Finanzmarktpolitik: Ratingverbot verschoben

(c) REUTERS (VINCENT KESSLER)
  • Drucken

EU-Kommissar Barnier zieht vorerst das Verbot der Ratings von Krisenländern wie Spanien oder Portugal zurück. Gleichzeitig droht er den Ratingagenturen aber mit einer weiteren Verschärfung der Spielregeln.

STRASSBURG. Die Europäische Kommission macht bei der Regulierung der Kreditratingagenturen einen Rückzieher: Das angekündigte Verbot, zwei Monate lang keine Ratings über die Kreditwürdigkeit von EU-Staaten zu veröffentlichen, die sich in Hilfsprogrammen der anderen EU-Länder befinden, werde erst zu einem späteren Zeitpunkt vorgelegt, sagte Binnenmarktkommissar Michel Barnier am Dienstag in Straßburg.
Gleichzeitig drohte Barnier den Ratingagenturen aber aus aktuellem Anlass mit einer weiteren Verschärfung der Spielregeln. Dabei geht es um sogenannte „Pre-Alerts“, also Vorabinformationen über anstehende Änderungen der Ratings von Staaten und Unternehmen, die man bei den Ratingagenturen kaufen kann. Einen solchen „Pre-Alert“ hatte Standard & Poor's (S & P) vergangene Woche irrtümlich ausgeschickt. Ein Computerprogramm hatte unbeaufsichtigt ein E-Mail an zahlende Kunden von S & P gesendet, wonach eine Herabstufung des Spitzenratings der Republik Frankreich unmittelbar bevorstünde. Die Aussicht auf einen Verlust der AAA-Bestnote der zweitgrößten Volkswirtschaft Europas hatte die Anleihenmärkte bis zur Klärung des Fehlers in schwere Verwerfungen geführt.
„Dass bestimmte Kunden gegen Geld vor allen anderen gewisse Informationen bekommen können, schafft Probleme, etwa hinsichtlich des Marktmissbrauchs“, sagte Barnier. „Ich werde mich von meinem juristischen Dienst beraten lassen, ob diese Praxis eingeschränkt werden soll.“
Doch vorerst sorgt Barniers Rückzieher in Sachen Ratingverbot für Krisenländer für Verwunderung. Noch im letzten Entwurf, der der „Presse“ vorliegt, schlug der Kommissar vor, dass die EU-Wertpapieraufsicht Esma in Paris für zwei Monate die Ratings von Staaten verbieten dürfe, wenn das nötig sei, „um das Funktionieren der Finanzmärkte oder die Stabilität des Finanzsystems zu sichern“.
Unverändert schlägt Barnier aber vor, dass Anleger künftig Verluste aufgrund von Ratings einklagen können, die durch Vorsatz oder schwere Fahrlässigkeit der Agenturen verfälscht sind.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:

Mehr erfahren

Neue Ratingregeln fuehren Qualitaetsverlust
International

S&P: "Neue Ratingregeln führen zu Qualitätsverlust"

Die US-Ratingagentur ist grundsätzlich für mehr Wettbewerb. Neue Regeln sollen aber im Einklang mit anderen Regulierungsrahmen sein. Ansonsten leidet die Qualität.
EU Commissioner Barnier addressses a news conference in Brussels
International

Keine Entscheidung zu Rating-Verbot für Krisen-Länder

Die EU-Kommission präsentiert verschärfte Regeln für Ratingagenturen. Die Entscheidung über die temporäre Suspendierung werde aber verschoben, sagte EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier.
Barroso
International

Barroso: Ratingagentur unabhängig von EU-Kommission

EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso spricht sich für eine europäische Ratingagentur aus, diese dürfe jedoch nicht von der EU-Kommission gegründet werden.
FILE USA STANDARD AND POORS REDUCES SPAIN RATING
International

Drei Ratingagenturen beherrschen weltweiten Markt

Drei Ratingagenturen mit Wurzeln in den USA gelten weltweit als Bonitätswächter. Doch wem gehören die Finanzdienstleister heute eigentlich?

Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.