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Haben Autisten zu viel Gehirn?

(c) AP
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Das Leiden der mangelnden sozialen Fähigkeiten greift um sich wie eine Epidemie. Die Ursache ist unklar, eine neue Spur weist auf die Entwicklung im Uterus.

Autisten haben im präfrontalen Cortex – dort sitzen die höheren Fähigkeiten, auch die zu Sprache und Sozialkontakt – 67 Prozent mehr Zellen, ihre Gehirne wiegen auch mehr; das zeigte sich zumindest im Vergleich von zwei kleinen Gruppen früh verstorbener Burschen, den eine Gruppe um Eric Courchesne (UC San Diego) angestellt hat (JAMA, 8.11.). Und es deutet darauf, dass schon im Uterus etwas schiefgegangen sein muss: In der 10. bis 20.Schwangerschaftswoche wachsen bei allen Embryos die Gehirne im Überschuss, aber für gewöhnlich wird er vor der Geburt wieder abgebaut. Bei Autisten wird dies durch irgendetwas verhindert, wodurch wissen die Forscher nicht.

 

Zunahme teilweise durch andere Diagnose

Immerhin, es gibt eine neue Spur bei dem rätselhaften Leiden, das 1943 erstmals beschrieben wurde, an elf Kindern, die schwere Kommunikationsprobleme hatten und repetitives Verhalten zeigten. Leo Kanner, der das „einzigartige Syndrom“ bemerkte, „von dem noch nie berichtet worden war“, vermutete, es sei „viel weiter verbreitet als bei den wenigen beobachteten Fällen“. Er behielt mehr als recht: 1966 zählte eine Studie in Großbritannien 4,5 Fälle pro 10.000 Kindern, 1992 waren es in den USA 19 von 10.000, 2006 über 90, jedes 110. Kind. Die Angst vor einer Epidemie kam auf, und sie ist bei Autismus viel drückender als bei anderen „Epidemien“ – Allergien, Asthma, Diabetes –, weil diese Krankheit den Menschen im Kern trifft, im seinem Selbst – da kommt der Name her – bzw. dessen mangelndem Kontakt mit anderen.

Allerdings lässt sich ein Teil der Zunahme durch veränderte medizinische Diagnosen und gesellschaftliche Denkweisen erklären: In Südkorea etwa fand Richard Grinker, Anthropologe an der George Washington University, bei Umfragen im Jahr 1980 kaum Familien, die von autistischen Mitgliedern berichteten: Das Leiden war stigmatisiert. Das blieb es nicht, 1999 wurde Grinker bei jedem 38. Kind davon berichtet. Diese Explosion ist unerklärlich, aber die „Epidemie“ insgesamt hängt auch mit den Diagnosen zusammen: 1952 hieß die Krankheit „frühe Schizophrenie“, 1980 wurde sie als „kindlicher Autismus“, 1987 „Autismus-Krankheit“ bezeichnet: Heute deckt „Autismus“ (autism spectrum disorder, ASD) ein breites Spektrum ab, es reicht von bösen Formen – zehn Prozent der Autisten können nicht sprechen, vier von fünf sind von ihren Eltern abhängig – bis zu milden, die oft mit Hochbegabungen in vielen Feldern verbunden sind: Béla Bartók, Erik Satie und Andy Warhol gehören ebenso zu Ferndiagnostizierten wie Isaac Newton, Albert Einstein und Ludwig Wittgenstein.

Natürlich hat sich auch die Aufmerksamkeit der Eltern erhöht, aber all das erklärt die Epidemie nicht: Peter Bearman, Soziologe an der Columbia University, hat fünf Mio. Geburten und 20.000 psychologische Diagnosen in Kalifornien ausgewertet und findet für nicht einmal die Hälfte der Autisten die Ursache: 25% kamen von den Diagnosen – viele heutige „Autisten“ waren früher „geistig retardiert“ –, 15% von erhöhter Aufmerksamkeit, 10% vom höheren Alter, in dem viele Paare heute Kinder zeugen. (Es ist nicht klar, ob es eher an Vätern oder Müttern liegt; Bearmans Befund deutet eher auf Letztere). Und vier Prozent haben etwas mit der Region zu tun: In den Hügeln von Hollywood etwa häuft sich das Leiden, das Wasser geriet in Verdacht – 1959 gab es in der Nähe einen Atomunfall –, aber Los Angeles trinkt das gleiche Wasser (Nature, 479, S.22).

In einer anderen Umwelt gräbt Simon Baron-Cohen (Cambridge), der umtriebigste und umstrittenste Autismusforscher. Er führt das Feld zurück in seine frühen Jahre, damals suchte man soziale Gründe und fand – lieblose „Kühlschrankmütter“. Das hielt sich nicht, man wechselte zu den Genen – eine Mrd. Dollar hat die US-Regierung in den letzten zehn Jahren dafür ausgegeben; für die Erkundung möglicher Umweltfaktoren 40 Mio. –, man fand nichts (bzw. Gene sonder Zahl), nun schlägt das Pendel zurück, ins Soziale: Baron-Cohen setzt seit 1997 auf die „Theorie des extremen Männergehirns“: Sie wird dadurch gestützt, dass bei ASD auf elf Männer eine Frau kommt, das könnte am Testosteron im Uterus liegen. Und es zeigt sich im „männlichen Denken“, das die Welt in Regeln bringt und systematisiert, während das „weibliche Denken“ sich eher in andere hineinversetzt. Die Rede ist jeweils von einem Typus, in der Realität ist der rar, viele Frauen systematisieren auch. Exakt diesen Typ sieht Baron-Cohen vor allem bei den Computer-Geeks, deren Leben sich um Elektronik dreht, etwa in Silicon Valley oder in Eindhoven, auch dort ist ein Hightechzentrum. Und dort hat Baron-Cohen stark erhöhte Autismusraten gefunden. Er führt sie darauf zurück, dass die Kinder genetischen und/oder Erziehungseinflüssen von beiden Elternteilen unterliegen: „Wenn solche Geeks einander heiraten, ist das eine schlechte Neuigkeit für den Nachwuchs“ (Nature, 479, S.25).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2011)