie benötigt.

Ein effizienter, vor allem aber ausfallsicherer Einsatz von Elektrizität sei nur im europäischen Rahmen möglich. Boltz: „Wenn der Wind im Burgenland einmal nicht weht, muss der Strom zwangsläufig von anderswo herkommen."

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15. November 2011)