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Krieg der Geheimdienste gegen Irans Nuklearprogramm

(c) AP (STR)
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Morde an Kernphysikern, mysteriöse Explosionen, Computerviren: Was westliche Geheimdienste tun, um Teheran von der Bombe abzuhalten.

Wien/Teheran/Jerusalem. Wenn bei einer Explosion in einem Munitionsdepot 17 Soldaten sterben, kann man von einem bedauerlichen Unfall ausgehen. Wenn der betreffende Stützpunkt den iranischen Revolutionsgarden gehört und sich unter den Todesopfer mit Brigadegeneral Hassan Moghaddam einer der federführenden Köpfe des Raketenprogramms befindet, ist die Sache nicht mehr ganz so einfach.

Auffällig viele Spitzenkräfte im Umfeld des iranischen Atomprogramms – zu dem wegen der vermuteten militärischen Dimension die Entwicklung von Raketen zu zählen ist – sind in den vergangenen zwei Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Vermutet wird dahinter einer der umtriebigsten Geheimdienste der Welt: der israelische Mossad.

„Glauben Sie den Iranern bloß nicht, dass das ein Unfall war“, zitiert die Internet-Ausgabe des US-Magazins „Time“ eine anonyme westliche Geheimdienstquelle, die auch bei der Explosion vom Samstag die Handschrift des Mossad erkennen will. Israels Verteidigungsminister Ehud Barak machte sich gar nicht die Mühe, seine Freude über den Zwischenfall zu verbergen: Es sei „wünschenswert“, dass sich derartige Explosionen wiederholten, sagte er im Armeeradio.

 

Vor Kindergarten erschossen

Wünschenswert für Israel, das sich durch Irans Atomprogramme existenziell bedroht sieht, war in diesem Sinne dann auch der Tod von drei Nuklearwissenschaftlern:
• Am Morgen des 12. Jänner 2010 stellte ein laut eigenem Geständnis vom Mossad trainierter Iraner ein mit einer Bombe präpariertes Motorrad bei der Auffahrt des Hauses von Ali Mohammadi ab. Der Kernphysiker war auf der Stelle tot.
• Motorradfahrer brachten am 29. November 2010 im morgendlichen Stoßverkehr Sprengsätze an den Wagen von Madschid Schahriari und Feridun Abbasi an, zwei führenden Atomwissenschaftler. Schahriari starb, Abbasi konnte sich in letzter Sekunde durch einen Sprung aus dem Auto retten.
• Am 23. Juli 2011 traf es Dariusch Rezaie: Der 35-Jährige, der an Zündern für Atombomben gearbeitet haben soll, wurde vor einem Kindergarten erschossen.

Interessant ist, dass in allen diesen Fällen das iranische Regime Israel und/oder die USA der Urheberschaft der Attentate bezichtigte – und somit die Schlagkraft des Gegners einräumte.

 

Neuer Cyber-Angriff

Seit Jahren werden die Spekulationen um einen möglichen (israelischen) Angriff auf Irans Atomanlagen in unregelmäßigen Abständen angeheizt. Jerusalem dürfte es dabei nicht zuletzt darum gehen, die Staatengemeinschaft zu schärferen Iran-Sanktionen zu drängen. Gleichzeitig ist es für Mossad-Experten offensichtlich, dass Israel fieberhaft alles tut, um einen Militärschlag vermeiden oder hinauszögern zu können: durch gezielte Sabotageakte, die erwähnten Morde oder – ein Krieg der neuen Generation – Cyber-Attacken: Erst am Montag gab der Iran einen neuerlichen Virus-Angriff zu, von dem iranische Firmen betroffen seien. Der Computerwurm Stuxnet hat im vergangenen Jahr reihenweise Uranzentrifugen lahmgelegt und das Atomprogramm zumindest um Monate zurückgeworfen.

Das Wort „zurückwerfen“ zeigt auch die Grenzen der Strategie auf: „Niemand gibt sich der Illusion hin, dass die Iraner deshalb ihr Atomprogramm stoppen werden“, sagt Yossi Melman, Geheimdienstexperte der Zeitung „Haaretz“, im Gespräch mit der „Presse“ Er sieht einen „Krieg“ westlicher Geheimdienste, „der im Verborgenen geführt wird, und immer wieder für kurze Momente sichtbar wird“.

Ob hinter dem jüngsten Unfall der Mossad oder ein befreundeter Dienst steht, da ist Melman noch vorsichtig: Es könne tatsächlich ein Unfall sein. Andererseits sei es auffällig, dass sich in den vergangenen Jahren gleich an drei Orten, die eine wichtige Rolle in Irans Raketenprogramm spielten, Explosionen ereignet hätten. Eines ist für den Experten jedoch klar: Wenn es denn ein Anschlag war, dann hat der Zeitpunkt nichts mit aktuellen Diskussionen über einen möglichen israelischen Angriff oder dem jüngsten IAEA-Bericht zu tun: Denn eine derartige Geheimdienstaktion würde monatelange Vorbereitungen erfordern.

 

London: Alle Optionen am Tisch

Wien/Teheran/Jerusalem. Die EU bereitet derweil neue Sanktionen gegen den Iran vor, wie aus einer gemeinsamen Erklärung der Außenminister vom Montag hervorgeht. Man sei „zunehmend besorgt“ über das iranische Nuklearprogramm. Der britische Außenminister William Hague sagte zu einem möglichen Angriff auf den Iran, London befürworte zwar keine Militäraktion: „Gleichzeitig sagen wir, dass alle Optionen auf dem Tisch liegen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2011)